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Aachen: Sascha Lobo referiert bei „atec‘17“

Aachen : Sascha Lobo referiert bei „atec‘17“

Der Mann mit Irokesenfrisur fällt auf im turbulenten Pausengewühl. Die leicht rosafarbene Haarbürste schmückt einen klugen Kopf, einen witzigen Plauderer, der seine Visionen zu Internet und digitalen Technologien gern plakativ formuliert, aber gleichzeitig mit spannenden Fakten untermauert: Sascha Lobo (42), deutscher Blogger, Buchautor und Journalist aus Berlin, ist einer der Referenten bei der „atec‘17 — Technology and Entrepreneurship Conference“ im Super C der RWTH Aachen.

„Es heißt oft, dass Deutschland kein innovatives Land sei, dabei ist Deutschland extrem innovativ“, sagt Lobo im Gespräch mit unserer Zeitung. „Es gibt verschieden Arten der Innovation. Gut ist in Deutschland die langsame, stetige Verbesserung des Bisherigen.“ Er gibt jedoch zu bedenken: „Erfolgsmodelle von gestern könne schnell ihren Erfolgsgaranten verlieren.“ Digitale Innovation sei daher nicht einfach Verbesserung, sie bedeute Umwälzung.

Sascha Lobo in Aachen

Speed Dating der besonderen Art

Über 400 Interessenten sind ins Super C gekommen, um sich darüber auszutauschen. Studenten, Dozenten, Vertreter von Unternehmen der Region — vom jungen Start-up bis zum Großkonzern — beschäftigen sich hochkonzentriert mit dem Thema „Innovationen von morgen gemeinsam gestalten“. Erstmals ist zusammen mit dem Transfer- und Gründerzentrum der RWTH „digitalHUB Aachen“ Mitorganisator der Veranstaltung, bei der es um Innovationsmodelle und konkrete Kooperationen geht.

Bei „atec‘17“ trifft man sich zum Beispiel zum Speed Dating, wo es um einen „Flirt“ der besonderen Art geht: zukünftige Unternehmer stellen sich Vertretern des Mittelstandes vor — ein bisschen wie bei der TV-Show „Höhle der Löwen“. Und es klappt, engagierte Gespräche werden locker geführt, einige sehr hoffnungsvoll für beide Seiten.

„Wichtig für uns ist das Motto dieser Konferenz, hier können wir etwas anstoßen“, betont Oliver Grün, Präsident und Gründer des Vereins „digitalHUB Aachen“. Es gehe bei der Digitalisierung nicht nur um Optimierung von Geschäfts- oder Produktionsabläufen, es gehe um völlig neue Geschäftsmodelle.

Diese „digitale Transformation“ sei ein gesellschaftlicher Prozess. Wird der Begriff inzwischen zu sehr strapaziert? „Zum Glück“, meint Lobo. „Solche Schlagworte sind gut, diese Region soll ja in 20 Jahren noch immer erfolgreich sein.“ Die Umgebung seiner Gastgeber hat Lobo bereits von Berlin aus genau unter die Lupe genommen. „Hier gibt es viel Unternehmen, die sehr erfolgreich sind, aber dringend digitalen Nachholbedarf haben“, meint er. Wie das gehen kann, erzählen in Aachen etwa Unternehmer wie Christian Walter, Leiter der Viessmann Group, wo in einem Familienunternehmen ein digitales Innovationsmanagement aufgebaut wurde.

Um die Verunsicherung zu überwinden, die vielfach Unternehmer hemmt, aktiv und damit digital zu werden, rät Oliver Grün zum „Digitalen Check“, den man bei „digitalHUB“ anbietet — eine Bestandsaufnahme und ein erster Schritt.

Was behindert den digitalen Fortschritt? Nach Meinung der Experten ist es die Angst vor Digitalisierung sowie die Hemmung, mit härtesten Konkurrenten wirtschaftlich Kooperationen aufzubauen. „Nicht Technologien verändern die Welt, sondern die Art, wie man damit umgeht“, setzt Lobo dagegen. Kontrollbedarf besteht dennoch: „Eine Bedrohung sehe ich in Möglichkeiten einer digitalen Kriegsführung, etwa mit Drohnen“, meint Grün. „Das muss weltweit geregelt werden.“

Was gleichfalls beunruhigt: Die Wertschöpfung wandert bereits in die digitale Sphäre. „2016 haben Google und Facebook 77 Prozent des Online-Werbemarktes in den USA für sich erobert“, hat Lobo ermittelt.

Wie geht es weiter? Das erste digitale Medikament — eine Tablette, mit der ein Sandkorn-großer Mikrosensor geschluckt wird — ist bereits auf dem amerikanischen Markt. Per Smartphone erfährt der Patient, dessen Daten weitergeleitet werden, was sich in seinem Körper tut. Für die Konferenzteilnehmer ein grenzwertiges Digitalprodukt: „Fortschritt muss gelenkt werden — aber zum Wohle der Gesellschaft“, appelliert Lobo. „Wir sollten dennoch rasch die Angst vor künstlicher Intelligenz ablegen.“