Aachen: Rheinnadel baut Unternehmensstruktur um

Aachen: Rheinnadel baut Unternehmensstruktur um

Ein Traditionsunternehmen auf neuen Wegen: Die Aachener Rheinnadel Automation GmbH (RNA), das vor 37 Jahren aus der Rheinnadel-Nadelfabrik entstandene Maschinenbauunternehmen, wird ausgegliedert und geht komplett - also mit Geschäftsbetrieb und Mitarbeitern - bei unveränderter Gesellschafterstruktur in einem neuen Unternehmen auf.

Hintergrund der ungewöhnlichen Aktion ist einerseits die anhaltende Wirtschaftskrise, die bei dem mittelständischen Unternehmen mit derzeit 180 Mitarbeitern, davon 160 in Aachen, voll durchschlägt, andererseits eine tarifrechtliche Auseinandersetzung. Die Unternehmensleitung um den geschäftsführenden Gesellschafter Klaus Pavel will raus aus dem Flächentarifvertrag, um flexibler agieren zu können.

„Nur so können wir den Standort und die Arbeitsplätze in Aachen langfristig sichern”, begründete Benedict Borggreve, kaufmännischer Geschäftsführer der RNA, diesen Schritt. Er informierte am Dienstagmorgen die Belegschaft über die anstehenden Schritte, die ab Mitte August greifen sollen.

Das neue Firmenkonstrukt soll ebenfalls den Namen Rheinnadel Automation GmbH (RNA) tragen. Auch sonst soll sich bei dem international tätigen Unternehmen vorderhand nicht viel ändern, um die Kunden nicht zu verunsichern. Bis auf die Arbeitsverträge der Mitarbeiter. Denn RNA wird nicht mehr Mitglied im tarifrechtlich gebundenen Arbeitgeberverband und somit nicht mehr an die mit der IG Metall ausgehandelten Tarifverträge gebunden sein. Alle „notwendigen Veränderungen” sollen dann auf Betriebsebene vereinbart werden.

Der weit überwiegende Teil der Belegschaft sei bereit, diesen Weg mitzugehen, sagte Borggreve. Es gehe vor allem darum, die 40-Stunden-Woche unbefristet festzuschreiben. Eine „wettbewerbsfähige Kostenstruktur” sei in der derzeitigen Lage - das Unternehmen rechnet für das laufende Jahr 2009 bei Auftragseingang und Umsatz mit einem Minus von 28 Prozent gegenüber dem schon „schlechten Jahr” 2006 - unverzichtbar.

Denn bislang habe RNA das Defizit der Maschinenbausparte, in der 80 Prozent der Mitarbeiter tätig seien, durch das Komponentengeschäft, in dem Basiselemente für kundenspezifische Sondermaschinen hergestellt werden, ausgleichen können. Diese Quersubventionierung werde allerdings in diesem Jahr nicht mehr möglich sein, da auch das Komponentengeschäft rückläufig sei. Und auch für 2010 sei keine durchgreifende Besserung in Sicht, prognostiziert der RNA-Geschäftsführer.

Die neue Struktur soll dazu beitragen, diese Krise zu bewältigen. Änderungen beim Kündigungsschutz seien dabei nicht geplant. Eventuell müssten aber die Sonderzahlungen, vor allem das Weihnachtsgeld, in Zukunft „ergebnisabhängig gestaltet werden”. Bei RNA wird bereits seit Anfang März kurzgearbeitet. Ende Juni wurde 17 Mitarbeitern gekündigt. Die Zahl der Beschäftigten in Aachen reduziert sich damit demnächst auf rund 150.

Den nun angekündigten Änderungen sind massive Auseinandersetzungen mit der IG Metall vorangegangen. Die 40-Stunden-Woche war bereits 2006 bei einer gleichzeitigen Beschäftigungsgarantie zeitlich befristet vereinbart worden. Diese Frist läuft Ende 2009 aus. Die Geschäftsführung hatte deshalb seit Anfang des Jahres mit der IG Metall über eine Verlängerung verhandelt - ohne Ergebnis.

Geschäftsführung und Gewerkschaft gaben sich dafür gegenseitig die Schuld. RNA kündigte im Mai diesen Sanierungstarifvertrag, rutschte damit allerdings wieder in den für das Unternehmen eigentlich ungünstigeren Flächentarifvertrag. Schon damals dachte man in der Führungsetage laut darüber nach, aus der Tarifbindung ausscheren zu können. Was nun geschehen soll.

Für die Gewerkschaft steht fest: Der Versuch der Rheinnadel GmbH, aus der Tarifbindung auszuscheiden, werde nicht funktionieren. Aachens IG-Metall-Chef Franz-Peter Beckers erklärte gegenüber unserer Zeitung, die Beschäftigten nähmen alle Rechte mit in die neue Gesellschaft. „Wir werden allen unseren Mitgliedern bei Rheinnadel empfehlen, keine neuen Verträge zu unterzeichnen.”

Leistungen wie Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld oder Arbeitszeiten könnten nicht mit dem Betriebsrat in einer Betriebsvereinbarung geregelt werden. Das schreibe das Betriebsverfassungsgesetz vor. Wer bei diesen Leistungen etwas ändern wolle, müsse schon mit jedem Mitarbeiter einzeln einen neuen Vertrag abschließen.

Beckers sagt Schwierigkeiten voraus, sollte das Unternehmen dies vorhaben. „Die Belegschaft ist nicht bereit, das mitzumachen”, widersprach er Rheinnadel-Geschäftsführer Borggreve.

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