Trendforscher Harry Gatterer in Aachen

Bundeskongress des BDF : Trendforscher Gatterer fordert neue Form des Wohnens

Harry Gatterer (44) hat sich bereits als Einzelhandelskaufmann gut umgesehen, hat die Menschen beobachtet, die in seinem Tiroler Unternehmen einkauften. Was ihn interessiert, ist die Zukunft, sind die Faktoren, die in der Gesellschaft etwas bewirken, die Wünsche und Trends formen. Inzwischen ist er daher als Trendforscher und Geschäftsführer des Frankfurter „Zukunftsinstituts“ unterwegs.

In Aachen wird sich Gatterer beim Bundeskongress des Bundesverbandes Deutscher Fertigbau (BDF) im Rahmen des „Forum intelligentes Bauen“ am Freitag, 12. Oktober, zur Branche äußern.

Zuhören werden ihm Unternehmer aus der Holz-Fertighaus- und Zulieferindustrie. Mit Nobert Lammert (CDU), ehemaliger Bundestagspräsident, Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und SPD-Politiker Günter Verheugen ist er in prominenter Gesellschaft.

„Klimaschutz und Energiebewusstsein sind längst auch Ziel beim Fertigbau“, sagt Achim Hannott, Geschäftsführer des Verbandes. „Individualität ist der Trend unserer Zeit, kein Grundstück gleicht dem anderen, der extrem vielfältige Baustoff Holz steht an der Spitze, hinzu kommt alles, was mit ökologischem Bauen zu tun hat.“ Der Bundesverband Deutscher Fertigbau hat rund 50 Mitgliedsunternehmen mit etwa 111.000 Beschäftigten, erwirtschafteter Umsatz (2017): rund 2,5 Milliarden Euro. Knapp jedes fünfte Eigenheim ist inzwischen ein Fertighaus.

An diesem Punkt setzt die Analyse des Zukunftsforschers Gatterer ein. „Der Fertigbau hat sich etabliert, bietet Vielfalt und ökologische Bauweise“, meint Gatterer. Mit den Wohnwünschen der Zukunft verändern sich auch die Anforderungen, die an die Hausbauer gestellt werden. „Arbeit und Leben werden ja jetzt bereits nicht mehr streng getrennt“, sagt Gatterer. „Das verändert die Struktur eines Hauses.“ Hier denke man längst nicht mehr für die Ewigkeit, sondern an mögliche Veränderungen – etwa durch eine Scheidung, nach der ein Partner allein das Haus nutzt, oder durch die Notwendigkeit, das Wohnen auch bei Behinderung weiterhin möglich zu machen.

Statt Beton sind Holz, Glas und Stein als Materialien ganz vorn. „Das hat nicht nur mit ökologischem Bewusstsein zu tun“, versichert Gatterer. „Das ist auch eine Sehnsucht des Menschen, der Natur näher zu sein.“ Gleichzeitig gelte es zu überlegen, dass ein Haus nicht in allen Bereichen gleich altert. Gatterer: „Warum sorgt man als Hersteller nicht vor, etwa bei den Werkstoffen oder bei der Planung mit Weitsicht. Man könnte als Haushersteller einen entsprechenden Service anbieten. Intelligente Materialien sind gefordert, Veränderung muss mitgedacht werden.“

Auch der Retro-Trend ist für ihn ein großes Thema: „Eigentlich ist es paradox, dass man wieder Schallplatten auflegt, wo es hochmoderne Sound-Systeme gibt, oder dass man Kaffee mit dem Filter aufbrüht angesichts leistungsstarker Kaffeemaschinen“, sagt er. Er nennt es die „Sehnsucht nach Einfachheit“, ein Lebensgefühl, das man beim Bauen übernehmen solle. Einerseits gibt es das Smart Home mit all seinen Raffinessen und Steuerungsmöglichkeiten andererseits den Lichtschalter, den man einfach nur drücken muss und vielleicht sogar möchte, um sich wohlzufühlen. „Menschen brauchen Lebensräume und die Chance, etwas zu tun, zu berühren, es ist gar nicht immer gut, wenn alles digital vorweggenommen wird“, sagt Gatterer.

Wohnen als Weg des Rückzugs: „Wir arbeiten dabei inzwischen mit dem Begriff der Achtsamkeit. Es geht darum, zu Hause mit sich ins Reine zu kommen“, sagt Gatterer angesichts eine Fülle von Technologien, die den Einzelnen vielfach überfordern. „Achtsamkeit  heißt nicht, nur noch Yoga zu üben statt zum Fußball zu gehen, aber bei all den Ablenkungen im Umfeld ist es gut, einen sehr persönlichen Ort zu haben.“ Flexibilität sei von den Anbietern gefordert, die Nutzung von Raum auf unkonventionelle Weise. „Die Gesellschaft braucht eine neue Form des Wohnens, unter anderem mit temporären Wohnmöglichkeiten.“

www.fertigbau.de

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