Aachen: Zukunftsszenario made in Aachen: Wie leben und arbeiten wir in zehn Jahren?

Aachen : Zukunftsszenario made in Aachen: Wie leben und arbeiten wir in zehn Jahren?

Wir schreiben den 2. Januar 2028. Dieser Zeitung ist es dank Carlo Matic gelungen, einen ziemlich präzisen Vorausblick auf diesen winterlichen Tag zu erhalten.

Matic ist 2028 49 Jahre alt. Vorhersagen sind sein Metier, der Interaktiv-Unternehmer (Interactive Pioneers), der im Aachener Drehturm Belvedere zu Hause ist, ist ein digitaler Zukunftsmacher, der konkrete Vorstellungen davon hat, wie sein 2. Januar 2028 ablaufen wird.

Hat ein detailliertes Bild davon gezeichnet, wie wir in zehn Jahren leben könnten: Carlo Matic. Foto: Christoph Pauli

Er beschreibt die technologischen Hintergründe, die aus seiner Sicht dazu führen, dass wir in zehn Jahren weniger Technik sehen, aber natürlicher mit ihr umgehen werden.

„An diesem 2. Januar 2028 geht die Sonne erst um 8.38 Uhr auf, aber schon ein paar Minuten vorher summen die Gardinen zur Seite, damit mehr Licht in mein Schlafzimmer dringt. Die Wetterdaten haben das erste Tageslicht gemeldet und einen kleinen Motor aktiviert. Um nicht so schockartig aus dem Schlaf gerissen zu werden, wird das Zimmerlicht im Raum langsam hochgefahren. Niemand soll in einer Tiefschlafphase aufgeweckt werden, gemessen wird das von Sensoren in meiner Matratze, die natürlich auch mit dem Smarthome vernetzt sind. Sie registrieren die einzelnen Schlafphasen. Akkurater wäre zusätzlich eine Uhr, die meine Körperfunktionen misst.

Das nutzen auch 2018 schon einige, im Jahr 2028 sind wir aber von viel mehr Sensoren umgeben. Die vernetzte Umgebung hat noch mehr Informationen. Sie weiß unter anderem auch, wann das Bad frei geworden ist, der erste Termin des Tages vorgesehen ist und bezieht die Verkehrssituation am Aachener Kreuz ein, die auch in zehn Jahren nicht entspannt ist. So entscheidet die Weckroutine, dass nach Lage der Dinge eine weitere Tiefschlafphase nicht möglich ist, spielt langsam die aktuelle Lieblingsmusik an und weckt mich zehn Minuten später als gestern.

Keine physischen Displays mehr

In jedem Raum gibt es eine Art Feuermelder, der zudem Bewegung, Personen und ihre Gesten im Raum erkennt. Dieser Sensor hat zum Beispiel beigesteuert, dass das Bad gerade freigeworden ist. Er ist ein kleiner Alleskönner mit Mikrofon, Lautsprecher, Wärmebilderfassung und vielen weiteren Sensoren. Und er kann auf Zuruf mit einem Laser-Projektor an die Wand projizieren.

Herkömmliche Bildschirme haben längst ausgedient. Solche physischen Displays sind ohnehin eine Verschwendung an Rohstoffen. Die Größe der Projektionen lässt sich mit einer Geste beliebig verändern, großflächig an einer Wand, kleinflächig an einem Tisch, je nach Situation. Auch für die Steuerung von Geräten reicht es, darauf zu zeigen und zu sagen, was man möchte, beispielsweise: „Geh an“. Meistens muss man aber nichts mehr sagen, das System reagiert intelligent automatisch.

Es wird weniger (sichtbare) Geräte geben, in der Haustechnik befindet sich ein sehr leistungsstarker zentraler Rechner, der alles sicher vernetzt und mit meiner Umgebung kommuniziert. Dieser Server steht daher nicht irgendwo in Amerika, sondern ist eine lokale Einheit, auf die ich direkten Zugriff habe. Er sammelt, tauscht und verarbeitet die verschiedenen Daten und unterstützt meinen Alltag.

So wirft dieser digitale Helfer, nachdem ich aufgestanden bin, nun auch die Kaffeemaschine an, das Bad wird auf angenehme 23 Grad geheizt. Beim Zähneputzen bekomme ich automatisch im Spiegel einen Überblick über mein Tagesprogramm. Das System stellt fest, dass ich Langeweile beim Zähneputzen habe, und gibt mir dieses Angebot. Ich kann kurzfristig meine Pläne tagesaktuell ändern.

Später beim Rasieren wird mir ein kleines Spiel vorgeschlagen, bei dem ich meinen Highscore verbessern kann. Es soll mich motivieren, etwas schneller zu rasieren. Die einzelnen Rasierbahnen kann ich im smarten Spiegel in meinem Gesicht sehen und bekomme Punkte dafür. Dieser spielerische Ansatz taucht im Alltag häufiger auf.

In der Dusche messen Bodenkontaktplatten meinen Blutdruck, von den Matratzen-Sensoren kommt die Rückmeldung, dass seit Tagen Schlafstörungen vorliegen, in der Toilette werden meine Vitalwerte festgestellt. Registriert das System Abweichungen, gibt es den Vorschlag, eine eHealth-Session beim Hausarzt zu verabreden.

Die Stimme meiner Lieblingsschauspielerin liest mir beim Duschen individuell zusammengestellte Nachrichten vor. Der Stream orientiert sich dabei an meinem Medien-Kosumverhalten, weiß, welche Inhalte ich bevorzugt konsumiere.

Wir denken nicht mehr in Programmen oder Apps, sondern in Anwendungsfällen. Dinge, die mir im richtigen Moment abgenommen werden sollen. Für viele Menschen ist es eine Horrorvorstellung, nicht mehr Herr ihrer Entscheidung zu sein. Das Gegenteil ist aber der Fall, es geht um Bequemlichkeit, darum, automatische Angebote anzunehmen oder abzulehnen. Ich definiere, was ich wann wie zulasse.

Die Zeit der Fernbedienungen ist schon seit Jahren vorbei, auch Apps haben ausgedient. Niemand möchte mehr umständlich Buttons drücken. Meine persönlichen Daten sind nicht mehr in einer zentralen Cloud, sondern dank viel besserer Hardware lokal und nur anonym im Netz gespeichert.

Beim Frühstück unterhalte ich mich wie verabredet mit meiner Tochter, die mir lebensgroß projiziert gegenübersitzt, obwohl sie gerade in Asien arbeitet. Meine Frau musste heute schon früher aus dem Haus. Sie besucht eine Freundin in Stuttgart. Reisen ist sehr viel schneller geworden, mit dem Hochgeschwindigkeitszug hat sie nur noch 58 Minuten gebraucht ab Aachen.

Für mich steht heute ein Tag im Belvedere-Büro an. Vorher lasse ich mir aber noch meine eingegangenen Nachrichten vorlesen und diktiere ein paar Antworten. Ob die Antworten den Empfänger schriftlich oder vorgelesen erreichen und wann, entscheidet sein System passend. Mein persönlicher digitaler Assistent bittet mich, langsam fertig zu werden, weil der Wagen gleich vorfährt. Er hat nicht nur eine Stimme, sondern wird mir über die Projektion auch lebensgroß angezeigt. Ich nenne ihn „MiniMe“.

Er erinnert mich an die Spuren unserer Silvesterfete. Ich stimme seinem Vorschlag zu, einen Maler zu organisieren. „Maler on demand“, es soll heute erledigt werden.

Dieses Fest beziehungsweise seine Folgen haben meine Frau nicht so richtig amüsiert. Deshalb bitte ich „MiniMe“, dass er für heute Abend ein romantisches Essen für uns organisiert. Er kennt ihre kulinarischen Vorlieben und weiß, was noch im Kühlschrank vorhanden ist. Der Caterer bekommt ebenso wie der Maler einen temporären Zugang zu unserer Wohnung und wird dort vom System detailliert mit Ton und Projektionen instruiert. Ich weiß, wer da kommt, die Haustechnik ist informiert, ein Unberechtigter bekäme keinen Zugang.

Die Kosten für mein Candle-Light-Diner sind nicht mehr so groß. Der Caterer kann mehrere Aufträge verbinden, er kann im größeren Stil einkaufen, er kann jederzeit in das Haus der Auftraggeber, wird aber auch bei jeder Bewegung vom Haus überwacht. Es sind neue Service-Formen entstanden. „Was im Haushalt und Kühlschrank fehlt, wird frisch und weitgehend unverpackt automatisch in die gekühlte Postbox an der Haustür geliefert. Fürs Frühstück wird diesmal frischer Speck geliefert, natürlich ökologisch freundlich reproduziertes Fleisch.“

Das selbstfahrende Auto sammelt mich und einen weiteren Mitfahrer ein. Die Alarmanlage wird automatisch scharf geschaltet, weil die Sensoren feststellen, dass ich als letzter das Haus verlassen habe. Ich höre ein spannendes Buch, dank Knochenresonanz in meiner Brille sogar ohne Kopfhörer, so dass der Mitfahrer nicht mitlauschen muss und meine Ohren frei bleiben.

Der mitfahrende Kollege wurde von der Aseag nicht zufällig ausgewählt. Nicht nur, dass wir wieder zur gleichen Zeit den gleichen Weg teilen, unsere Interessen passen auch gut zusammen, so dass wir bereits auf früheren Fahrten viele angeregte Gespräche hatten.

Mit der Brille durch Helsinki

Heute ist er aber abgelenkt, da er mit seiner Virtual-Reality-Brille den nächsten Urlaub plant. Er läuft durch Helsinki, schaut sich in Museen und Hotels um.

Das Hörbuch wird unterbrochen, es klingelt. Ein Freund ruft an, das System weiß, dass die Situation gerade nicht passend für eine Videokonferenz ist, da ich nicht alleine im Fahrzeug bin. Kaum noch jemand hat ein extra Smartphone, da Projektion, Sprachsteuerung, überall verfügbares Breitbandinternet und enorme Rechenleistung in kleinsten Formen wie Uhren oder Anhängern verbaut sind. Diese kleinen Geräte haben zudem den PC von früher ersetzt.

Wir verabreden uns für heute Abend auf ein schnelles Feierabend-Bier. Es gibt auch 2028 immer noch schöne Kneipen, und die Menschen haben mehr Zeit für ein Treffen, weil die digitale Technik ihnen viele Wege abnimmt. Mein Shuttle für die Heimfahrt wird automatisch um 45 Minuten verschoben, mehr Zeit haben wir nicht, wegen der Verabredung zum Essen mit meiner Frau.

Der Wagen bringt uns zum Blücherplatz, wo wir in verschiedene E-Busse steigen, die auf uns warten, weil sie unsere Ankunftszeit kennen. Im Vordersitz befindet sich ein Oled-Display, es wird über Gesichtserkennung personalisiert aktiviert. Die Frage taucht auf, was ich tun möchte. Ich kann zwar auf dem Interface auf meine Daten zugreifen, aber an diesem Morgen möchte ich ein bisschen durch die neusten Angebote der lokalen Händler stöbern.

Natürlich hat sich die Krake Amazon auch in der Region ausgedehnt. Die lokalen Einzelhändlern haben sich parallel stärker spezialisiert. Sie haben das beste Sortiment, die beste Beratung, und sie können tagesaktuell liefern. Die Transportkette auf der letzten Meile ist gelöst. Der Verkäufer kann meine gewünschte Flasche Wein bestellen, lässt sie per Drohne anliefern und bringt sie zu dem Wagen, der mich heute Abend abholen wird. Auf meiner abendlichen Rückfahrt liegt der gute Tropfen bereits im Kofferraum. Bezahlt wird automatisch, das System autorisiert es durch die Gesichtserkennung.

Die letzten Meter zu meinem Büro im Belvedere sind meine liebsten: Die Seilbahn vom Bendplatz bringt mich zum Drehturm auf den Lousberg, wo ich pünktlich zum ersten Meeting erschienen bin. Zwei Kollegen und ein Experte aus Stockholm werden dabei zugeschaltet. Gemeinsam arbeiten wir jeweils auf dem interaktiven holographischen Tisch an einem 3D-Modell, jeder sieht die Veränderung live. Wir könnten uns auch mit Virtual-Reality in einem gemeinsamen virtuellen Raum bewegen, aber die Arbeit am Tisch ist angenehmer. Das Ergebnis wird zur Probe dreidimensional gedruckt und dient als Referenz für den Schreiner in Brand, den ich heute Nachmittag besuche.

Schreiner — und das nur als Beispiel — wird es weiterhin geben. Er bekommt Aufträge digital standardisiert angeboten, ohne, dass er dafür mit den Kunden sprechen muss. Passen die Kundenwünsche, kann er den Auftrag annehmen und ausführen. Stühle und Tische lassen sich zwar bereits jederzeit drucken, parallel profitieren Handwerker aber von der Gegenbewegung, dass handgefertigte Dinge einen viel größeren Wert darstellen und begehrt sind.

Internationale Aufträge digital

Im Laufe der Jahre haben sich die digitalen Schnittstellen der Handwerker und lokalen Dienstleister rasant verbessert. Jetzt kann der Schreiner auch internationale Aufträge digital entgegennehmen und die handgefertigten Ergebnisse in die Logistikkette zur Weiterverarbeitung geben. So kann er als einer von 21 Schreinern weltweit an unserem neuen Produkt mitarbeiten, einer Luxus-Virtual-Reality-Brille. Sie wird auf Bestellung möglichst lokal von acht verschiedenen Gewerken produziert und binnen 48 Stunden zum Kunden geliefert.

Es war ein schöner 2. Januar 2028. Der Maler hat gut gearbeitet, das Candle-Light-Diner war toll, und meine Frau hat viel von Stuttgart erzählt. Ich habe ihr von meiner Überlegung erzählt, die neuen smarten Kontaktlinsen zu bestellen. Damit erhalte ich unauffällig nützliche Zusatzinformationen im Alltag „augmentiert“. Der Abend endet mit einem virtuellen Abendspaziergang durch Krabi in Thailand, wo wir oft im Urlaub waren. Müde fallen wir in unserem kühlen Schlafzimmer ins vorgeheizte Bett.“