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Aachen: Streetscooters in Aachen: Ein Kastenwagen auf der Überholspur

Aachen : Streetscooters in Aachen: Ein Kastenwagen auf der Überholspur

Eine Million Elektroautos will die Bundesregierung bis zum Jahr 2020 auf den deutschen Straßen sehen. Insbesondere als Nutzfahrzeuge in den Flotten großer Firmen wird hier viel Potenzial gesehen. Als 2010 die Streetscooter GmbH als Spin-off der RWTH Aachen gegründet wurde, um E-Mobile zu konzipieren und dann auch zu bauen, wurden die Verantwortlichen immer wieder belächelt, wenn sie über Flotten und Nutzfahrzeuge sprachen.

Dann brachten sie ein solches Flottenfahrzeug auf die Straße, die Deutsche Post ließ sich ein Zustellfahrzeug bauen. Entwickelt wurde es mit denen, die dann auch hinter dem Steuer sitzen würden: den Zustellern. Größere Experten für die Tücken des Alltags gibt es nicht. Die Testphase liegt hinter allen Beteiligten. Sie war derart erfolgreich, dass die Deutsche Post DHL AG nun die Aachener Entwickler und Hersteller, die Streetscooter GmbH, kauft. Am Dienstag wurde der Deal bekannt. Die Post wird nicht nur für den Eigenbedarf produzieren lassen. Die verschiedenen, maßgeschneiderten Varianten des Streetscooters sollen mit der Power des Großkonzerns bundesweit durchstarten.

 Produktion einer Erfolgsgeschichte: In Aachen wird das Elektroauto Streetscooter unter anderem als Zustellfahrzeug für die Deutsche Post gefertigt. Die Post kauft die GmbH, Vorstand Frank Appel will seine Flotte umrüsten.
Produktion einer Erfolgsgeschichte: In Aachen wird das Elektroauto Streetscooter unter anderem als Zustellfahrzeug für die Deutsche Post gefertigt. Die Post kauft die GmbH, Vorstand Frank Appel will seine Flotte umrüsten.

Die richtige Richtung

 Produktion einer Erfolgsgeschichte: In Aachen wird das Elektroauto Streetscooter unter anderem als Zustellfahrzeug für die Deutsche Post gefertigt. Die Post kauft die GmbH, Vorstand Frank Appel will seine Flotte umrüsten.
Produktion einer Erfolgsgeschichte: In Aachen wird das Elektroauto Streetscooter unter anderem als Zustellfahrzeug für die Deutsche Post gefertigt. Die Post kauft die GmbH, Vorstand Frank Appel will seine Flotte umrüsten.

Die Aachener Entwickler sehen den Kauf als Erfolg, der so 2010 kaum zu erwarten war. Es gehörte (auch) viel Mut dazu, eine Firma aufzubauen, die batteriebetriebene Autos baut. Heute wissen sie: Sie hatten mit ihrer Idee frühzeitig die richtige Richtung eingeschlagen. Den etablierten Automobilherstellern fällt es immer noch schwer, wirtschaftlich Elektroautomobile zu produzieren. Bei Streetscooter wurde direkt die Kostenseite in den Fokus gerückt — nicht etwa die Höchstgeschwindigkeit oder die Reichweite der Batterie.

Der Kastenwagen, mit dem bereits 50 Postzusteller unterwegs sind, macht sehr gut deutlich, warum der Streetscooter namhaftere Konkurrenz abgehängt hat. Er mag nur 80 Stundenkilometer schnell sein. Aber wann fährt ein Zusteller in seinem Bezirk schneller als 50? Er hat eine Reichweite von 100 Kilometern. Aber welcher Zustellbezirk erfordert eine dermaßen weite Strecke? Er hat keine Schnellladevorrichtung. Aber warum muss ein Zustellfahrzeug diese kostspielige Vorrichtung haben, wenn er nach getaner Arbeit zurück ins Depot fährt und dort über Nacht an die Steckdose kommt?

Signalwirkung auf dem Markt

Als die Verantwortlichen um die Geschäftsführer Achim Kampker und Günther Schuh auf durchfärbten Kunststoff bei den Karosserieteilen und eine Asynchronmaschine als Motor setzten, wurden sie spöttisch beäugt. Nun gehen die meisten Großprojekte in diese Richtung.

Das Problem für Streetscooter war bislang, dass es eben „nur“ ein kleines Spin-off der Hochschule, ein Konsortium aus 80 Partnern, war. Interessenten mag es immer wieder gegeben haben, aber letztlich stand nach jeder Verhandlung die Frage im Raum: Wird es diese kleine Firma mit ihren 100 Mitarbeitern in fünf Jahren noch geben? So waren es neben der Post vor allem Stadt und Städteregion Aachen, also heimattreue Kommunen, die der Firma einen Auftrag erteilten.

Das soll nun, fünf Jahre nach der Gründung, ganz anders werden. Die Post im Rücken hat eine gewaltige Signalwirkung auf dem Markt. Es ist davon auszugehen, dass die Firma an ihrem Standort Aachen rasch wachsen wird. „Der Mut, den die Verantwortlichen damals hatten, wird belohnt“, sagt Christian Steinborn, Marketingdirektor, Vertriebsleiter und verantwortlich für die Geschäftsfeldentwicklung bei Streetscooter.

Damals, das war 2010, als die beiden Projektleiter, der RWTH-Professor Achim Kampker vom Lehrstuhl für Produktionsmanagement des Werkzeugmaschinenlabors und Professor Johannes Gartzen vom Fachbereich Maschinenbau und Mechatronik der FH Aachen, eine erste, schneeweiße Grundversion ihres E-Mobils vorstellten. Es hatte ein blaues Dach und war kaum größer als ein Smart oder vergleichbare Kleinstwagen. Ohne Batterie und Mehrwertsteuer wurde der Preis auf 5000 Euro festgesetzt — und es wurde bereits deutlich gemacht: Die Bauweise wird so flexibel angelegt, dass vom Zweisitzer bis zum Kastenwagen vieles denkbar ist.

Seinen ersten großen Auftritt hatte der Aachener Streetscooter dann im September 2011: Da stand er auf der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA in Frankfurt — Halle 4.0, Stand A32. Es war ein Hingucker. Und die Deutsche Post hatte damals schon genau hingeschaut. Sie erteilte der Streetscooter GmbH den Auftrag, ein elektrisch angetriebenes Zustellfahrzeug zu konzipieren. Der Erfolg dieser Idee war im September 2011 nicht vorherzusehen. Aber Achim Kampker sagte damals im Gespräch mit unserer Zeitung: „Ich glaube, dass wir mit dem Streetscooter den Nerv der Zeit getroffen haben.“

Im Juli 2013 starteten die Praxis-Tests bei der Post. Der Postalltag war auf Anhieb ein Härtetest — für jedes Automobil. Jeden Tag mussten 200 Stopps und Anfahrvorgänge bewältigt werden. Post-Vorstand Jürgen Gerdes, von Anfang an ein Fürsprecher des Streetscooters, sagte bei der Vorstellung des Prototyps: „Wir sind zuversichtlich, dass das Fahrzeug unseren Alltag meistern wird.“ Aus der Zuversicht wurde Begeisterung.

Ein weiteres Jahr später, im April 2014, war die Serienproduktion in der alten Talbot-Waggon-Fabrik an der Jülicher Straße in Aachen angelaufen. Das Nutzfahrzeug „Work“ wurde bald schon auch in den Niederlanden vertrieben. Das Interesse der Deutschen Post DHL AG ging mittlerweile über die Abnahme der 50 Vorserien-Modelle hinaus. Gleichzeitig gab es erste Interessenten, die Streetscooter GmbH abzuwerben — etwa nach Baden-Württemberg oder in die Opel-Werke in Bochum.

Die Nachricht vom Kauf der Streetscooter GmbH durch die Deutsche Post DHL AG ist auch ein Bekenntnis zum Standort Aachen. Denn dort wird mit dem bestehenden Team auch in Zukunft produziert, die Deutsche Post baut im Gewerbegebiet Avantis an der niederländischen Grenze dazu eine Teststrecke für den Streetscooter. Die Produktion soll sukzessive auf 5000 Fahrzeuge im Jahr ausgebaut werden, gleichzeitig geht die Forschung und die Entwicklung neuer Modelle vom Pedelec über ein Trike bis zum Einsitzer oder Cabrio. „Wir werden weiter nach Nischen schauen“, sagt Win Neidlinger, Geschäftsentwickler der Streetscooter GmbH. „Und dafür haben wir nun mit der Post richtig Schwung bekommen.“