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Aachen: „Starenkasten”, Flat-TV, und dann kam das Aus

Aachen : „Starenkasten”, Flat-TV, und dann kam das Aus

Feierstimmung im LG-Philips-Bildröhrenwerk. 50 Millionen Farbbildröhren haben die Mitarbeiter vom Band laufen lassen. Dafür gibt es den Dank der Geschäftsleitung.

Das war im Juli 2003, also nicht einmal vor einem halben Jahr. Viele Röhren kommen nicht mehr hinzu, das Werk wird bekanntlich in einigen Monaten geschlossen, fast 1000 Mitarbeiter sind betroffen.

Weiter in Aachen produziert werden hingegen die Glasteile für Bildröhren, die dann an die anderen europäischen Werke geliefert werden. Im LG-Philips-Glaswerk wurde allerdings die Belegschaft wegen verstärkter Automation und Umstrukturierung ebenfalls reduziert - um rund 100 Stellen auf nun noch etwa 520 Arbeitsplätze.

Allerdings ist die Bildröhre nicht nur in Aachen ein Auslaufmodell. Fernseher, wie wir sie heute im Wohnzimmer stehen haben, werden vielleicht noch fünf, vielleicht auch noch acht, neun oder zehn Jahre zu kaufen sein. Dann hat das, was bei Philips 1951 mit dem Schwarz-Weiß-Gerät namens „Starenkasten” anfing, technologisch ausgedient.

LCD- und Plasmabildschirme lösen die Bildröhre ab - und das schneller, als mancher es angenommen hatte. Was heute zumeist noch mehrere tausend Euro kostet, wird bald als Massenprodukt im Elektrohandel stehen.

Im Aachener Bildröhrenwerk wurde hingegen noch in den letzten drei, vier Jahren die Röhrenfahne hochgehalten. Und zwar deswegen, weil in Aachen immer die neuesten Weiterentwicklungen - Flatscreens (Flachbildschirme) zum Beispiel - hergestellt wurden. Die Innovationskraft des Standortes, sie wurde immer wieder beschworen, wenn Gerüchte aufkamen, das Werk könnte geschlossen werden.

Warum aber geht LG Philips angesichts dieses Potenzials nicht hin, schmeißt die alten Bänder raus und produziert hier LCD- und Plasma-Geräte? Das, so hat es Werksleiter Christoph Klaus gesagt, sei hier angesichts der Werksstruktur nicht möglich.

Tatsächlich kommen die neuen Produkte aus Asien. Und befragt man Experten, dann haben die asiatischen Konzerne bei dieser Technologie die Nase weit vorn. Zu hören ist sogar, dass die Europäer es verschlafen haben, sich rechtzeitig mit dem Thema zu beschäftigen.

Als Beleg dafür könnte man das oft zitierte LG-Philips-Werk im tschechischen Hranice nehmen, in das jetzt die Aachener Produktion verlagert wird. Mit Millionensubventionen wurde es 2002 aus der grünen Wiese gestampft und produziert - Bildröhren. Das südkoreanisch-niederländische Joint Venture, in dem Philips die „goldene Aktie” hält, hat also noch in eine aussterbende Technologie investiert und so selbst Überkapazitäten produziert, die nun das Aus für Aachen bedeuten.

Das hat aber auch für Hranice Folgen: Einst waren dort mehr als zehn Produktionsstraßen geplant, sollte es 6000 Jobs und 600 Millionen Euro Investition geben. Aber die gigantische Expansion ist nach Informationen unserer Zeitung längst gestoppt. Auch das tschechische Werk hat nämlich nur eine Auslastung von 60 Prozent. Die Produktionsstätten für LCD- und Plamageräte stehen alle in Asien.

Unter den Weihnachtsbäumen wird man in diesem Jahr noch wenige LCD- und Plasmafernseher finden. In einigen Jahren - vielleicht zur Fußball-WM im Jahr 2006 - allerdings wird der Ansturm auf neue Fernsehgeräte ins Haus stehen. Aus Aachen wird man keines mehr im Regal finden.

50 Jahre Bildröhren aus Aachen

1954 beginnt in Philips in Aachen mit der Produktion von Schwarz-Weiß-Bildröhren.

1967 gesellt sich die neue Technologie der Farbbildröhren hinzu.

1972 wird die Produktion von Schwarz-Weiß-Röhren eingestellt.

Im Jahr 2000 wird eine Massenentlassung von 536 Mitarbeitern angekündigt.

2001 geht Philips bei Bildröhren ein Joint Venture mit dem südkoreanischen Lucky-Goldstar-Konzern (LG) ein. Die Anteile sind 50 zu 50 aufgeteilt, Philips hält die goldene Aktie. Der Verbund wird auf Milliardenkrediten gegründet.

Im Juli 2003 läuft die 50-millionste Farbbildröhre vom Band. Im Vovember wird in der Konzernzentrale Hongkong das Aus für Aachen verkündet.

Mitte 2004 geht die Ära von genau 50 Jahren Bildröhrenproduktion in Aachen zu Ende.