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Aachen: Werbestrategien gut im Blick: Der Marketing Club Aachen wird 40

Aachen : Werbestrategien gut im Blick: Der Marketing Club Aachen wird 40

Marketing? Kein Unternehmen würde heutzutage darauf verzichten. Es gibt Strategen und Strategien, Studien und ein facettenreiches Studium. Aber vor 40 Jahren war das anders. „Nichts, nicht einmal Lehrbücher gab es. Wenn überhaupt, dann wurde das Thema Vermarktung unter dem Dach der Betriebswirtschaft behandelt”, sagt Professor Richard Köhler. „Von Marketing war kaum die Rede. Es gab keine Lehrstühle.“

Köhler, der inzwischen in Köln lebt, hatte vor 40 Jahren eine Idee und setzte sie um: 1977 gründete er zusammen mit Kurt Capellmann, damals geschäftsführender Gesellschafter der Waggonfabrik Talbot, Frank Radtke, Direktor der Dresdner Bank, Karl Albert Basten vom Basten-Verlag und noch einigen hochrangigen Aktiven aus der Wirtschaft den Marketing Club Aachen. Das wird am 6. Oktober im „Depot Talstraße“ gefeiert. Gleichzeitig werden zum fünften Mal Marketingpreise vergeben.

Die Namensliste der Mitglieder in vierzig Jahren liest sich wie ein Who-is-Who der Aachener Geschäftswelt. „Damals war das eine elitäre Gesellschaft“, erzählt Andreas Ihrig (55), seit Mai 2016 Präsident des Clubs. Der Leiter der Abteilung Marketing bei EWV Energie- und Wasser-Versorgung GmbH in Stolberg hat längst die Zeichen der Zeit erkannt. „Elitär ist der Club heute nicht mehr.

Der Marketingclub braucht alle, auch die jungen Nachwuchskräfte.“ Die „JuMPs“, die „Jungen Marketing-Professionals“, zahlen einen niedrigeren Beitrag. Mitglied kann gleichfalls werden, wer im Marketing arbeitet, gerade das sorgt für Dynamik im Club. „Man musste damals eine Führungsposition bekleiden und gesellschaftlich gut verankert sein, zwei Referenzen kamen hinzu“, berichtet Köhler. „Wenn man noch so verfahren würde, wäre der Club ein Alt-Herren-Verein.“

Richard Köhler (81) stammt aus Schweinfurt, hat nach der Lehre als Bankkaufmann Betriebswirtschaftslehre studiert. Promotion, Habilitation — 1973 war eine seiner zahlreichen beruflichen Stationen die RWTH Aachen. Bis 1979 lehrte er als Professor Allgemeine Betriebswirtschaft, wurde Vorsitzender des Instituts für Wirtschaftswissenschaften, schließlich Dekan der Philosophischen Fakultät.

Generationenwechsel

Als Andreas Ihrig 1987 sein Studium aufnahm, war Marketing als Studienrichtung bereits selbstverständlich — ein Generationenwechsel hatte stattgefunden. Im damaligen West-Berlin ließ er sich zum Hotelfachmann ausbilden, ein Studium der Betriebswirtschaftslehre schloss sich an. „Ich habe 1989 im Stadtteil Wedding den Fall der Mauer erlebt“, erinnert er sich. „Die Emotionen und Wünsche der Menschen aus dem Ostteil der Stadt, das hat mich tief berührt und geprägt.“

Helmut Kohl, Willy Brandt — sie alle konnte er vor Ort erleben. Ihrig hat in der Gastronomie gelernt, Kundenbedürfnisse zu erkennen, zu lenken, damit zu arbeiten. Eine gute Basis. „Ich habe früh verstanden, dass man in die Praxis gehen muss“, sagt Ihrig, der für seine Diplomarbeit eine „Kunden-Lauf-Studie“ in Drogeriemärkten erarbeitet hat. Nach weiteren Erfahrungen in einer Werbeagentur und bei der Herlitz-AG kam 1999 das Stolberger Angebot — EWV. „Spannend, einen Monopolisten, der zuvor nichts mit Marketing zu tun hatte, in den Markt einführen, eine Herausforderung“, sagt er.

Kommunikation, Produktmarketing — vertraute Disziplinen, die zu Richard Köhlers Zeiten noch in den Kinderschuhen steckten. Er war seiner Zeit voraus, wirkte mit bei einem Projekt der Deutschen Forschungsgesellschaft zur „betriebswirtschaftlichen, empirischen Entscheidungsforschung“, sammelte Wissen in Japan, Italien und Bulgarien, wurde schließlich Dozent für „Marketing-Accounting“ an der FU Berlin und zum Mitgründer eines Studienzweigs „Messewirtschaft“ an der Kölner Universität. „Die Kölnmesse hatte einen Spendenbetrag zur Verfügung, um diesen Bereich zu fördern, und schickte regelmäßig Dozenten“, berichtet Köhler.

Fehlender Studienliteratur setzte Köhler die Autorenschaft zahlreiche Fachbücher entgegen, ermittelte Literatur in den USA, und war Herausgeber der Zeitschrift „Die Betriebswirtschaft“. Was hat Köhler beständig angetrieben und vom Bank-Karriereweg abgebracht? „Während meiner Banklehre habe ich Fachzeitschriften gelesen und erkannt, dass es viele Fragestellungen gibt, auf die noch keiner geantwortet hat“, erzählt er, der nach der Lehre zum BWL-Studium nach Würzburg ging. „Ich dachte immer, wenn ich durchfalle, kann ich zur Bank zurückkehren, das hat meine Motivation entscheidend gestützt.“

Unternehmensphilosophie

Was Köhler und Ihrig verbindet, ist der Wille zur Veränderung, zur Vernetzung, zum Austausch, der stets die Hochschulen einbezieht, zum kritischen Umgang mit Produkten. „Ich habe frühzeitig gelernt: Ein Unternehmen muss sich nach Kundenbedürfnissen ausrichten, und es muss begreifen, dass Marketing nicht nur eine Abteilung ist, sondern an einer Unternehmensphilosophie arbeitet, die alle vertreten sollten — vom Chefbüro bis zum Warenlager.“

Und: Das „interne Marketing“, die Haltung aller Mitarbeiter, ist wichtig. Die Tatsache, dass in den 70er und 80er Jahren Konsumgüter einander immer ähnlicher wurden, hat das Marketing gefördert.

Gestern wie heute liegt jedem Marketing die Erkenntnis zugrunde, dass die „Markentreue“ des Verbrauchers zerbrechlich ist. „Ein Produkt muss das Versprechen auch halten, das es gibt“, betont Ihrig. „Beschädigungen“ durch falsche Werbung können rasch geschehen — wer identifiziert sich gern mit Verlierern oder dümmlichen Figuren? „Das ist bei einer Zigarettenwerbung mit Plüsch-Kamelen passiert“, nennt Ihrig ein Beispiel. „Die Leute lachten, der Umsatz ging zurück.“

Zugleich sollte es in einem modernen Unternehmen beim Marketing sogar eine „Flop-Quote“ geben, die Akzeptanz, dass nicht alles einschlägt, wie Köhler und Ihrig betonen. „Sonst passiert nichts, sonst traut sich niemand.“

Der Marketing Club Aachen denkt inzwischen nicht nur an Fortbildung, Geschäftsverbindungen und Workshops für seine rund 280 Mitglieder — darunter ein hoher Frauenanteil. Es geht zudem um Gesundheit und die Work-Life-Balance. „Meine Tochter habe ich früher im Alltag nicht so oft gesehen“, sagt Köhler.

Ihrig mag es zusammen mit seiner Frau sportlich, propagiert den Ausgleich: „Drei Hunde, zwei Pferde, da bleibt man in Bewegung.“ Ein Wunsch zum Jubiläum: „Wir haben uns für den Deutschen Marketingtag beworben. Aber da müssen wir noch Überzeugungsarbeit leisten. Viele glauben, Aachen liegt am Ende der Welt.“