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Genomversuche an Kindern: „Er möchte einen Platz in den medizinischen Geschichtsbüchern“

Genomversuche an Kindern : „Er möchte einen Platz in den medizinischen Geschichtsbüchern“

Einem chinesischen Wissenschaftler zufolge sind weltweit erstmals Babys nach einer Genmanipulation geboren worden. Aus Sicht vieler Wissenschaftler ein Skandal – sollte die Behauptung tatsächlich stimmen. Auch Dominik Groß, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der RWTH Aachen, ist fassungslos.

In einem am Sonntag bei Youtube veröffentlichten Video verkündet der federführende Wissenschaftler He Jiankui von der Southern University of Science in der südchinesischen Stadt Shenzhen stolz, dass „zwei wunderschöne chinesische Babys namens Lulu und Nana vor einigen Wochen schreiend zur Welt kamen, so gesund wie jedes andere Baby auch.“ Mit einem Unterschied: Noch bevor die Embryonen in den Bauch der Mutter verpflanzt wurden, hätten die Forscher mithilfe des Genom-Editier-Werkzeugs CRISPR/Cas9 in deren Erbgut eingegriffen und das Gen entfernt, das eine Infektion mit HIV möglich macht.

Dominik Groß, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der RWTH Aachen, ist fassungslos. „Das Vorgehen von He Jiankui ist wissenschaftlich höchst unseriös“, sagt er. „Es gibt keine hinreichende Studienlage, keine klinische Erprobung und keine wissenschaftliche Publikation über das Experiment – nur die Youtube-Videos mit seinen Erklärungen. Er wollte den herkömmlichen, in der Wissenschaftswelt anerkannten Weg abkürzen und hat alle vor vollendete Tatsachen gestellt.“ He schade damit dem Ansehen seriöser medizinischer Forschung.

Zu unerforscht, zu risikoreich

Denn eigentlich ist die Genschere Crispr/Cas9 ein hoffnungsvolles Instrument. Mit dem Mini-Werkzeug können Gene gezielt verändert, an- oder ausgeschaltet und durch fremde Bestandteile ergänzt oder ersetzt werden. Mediziner forschen intensiv daran, Krebs und Erbkrankheiten wie zum Beispiel die Sichelzellenanämie mit der Methode zu heilen. Bislang jedoch gelte Crispr/Cas9 noch als zu unerforscht und risikoreich, um sie am Menschen anzuwenden, sagt Groß. „Ein solcher Eingriff in die menschliche Keimbahn ist weitervererbbar und beeinflusst deshalb nicht nur eine, sondern viele weitere Generationen. Potentiell auftretende Mutationen, das heißt unerwünschte Erbgutveränderungen, pflanzen sich fort – ohne, dass wir viel über Risiken und Nebenwirkungen wissen.“ In Deutschland, den USA und vielen anderen Ländern sind derartige Manipulationen an menschlichem Erbgut deshalb verboten.

Dem Eintrag in einem chinesischen Register für klinische Tests zufolge – dem bislang einzigen Hinweis darauf, dass das Experiment tatsächlich stattgefunden hat – brachte das chinesische Team ungewollt kinderlose Paare aus gesunder Mutter und HIV-infiziertem Vater dazu, bei den Versuchen mitzumachen. Mittels künstlicher Befruchtung wurden zahlreiche Embryos geschaffen, deren Erbgut mit der erst seit 2012 in Labors eingesetzten Genschere verändert wurde. Die Forscher um He zielten dabei auf das Gen für den sogenannten CCR5-Rezeptor ab, an den sich HI-Viren für eine Infektion der Zelle anheften. Menschen ohne funktionales CCR5-Protein stecken sich nicht mit dem Virus an.

Dominik Groß, Direktor des RWTH-Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, vermutet Größenwahn hinter der bislang unbestätigten Behauptung Hes. Foto: RWTH Aachen/Dominik Groß

Die Kinder vor einer möglichen HIV-Infektion durch ihre Eltern zu bewahren, könne jedoch nicht die tatsächliche Motivation gewesen sein, vermutet Dominik Groß. „Es gibt viele andere, kostengünstigere und nicht-invasive Verfahren, um sich vor dem Virus zu schützen. HIV ist keine Erbkrankheit, sondern eine Virusinfektion.“ Es sei sogar bekannt, dass Menschen, denen natürlicherweise das CCR5-Gen fehlt, ein höheres Risiko haben, an anderen Virusinfektionen wie einer Grippe oder dem West-Nil-Fieber zu erkranken und auch zu sterben. Nutzen und Risiko eines solchen Eingriffs stünden in keinem Verhältnis. „Ich denke, sein wahres Motiv ist, dass er der erste sein will, dem ein solcher Eingriff gelungen ist. Er möchte einen Platz in den medizinischen Geschichtsbüchern“, sagt Groß.

Experten kommen am Dienstag zusammen

Passenderweise ließ He Jiankui die Bombe kurz vor dem internationalen Gipfel zum „Human Genome Editing“ platzen, der am Dienstag an der Universität Hongkong stattfinden wird. Dort kommen die weltweit führenden Experten auf dem Gebiet der Genomeditierung zusammen, um darüber zu diskutieren, ob der Mensch anfangen sollte, sich genetisch zu modifizieren und wenn ja, wie und unter welchen ethischen Prämissen. Wie es scheint, hatte keiner der Organisatoren eine Ahnung von Hes Plänen.

Für gezielte Veränderungen am Erbgut wurde Crispr/Cas9 erstmals von der US-Biochemikerin Jennifer Doudna und der französischen Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier genutzt. Die wegweisende Studie der beiden Wissenschaftlerinnen erschien 2012 im Magazin „Science“. Seitdem wird die Methode in unzähligen Labors weltweit verwendet und erforscht. Charpentier ist mittlerweile Direktorin des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin und wurde erst im September mit dem Aachener Ingenieurpreis ausgezeichnet. Mit Äußerungen zu den Vorgängen in China hält sie sich derzeit zurück. Sie „zieht es vor auf die Veröffentlichung des entsprechenden Artikels zu warten, bis sie die von He Jiankui durchgeführte Studie kommentiert“, sagte ihre Pressesprecherin auf Anfrage unserer Zeitung.

Jennifer Doudna dagegen sagte am Montag in Hongkong: „Wenn sich das bestätigt, stellt diese Arbeit einen Bruch mit dem zurückhaltenden und transparenten Vorgehen der globalen Wissenschaftsgemeinde bei der Anwendung von Crispr/Cas9 zum Editieren der menschlichen Keimbahn dar.“

Ein „Instrument der Heilung“?

In seiner Videobotschaft stellt He Jiankui klar, dass er wisse, dass seine Arbeit kontrovers diskutiert werden wird, aber er glaube, dass Familien diese Technik brauchen. Es gehe dabei nicht um Designer-Babys, bei denen Eltern gezielt Einfluss auf Haarfarbe, Augenfarbe oder auch die Intelligenz nehmen. „Genom-Chirurgie“, wie er es nennt, solle ein „Instrument der Heilung“ bleiben. Er erlegt sich dazu selbst fünf moralische Prinzipien auf, die er auf der Webseite seiner Arbeitsgruppe veröffentlicht hat.

Laut Dominik Groß hält er sich bislang jedoch an kein einziges dieser Prinzipien. „Die Regeln, die er dort aufführt, haben nichts mit seiner Arbeit zu tun. Es sind fromme Sprüche, denen viele zustimmen würden, die aber in diesem Fall, definitiv keine Anwendung gefunden haben.“ Seine schwerwiegendsten Bedenken sind jedoch: „He hat eine Tür aufgestoßen, die sich vermutlich nur noch schwer wieder schließen lässt. Sobald klar ist, dass eine solche Genmanipulation technisch möglich ist, wird es erfahrungsgemäß Staaten geben, in denen es gemacht wird – egal, ob es moralisch fragwürdig ist oder nicht.“

Die Shenzhener Universität, an der He forscht, wies am Montag jedes Wissen über seine Experimente zurück. „Wir sind zutiefst schockiert“, hieß es in einer Mitteilung. Die Arbeiten wurden demnach außerhalb der Universität durchgeführt. Auch habe He die Hochschule nicht über seine Arbeit unterrichtet. He habe „ernsthaft gegen die akademische Ethik und akademische Normen“ verstoßen.

Der Fall der genveränderten Zwillinge Lulu und Nana – egal, ob es sie nun gibt oder nicht – zeige ein Missverhältnis zwischen den technischen Möglichkeiten und den ethischen Rahmenbedingungen, sagt Dominik Groß. „Es ist nie zu früh, über Ethik in der Medizin zu sprechen. Sonst werden wir Ethiker lediglich zur Fahrradbremse am Überschallflugzeug.“