1. Wirtschaft

Aachen/Maastricht: „Studie ethisch unvertretbar“: Prof. Harald Schmidt macht Klinikum Vorwürfe

Aachen/Maastricht : „Studie ethisch unvertretbar“: Prof. Harald Schmidt macht Klinikum Vorwürfe

Das Aachener Klinikum ist in den vergangenen Tagen wegen seiner Tests mit Stickstoffdioxid an Menschen bundesweit negativ in die Schlagzeilen geraten. Waren diese Versuche vertretbar und wissenschaftlich sinnvoll? Unser Redakteur Joachim Zinsen sprach darüber mit Harald Schmidt. Der in Aachen wohnhafte Arzt und Pharmakologe ist Lehrstuhlinhaber an der Universität Maastricht.

Herr Professor Schmidt, können Sie die Kritik an den Versuchen im Aachener Klinikum nachvollziehen?

Professor Harald Schmidt: „Die Studie scheint mir darauf angelegt zu sein, die Umweltgrenzwerte für Stickstoffdioxid lächerlich zu machen.“
Professor Harald Schmidt: „Die Studie scheint mir darauf angelegt zu sein, die Umweltgrenzwerte für Stickstoffdioxid lächerlich zu machen.“ Foto: Mark van der Linde

Schmidt: Ja. Die Studie ist wissenschaftlich schwach und ethisch nicht vertretbar.

Warum wissenschaftlich schwach?

Schmidt: Es wird suggeriert, eine wichtige Kenntnislücke schließen zu wollen. Diese Lücke wird aber weder präzisiert, noch gibt es am Anfang der Untersuchung eine klare Hypothese oder Fallzahlberechnungen. Menschen wurden auf ein Ergometer gesetzt und Arbeitsplatzmaximalwerten von Stickstoffdioxid ausgesetzt. Am Ende wurde postuliert, dass Stickstoffdioxid keine signifikanten Effekte hat. In meinen Augen fehlt der Studie statistische Power. Und sie ist medizinisch wertlos.

Warum halten Sie die Studie ethisch für unvertretbar?

Schmidt: Warum sollen Menschen einen Stoff inhalieren, von dem wir epidemiologisch schon wissen, dass er gefährlich ist, und ohne dass diese Probanden einen möglichen Vorteil, sondern nur Nachteile davon hätten? Genauso gut könnte man Menschen niedriger Radioaktivität aussetzen. Auch hier kennen wir die genaue Gefahr nicht.

Gibt es Alternativen zu den Abgastests des Klinikums an Menschen?

Schmidt: Natürlich. Viele Beobachtungsstudien haben längst analysiert, welche Konzentration von Schadstoffen in der Umwelt zu welchen gesundheitlichen Folgen führen. Wir wissen durch die European Environment Agency ziemlich genau, wie viele Todesfälle jährlich auf Stickstoffdioxidbelastung zurückzuführen sind.

Initiator der umstrittenen Studie war ein inzwischen aufgelöster Lobbyverein der Autoindustrie, der damit die gesundheitlichen Folgen einer Belastung durch Dieselschadstoffe relativieren wollte. Das Klinikum hat erklärt, es sei nicht absehbar gewesen, dass mit dem Forschungsergebnis Schindluder betrieben würde. Ich das glaubhaft?

Schmidt: Für mich nicht. Wer sich den Geldgeber der Studie genau anschaut, hätte sich schnell fragen müssen: Warum lässt eine offensichtliche Lobbyistengruppe aus dem Straßenverkehrsbereich Auswirkungen von Schadstoffen beim Fahrradfahren in Innenräumen testen? Die Studie scheint mir darauf angelegt zu sein, die Umweltgrenzwerte für Stickstoffdioxid lächerlich zu machen, weil diese niedriger sind als die Grenzwerte, die für den Arbeitsplatzbereich gelten. Grenzwerten für die Umwelt gehen allerdings von einer 24-stündigen Belastung aus und gelten auch für Säuglinge, Kleinkinder und Lungenkranke. Sie müssen daher niedriger sein als gelegentlich am Arbeitsplatz.

Wird an den Hochschulen bei Forschungen mit Drittmitteln generell zu wenig hingeschaut, wer genau die Auftraggeber sind und zu welchen Zwecken die Forschungen dienen?

Schmidt: Das lässt sich pauschal so nicht sagen. Ich war Mitglied mehrerer universitärer Ethikkommissionen. Diese haben auch lukrative Forschungsaufträge abgelehnt.

Welche Konsequenzen muss die Leitung des Klinikums aus den Vorfällen ziehen?

Schmidt: Sie sollte ihre Fehler eingestehen. Jeder macht mal Fehler. Sie sollte den Prozess der ethischen Begutachtung hinterfragen, zum Beispiel die Zusammensetzung und Kompetenz der Beteiligten sowie deren Unabhängigkeit.