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Herzogenrath: Sichtbar machen, was klingt und schallt

Herzogenrath : Sichtbar machen, was klingt und schallt

Auf der Vitrine im Besucherzimmer thront ein asiatischer Krieger. Eine Holzfigur, ein Geschenk aus Südkorea, das Klaus Genuit vor Feinden und bösen Geistern schützen soll. Hinter Glas reihen sich Urkunden aus aller Welt aneinander, die dem Chef der Head Acoustics GmbH im Laufe der Zeit so verliehen worden sind.

„Na ja”, sagt Genuit, 59, und mit den Achseln zuckt, „irgendwo muss man die ja aufbewahren.” Wesentlich enthusiastischer betrachtet er ein Modell aus Kunststoff, einen Querschnitt durch den menschlichen Gehörgang. So groß, das man es mit beiden Armen umschließen kann. Wenn es um Akustik geht, ist Genuit in seinem Element.

Zum Beispiel, wenn er erklärt, warum sich Sounddesign, eines der Steckenpferde von Head Acoustics, nicht so ohne weiteres mit deutschen Wörtern übersetzen lässt. „Geräusch ist negativ besetzt, und Klang trifft es auch nicht, das erinnert an Musik.” Seit 1997 hält er an der RWTH die Vorlesung „Psychoakustik”. Er sagt: „Die Augen können wir schließen. Aber der Akustik können wir uns nie entziehen, noch nicht einmal im Schlaf.”


Head Acoustics gibt es in diesem Jahr seit 25 Jahren. Das Unternehmen mit Sitz in Herzogenrath führt die weltweite Liste der Anbieter von Produkten und Lösungen für Schall- und Schwingungsanalysen an. Das klingt nicht nur hochtechnologisch und zukunftweisend, sondern ist es auch. Große Automobilhersteller gehören zu den Kunden. Denn damit ein Auto gekauft wird, muss es einen bestimmten charakteristischen Sound haben.

In Europa, erklärt Klaus Genuit, sei das ein anderer als etwa in Japan. „Die Europäer sind ein Motorengeräusch mit tieferer Frequenz gewöhnt. Der Motor muss brummen. Allerdings auch nur so viel, dass es den Fahrer nicht stört.” Dafür sorgt Head Acoustics. Oder hilft Herstellern, wenn die Klimaanlage brummt oder die Geschirrspülmaschine vibriert. Produkte, die ohne Verbesserung ihrer Akustik keine Aussicht hätten, Verkaufsschlager zu werden.

In Genuits Büro hängt eine Leinwand, von bunten Schlangenlinien durchzogen. Mal schlagen sie stark aus, mal schwach. „Das ist der Sound von New York”, erklärt er und spielt eine kurze Aufzeichnung aus der US-Metropole auf seinem Computer ab. Polizei- und Feuerwehrsirenen heulen, Taxis hupen, Busse stoppen und fahren ab. Ein nicht enden wollendes Rauschen, das sich bildnerisch umsetzen lässt. In eine sogenannte Soundscape, wie auf der Leinwand. Jede Farbe stellt eine andere Frequenz dar. „New York hat eine der aufregendsten Soundscapes von allen Städten auf der Welt.” Deswegen sei das Bild so bunt.

Angefangen hat alles für Head Acoustics Anfang der 80er Jahre. Der Autobauer Daimler-Benz wandte sich damals an Klaus Genuit. Der Ingenieur arbeitete als Assistent an der RWTH, schrieb an seiner Promotion zum Thema „Das Gehör als Nachrichtenempfänger” und hatte ein sehr erfolgreiches System entwickelt, mit dem Kunstkopf zu messen. Davon hatten die Stuttgarter gehört und wollten es nutzen, um den Geräuschen in ihren Autos auf die Spur zu kommen, die man ausschalten wollte. Kunden hatten sich beschwert. „Die Zusammenarbeit mit Daimler-Benz war spannend, aber mir war danach auch klar, dass ich in so ein großes Unternehmen nicht hineinpasse.”

Wirtschaft sollte es aber schon sein: Also gründete er selbst; das Know-how hatte er in einem wirtschaftswissenschaftlichen Aufbaustudium erworben. Mitte der 80er sei eine gute Zeit dazu gewesen. Genuit brauchte umgerechnet zwei Millionen Euro Startkapital. Einen Teil brachte er selbst auf, die Stadtsparkasse verhalf ihm zu Bundesmitteln aus dem Fördertopf für technologieorientierte Unternehmen (TOU), „Heute ist es mit Vorschriften wie Basel II sehr viel schwerer geworden, Unternehmensgründungen zu finanzieren”, sagt Genuit.

Das Unternehmen startete 1986 im Technologiezentrum am Aachener Europaplatz. Klaus Genuit und seine vier Mitarbeiter etablierten sich schnell als Spezialisten für akustische Messtechnik. Der Kunstkopf blieb ihr wichtigstes Werkzeug. Mit ihm sind Aufnahmen möglich, die exakt wiedergeben, was das menschliche Gehör wahrnimmt. Auch heute arbeitet man im Unternehmen mit dieser technologischen Nachbildung des menschlichen Gehörs. „Wir haben die Technologie nicht erfunden, aber wir haben sie wesentlich weiterentwickelt.” Die patentierte AachenHead-Technologie macht möglich, was es so bis dato nicht war: Hörempfindungen objektiv zu messen.

Den Kunstkopf hält der Head-Acoustics-Gründer für ein großartiges Instrument. Um Musik aufzunehmen eigne er sich aber nicht. Mehrfach haben Genuit und Mitarbeiter den Pianisten Alfred Brendel zu Konzerten begleitet, um sich dort an originalgetreuen Aufnahmen zu versuchen. Ein großer Reinfall sei das gewesen, leider. „Man hörte in erster Linie das Publikum schniefen, hüsteln und Bonbons lutschen.”

Dann gab es in einem der Konzert-Säle einen kleinen Balkon, genau über Brendels Flügel. Die Gelegenheit für einen neuen Versuch. Auf dem Balkon saß nur der Beleuchter, der versprach, weder zu hüsteln noch Bonbons zu lutschen. Beim Abspielen der Aufzeichnung tauchte dann neben Brendels meisterhafter Liszt-Interpretation ein unverkennbares Schnarchen auf.

Ein Vorzeigeunternehmen der Aachener Technologieregion

Seit 1989, drei Jahre nach der Gründung, ist Head Acoustics im Herzogenrather Technologiepark ansässig. Das Unternehmen beschäftigt heute 150 Mitarbeiter, 130 davon in Deutschland. Zudem gibt es Tochtergesellschaften in den USA, Frankreich und Japan und Vertriebspartner auf der ganzen Welt. Der Jahresumsatz liegt bei 20 Millionen Euro.

Geräuschanalyse und -optimierung sowie Schwingungsmesstechnik sind nicht die einzigen Leistungen, die das Unternehmen heute anbietet. Es beschäftigt sich auch mit der Qualitätsverbesserung von Kommunikationseinrichtungen und bietet zudem Consultingsleistungen.

Für Helmut Greif, Geschäftsführer der Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (Agit), ist Head Acoustics ein Vorzeigeunternehmen der Technologieregion Aachen. Es stehe „als Synonym für den enormen Wandel der Region vom Kohlerevier zur Technologieregion und ist damit zugleich Symbol für das Potenzial und die Zukunft dieser Region”.

Klaus Genuit sei es gelungen, Technologiekompetenz mit Unternehmertum zu verbinden - dies sei die eigentliche Erfolgsgeschichte. Greif: „Wir als Agit sind stolz darauf, hierzu etwas beigetragen zu haben, denn Head Acoustics wurde 1986 im Technologiezentrum Aachen gegründet.”