Aachen: Scheidender IHK-Präsident Bert Wirtz: Zusammenführen, geduldig sein

Aachen : Scheidender IHK-Präsident Bert Wirtz: Zusammenführen, geduldig sein

Am Dienstag wird Bert Wirtz nach knapp zehnjähriger Amtszeit als Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen verabschiedet. Zu seinem Nachfolger wird die Vollversammlung als oberstes Beschlussgremium der IHK aller Voraussicht nach den bisherigen Vizepräsidenten Wolfgang Mainz wählen.

Im Gespräch mit unserem Redakteur Hermann-Josef Delonge beschreibt Wirtz, wie er die Zeit an der Spitze der IHK erlebt hat.

Herr Wirtz, kann man als IHK-Präsident etwas bewegen?

Bert Wirtz: Ich denke schon. Wobei das „normale“ Tagesgeschäft bei den hauptamtlichen IHK-Mitarbeitern besser und bestens aufgehoben ist. Der Präsident der Kammer kann jedoch die Sichtweise eines Unternehmers einbringen. Ich will nur ein Thema nennen, das mir am Herzen lag: die Stärkung des Bausektors in unserer Region. Da ist es uns gelungen, die Kompetenz von Unternehmen, Hochschulen, Architekten und Entwicklern zu bündeln. Daraus entstanden ist der Verein „Aachen Building Experts“, ein Netzwerk für innovatives Bauen in der Region.

Was mussten Sie als IHK-Präsident lernen?

Wirtz: Dass man tatsächlich nicht viel weiß und deshalb vor allem zuhören sollte. Viele Themen sind so komplex, dass man die Details besser den Fachleuten überlässt. Aber man sollte natürlich wissen, welche großen Themen gerade auf der Agenda stehen.

Was muss man als IHK-Präsident können?

Wirtz: Das kann ich generell nicht beantworten, jeder hat andere Stärken. Ich glaube aber sagen zu können, dass es mir gelungen ist, Menschen zusammenzubringen, die sonst nicht miteinander gesprochen hätten — in der Politik, aber auch zum Beispiel in den Hochschulen.

Was hat Sie in Ihrer Zeit als IHK-Präsident am meisten geärgert?

Wirtz: „Geärgert“ wäre das falsche Wort, aber ich musste akzeptieren, dass Politik anders funktioniert als die freie Wirtschaft. Ich fand es sehr frustrierend, dass Argumente und Initiativen, von denen ich überzeugt war, nicht akzeptiert oder nicht umgesetzt wurden, weil sie nicht ins politische Farbenspiel passten. Oder dass alles so lange dauert. Ich habe aber gelernt, geduldig und demütig zu sein.

Ist Ihnen das schwergefallen?

Wirtz: Naja. Ich habe früher schon immer gebetet: Herr, schenke mir Geduld, aber ein bisschen plötzlich!

Andreas Schmitz, Ihr Kollege in Düsseldorf, hat sich massiv über die Politik beschwert und den Oberbürgermeister der Landeshauptstadt, Thomas Geisel, öffentlich attackiert. Das wäre nicht Ihr Stil?

Wirtz: Nein. Wir haben in unserer Region auch nicht dieses Konfliktpotenzial. Wir gehen hier sehr moderat, fair und konstruktiv miteinander um.

Was haben Sie besonders genossen in Ihrer Zeit als IHK-Präsident?

Wirtz: Dass man mit Leuten zusammenkommt und sprechen kann, die man als „normaler“ Unternehmer nicht treffen würde. Diese Begegnungen waren meistens überaus interessant und inspirierend. Aber ich weiß ganz genau: Ich war da nicht als Bert Wirtz eingeladen, sondern in meiner Funktion als Präsident der IHK. Das ist jetzt vorbei. Aber das stört mich nicht. Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen.

Öffentliche Ehrenämter wie das des IHK-Präsidenten kosten Zeit. Wie haben Sie das mit Ihrer Arbeit als Unternehmer vereinbaren können?

Wirtz: Man muss sich gut organisieren. Als ich darüber nachdachte, ob ich kandidieren soll, haben mein Vorgänger Michael Wirtz und der damalige IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Drewes gesagt: „Das sind nur ein paar Termine im Monat, das schaffen Sie locker.“ Tatsächlich ist es dann doch ein bisschen mehr geworden (lacht). Meine Vizepräsidenten haben mir viel abgenommen. Wir haben die Aufgaben sinnvoll aufgeteilt. Innerbetrieblich hatte ich das Glück, dass mein Bruder und zwei meiner Söhne mit im Unternehmen sind. Die haben viel aufgefangen.

In einem Interview mit unserer Zeitung haben Sie zu Beginn Ihrer Amtszeit gesagt: „Die Region muss sich als Standort besser vermarkten. Jeder Bürgermeister muss für seine Gemeinde kämpfen. Aber das Kleinherzogtum hilft uns hier nicht weiter, wenn man sieht, wie andere Regionen in Deutschland sich präsentieren.“ Haben Sie da etwas erreichen können?

Wirtz: Wir haben das Ziel jedenfalls verfolgt. Die Egoismen sind noch da, obwohl jede Kommune längst erkannt hat, dass sie allein im Wettbewerb mit anderen Regionen in Deutschland nicht bestehen kann. Wir brauchen als Region eine übergreifende Marke. Diese Marke ist Aachen. In vielen Bereichen gelingt das. Ein Beispiel ist der gemeinsame Auftritt bei der Immobilienmesse „Expo Real“. Ich beobachte, dass auch Regionen wie Köln/Bonn oder Düsseldorf erkannt haben, dass sie im internationalen Wettbewerb alleine nicht konkurrenzfähig sind. Dort brauchen wir die Marke Rheinland.

Wo liegen die größten Herausforderungen für die kommenden Jahre?

Wirtz: In der Verkehrsinfrastruktur und in den Konsequenzen, die sich aus der Digitalisierung ergeben. Die werden gravierend sein — für Bürger und Unternehmen, für die gesamte Gesellschaft. Es wird da viele Verlierer, aber auch viele Gewinner geben.

Und jetzt: Ruhestand oder Unruhestand?

Wirtz: Ich werde weiter irgendwo einen Schreibtisch haben, das bin ich nicht anders gewohnt. Ich habe immer viel gearbeitet, meine Familie hat nicht selten darunter gelitten. Aber wenn ich in Zukunft die Zeit, die ich in den vergangenen Jahren in mein Amt als IHK-Präsident investiert habe, mit meinen Enkelkindern verbringen kann, dann habe ich etwas sehr Schönes erreicht.

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