Tag der Menschen mit Behinderung: Zwischen Kneten und Scherzen

Tag der Menschen mit Behinderung : Zwischen Kneten und Scherzen

Mario Fischer ist taub. In der Backstube müssen seine Hände deshalb besonders viele Aufgaben übernehmen. Mario Fischer misst die passende Menge Mehl in einen Metallkübel ab, mischt die Zutaten und knetet den Teig für die Dinkel-Rosinenbrötchen. Behände flitzt er durch die Backstube, feixt zwischendurch mit den Kollegen.

Ob jetzt endlich Feierabend sei, scherzt er. Die Kollegen lachen. Dass er nicht hören kann, was seine Kollegen sagen und ihnen nicht verbal antworten kann, scheint seine Arbeit kaum zu beeinflussen – und seinen Enthusiasmus nicht zu brechen. Von seinem Opa habe er das Backen gelernt, erzählt er in Gebärdensprache, eine Dolmetscherin übersetzt. Fischer ist taub, seitdem er etwas ein Jahr alt war.

Nachdem er praktisch in der Familienbäckerei aufwuchs, die erst vom Großvater und dann von der Mutter geführt wurde, war ihm schon während der Schulzeit klar, dass es auch für ihn nur den einen Beruf geben konnte. Sein Hobby habe er nach dem Schulabschluss dann durch einen Glücksfall zum Beruf machen können: Ein Lehrer vermittelte ihn an eine Bäckerei.

Taub - aber doch mitten im Berufsleben

Gegen zwei Uhr morgens aufzustehen, sei ihm noch nie schwer gefallen, lässt er die Dolmetscherin erzählen. Eine Ausbildung machte er nicht, trotzdem fand er, nachdem die Bäckerei insolvent ging, erneut einen Job in einer Backstube.

In der Praxis überzeugt

Heute ist Fischer 51 und hat rund 25 Jahre Berufserfahrung. Für seinen aktuellen Arbeitgeber wog das die fehlende Berufsausbildung auf. Seit etwa acht Monaten arbeitet Fischer in der Aachener Backstube von Heinrich Töller. „Die Praxis hat mich überzeugt“, sagt Töller, der schon vor 20 Jahren Bio-Brote gebacken hat. Von seiner Backstube in der Jülicher Straße aus beliefert er heute verschiedene Supermärkte und betreibt einen Online-Shop.

Töller beschäftigt 18 Mitarbeiter, zum Teil falle es schwer, geeignete Arbeitskräfte zu finden. „Wir arbeiten hier sehr handwerklich, das ist nicht jedermanns Sache“, sagt er. Für Mario Fischer sei es jedoch genau das Richtige, das habe sich schon gezeigt, als er zu Jahresbeginn zum Probearbeiten vorbeikam.

Zudem fallen hier Gefahren weg, die in industriellen Bäckereien durch große Maschinen entstehen, deren akustische Signale Fischer nicht wahrnimmt. „Für mich war außerdem wichtig, wie es mit den Kollegen klappt“, ergänzt Töller. Das Verhältnis sei gleich vom ersten Tag an so entspannt gewesen wie heute. Inzwischen beherrschten die meisten schon rudimentär die Gebärdensprache einige wollten bald an einem richtigen Kurs teilnehmen, sagt Töller.

Fischer ist der erste Mitarbeiter mit Behinderung, den er ins Team aufgenommen hat. „Wir haben so gute Erfahrungen gemacht, dass wir uns vorstellen können, einen weiteren Menschen mit Behinderung zu beschäftigen“, sagt er. Der Großteil der Kommunikation in der Backstube lässt sich mit zeigen und gestikulieren regeln, erzählt Fischer.

Will der Chef etwas komplexeres erklären, nutzt er die Sprach-zu-Text-Eingabe am Handy. Auch in den vier Bäckereien, in denen er zuvor gearbeitet hat, habe man sich mit Schriftkommunikation beholfen. Das Verhältnis zu den Kollegen sei dort aber nicht immer so gut gewesen. Ehemalige Kollegen seien oft nicht auf ihn eingegangen, nicht sensibel dafür gewesen, dass sie ihn hätten antippen müssen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen.

Die Agentur für Arbeit betreut in der Städteregion 1230 arbeitslose Menschen mit Schwerbehinderung. Bezieht man die Kreise Düren und Heinsberg mit ein, sind es 2176 Personen. Zwar sind alle Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet, sich Arbeitnehmern mit Behinderung zu öffnen. Dass auch Bewerbungen von Menschen mit Behinderung willkommen sind, werde aber nur in etwa einem Prozent der Ausschreibungen explizit erwähnt, berichtet Walter Knops von der Agentur für Arbeit. „Bundesweit haben Menschen mit Behinderung vom Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren wenig gehabt“, sagt Knops. Das Team für Rehabilitation und Teilhabe gehe daher direkt auf die Arbeitgeber zu. So kam auch das Arbeitsverhältnis zwischen Fischer und der Bio-Bäckerei zustande. Neben allen anfallenden Kosten während der dreimonatigen Probezeit übernahm die Agentur für Arbeit einen Zuschuss für die weitere Einarbeitung.

In der warmen Backstube schiebt Fischer die Rosinenbrötchen in den Ofen. Abgesehen von Weihnachtsstollen und Keksen, die er am Wochenende ohnehin zu Hause zusammenmischt, backt er hier die ganze Woche Cashew-Möhrenbrot und Apfel-Ingwer-Muffins – in unbefristeter Anstellung.

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