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Jahresvollversammlung der IHK: Von Chancen für die Region

Jahresvollversammlung der IHK : Von Chancen für die Region

Die neue IHK-Präsidentin Gisela Kohl-Vogel wirbt bei ihrer ersten großen Rede in dieser Funktion dafür, das hiesige Potenzial zu nutzen, um den Strukturwandel erfolgreich zu gestalten. Die Atmosphäre bei der Veranstaltung ist allerdings merkwürdig distanziert.

Wenn die Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen zu ihrer Jahresvollversammlung einlädt, dann ist das ein gesellschaftliches Ereignis. Die Mitglieder der Kammer – Hunderte Unternehmer aus dem Raum Aachen, Düren, Heinsberg, Euskirchen – nutzen den großen Bahnhof im Krönungssaal des Aachener Rathauses, um ihr Selbstverständnis zu zeigen: Hier ist die Wirtschaft. Hier sind die Menschen, die diese Region in Schwung halten, die für Arbeit, Lohn und Brot sorgen, die sich Gedanken um die Zukunft machen und diese gestalten wollen. Man kennt sich, man schätzt sich – und man wird geschätzt, wie zahlreiche Honoratioren aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zeigen, die ihre Aufwartung machen. Viele nutzen die Veranstaltung, um ihre Kontakte aufzufrischen oder neue zu knüpfen.

Umso bemerkenswerter war die Atmosphäre bei der diesjährigen Vollversammlung am Dienstag, die von einer merkwürdigen Distanz geprägt war. Zwischen den Gästen untereinander und ein wenig auch zwischen den Gästen und der neuen IHK-Präsidentin Gisela Kohl-Vogel, die erstmals in dieser Funktion eine Jahresrede hielt.

Wegen des Ausbruchs des Coronavirus war der sonst übliche Empfang vom engen Weißen Saal und den umliegenden Räumen in den Krönungssaal selbst verlegt worden, der etwas weitläufiger ist. Um das Ansteckungsrisiko zu verkleinern, wollte die IHK ihren Gästen die Möglichkeit geben, den gebotenen Abstand einzuhalten. Sogar Desinfektionsmittelspender waren extra aufgestellt worden. Einige hatten ihre Teilnahme dennoch abgesagt. Und tatsächlich begann nahezu jedes Gespräch mit der Frage, ob man sich nun die Hand geben soll oder nicht. So mancher lehnte dankend ab, was manch anderer sichtlich übertrieben fand. Kleine Missverständnisse unter Freunden.

Motto „#Gemeinsam anpacken!“

IHK-Präsidentin Kohl-Vogel hatte ihre Rede unter das Motto „#Gemeinsam anpacken!“ gestellt, was nicht so weit weg ist vom Motto, das ihr Vorgänger Wolfgang Mainz im vergangenen Jahr gewählt hatte: „Gemeinsam Chancen nutzen!“ Und auch die Themen haben sich – natürlich – in dem einen Jahr nicht wirklich verändert: Strukturwandel, Klimawandel und Digitalisierung sind und bleiben die großen Herausforderungen für diese Region. Doch: „Herausforderungen sind immer auch Chancen“, postulierte Kohl-Vogel. „Es lohnt sich, Ziele zu haben und anzupacken.“

Das Hauptziel: Kohl-Vogel rechnete vor, dass 93.000 Menschen im Rheinischen Revier direkt bei energieintensiven Unternehmen beschäftigt sind. Hinzu kämen weitere 32.000 Arbeitsplätze, die unmittelbar davon abhingen. „Wir wollen, dass diese Menschen auch in Zukunft im Rheinischen Revier arbeiten können“, sagte die IHK-Präsidentin.

Um die Potenziale der Region besser zu nutzen, will die IHK Aachen die gesellschaftlichen Akteure enger miteinander vernetzen. Wissenschaftler, Unternehmer und Start-up-Gründer sollen noch enger zusammenarbeiten. Im Mai lädt die IHK zudem Bürgermeister aus dem Kreis Düren, Hochschulvertreter und Forscher ein, die nachhaltige Antworten auf den Strukturwandel entwickeln sollen.

Thema Mobilität

Für die IHK liegen die Antworten vor allem auch in einer Energie- und einer Verkehrswende. Kohl-Vogel verwies auf Batterieforschung, Wasserstofftechnologie, Bioökonomie, künstliche Intelligenz, Elektromobilität und autonomes Fahren. „All das sind Bereiche, in denen wir heute schon erfolgreich forschen, entwickeln und produzieren“, sagte sie. „Das sind die Märkte von morgen. Wenn wir neue Wege gehen, gelingt es uns, regenerative Energiequellen schneller auszubauen.“

Spannend wurde es beim Thema Mobilität, denn für die Unternehmerin Kohl-Vogel, die mit ihrer Familie ein großes Autohaus mit mehreren Niederlassungen in der Region betreibt, ist das Thema Verkehrswende natürlich eine ganz eigene Herausforderung. Die IHK-Präsidentin umschiffte das Thema größtenteils, indem sie andere reden ließ: Es wurde ein Imagefilm gezeigt, in dem Wissenschaftler und Unternehmer wie etwa Vodafone-Geschäftsführer Hannes Ametsreiter die Mobilität der Zukunft skizzieren – eine Welt ohne Ampeln, ohne Stau, ohne Verkehrstote und mit der Freiheit, zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten wählen zu können. Die Botschaft: In Zukunft werden wir auf vielfältige Arten unterwegs sein. Der Film hatte allerdings seine eigene Pointe: Am Schluss steigt der Familienvater, der zuvor mit seinem Auto im Stau gestanden hatte, um aufs Fahrrad.

Dem, was Kohl-Vogel inhaltlich sagte, wollte nicht wirklich jemand widersprechen. Aber es war auch nicht neu oder überraschend. Hinzu kam, dass sie sich schwer damit tat, die Aufbruchstimmung, für die sie inhaltlich werben wollte, auch in den Saal zu tragen. An kaum einer Stelle wurde geklatscht, kleine Versuche der Interaktion versandeten. Am Schluss blieb der Applaus für diese Premiere freundlich – aber spürbar nüchtern und distanziert.