R+V-Chef Rollinger kritisiert CDU-Vorstoß zur privaten Altersvorsorge

R+V-Vorstandschef im Interview : „Das ist ein Angriff auf unsere Branche“

R+V-Vorstandschef Norbert Rollinger ist sauer. Der mächtige CDU-Sozialflügel will auf dem am Freitag beginnenden CDU-Parteitag einen Antrag beschließen lassen, nach dem die private Altersvorsorge in Form eines Standardfonds künftig für alle verpflichtend sein soll. Für Rollinger ist das „quasi eine Verstaatlichung“, wie er im Interview erläutert. Er wirft der CDU die versuchte Zerstörung der Lebensversicherungsbranche vor.

Die Menschen sollen auch privat Vorsorge treffen fürs Alter, denn die gesetzliche Rente alleine, so heißt es, wird wohl nicht mehr reichen. Doch wie das Geld anlegen, wenn die anhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank kaum noch Rendite bringt? Norbert Rollinger, Chef der R+V-Versicherung, hat eine klare Haltung: Er macht sich stark für die Lebensversicherung. Auch wenn der Garantiezins von derzeit 0,9 Prozent wohl perspektivisch weiter schrumpfen werde, sei dies eine vertrauenswürdige, solide Anlageoption. Umso mehr ärgert ihn ein Vorstoß des CDU-Sozialflügels vor dem anstehenden Parteitag.

Herr Rollinger, der einflussreiche CDU-Sozialflügel will auf dem Bundesparteitag in Leipzig, der am morgigen Freitag beginnt, die private Rente in Form eines Standardfonds verpflichtend machen. Ein Ausstieg wäre für Arbeitnehmer kaum möglich. Was halten Sie davon?

Rollinger: Für die Versicherungswirtschaft hat sich da eine bedrohliche Situation ergeben. Ausgerechnet die CDU stellt einen Antrag, die private Altersversorge quasi zu verstaatlichen. Das würde uns als großen Lebensversicherer und die Branche insgesamt zehntausende Arbeitsplätze kosten. Das wäre ein völlig unnötiger Eingriff in die Marktwirtschaft. Ludwig Erhard würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass gerade seine CDU einen solchen Vorschlag macht. Das ist ein Angriff auf unsere Branche, der ohne Vergleich ist und den wir so nicht erwartet haben.

Können Sie etwas genauer erklären, was die CDU möchte und warum das für Sie so bedrohlich ist?

Rollinger: Es handelt sich letztlich um eine staatliche Fondslösung, in die jeder verpflichtet wird einzuzahlen.

Übt scharfe Kritik an der CDU: Norbert Rollinger, Vorstandschef der R+V Versicherung. Foto: grafik

Also eine private Pflicht-Zusatzversicherung?

Rollinger: Ja genau. Dabei haben wir doch sowieso schon einen Rententopf, in den Arbeitgeber und Arbeitnehmer brüderlich einzahlen. Jetzt soll es auch noch eine zusätzliche, verpflichtende kapitalgedeckte und vom Staat organisierte Einheitsvorsorge in Form eines Fonds geben.

Dabei ist doch schon Riester gescheitert.

Rollinger: Das stimmt nicht, ist aber ein verbreitetes Vorurteil. Die Bürger bekommen dafür staatliche Zuschüsse. Im Schnitt sind es für jeden Euro, den Sie einzahlen, 40 bis 50 Cent vom Staat, und Sie decken damit die Lücke, die die staatliche Rentenversicherung in ihrem Umlageverfahren in den nächsten Jahren offenbaren wird.

Dann sollte man also besser die etablierten Systeme stärken?

Rollinger: Genau. Das Vertrauen in diese Systeme sollte gestärkt werden, indem man sie reformiert. Das gilt auch für Riester, denn das Umlageverfahren ist sehr kompliziert. Das sollte man in jedem Fall ändern.

Wie sollte eine Riesterreform aussehen?

Rollinger: Zu jedem Euro, den man investiert, sollten 50 Cent vom Staat dazukommen. Und zwar für jeden. Auch für Selbstständige, die bisher keine Riesterrente haben dürfen. Das wäre eine radikale Vereinfachung. Von 30 Millionen Berechtigten haben 16,5 Millionen einen Riestervertrag abgeschlossen. Das ist einzigartig in der Welt – auf freiwilliger Basis.

Was treibt die CDU um, solch einen Vorstoß zu wagen?

Rollinger: Ich weiß nicht, wen die CDU damit links überholen will. Die Bundesregierung hat sich bisher schon sehr damit hervor getan, Branchen kaputtzumachen. Ob Energieerzeugung, Kohleförderung oder Autoindustrie – jetzt ist offensichtlich die Lebensversicherungsindustrie dran. So wird ein weiterer tragender Wirtschaftszweig zerstört.

Wie viel macht der Bereich Lebensversicherung bei der R & V aus?

Rollinger: Rund 50 Prozent der Beitragseinnahmen. Der Rest setzt sich aus Rückversicherung sowie aus Kranken-, Schadens- und Unfallversicherung zusammen. Wir als R&V haben insgesamt 16.000 Mitarbeiter, von denen mehrere Tausend betroffen wären, sollte die CDU den Vorschlag durchwinken.

Wie sähen die Folgen für die gesamte Branche aus?

Rollinger: Die Branche hat allein im Bereich Lebensversicherung Beitragseinnahmen in Höhe von 100 Milliarden Euro. Bei einem Gesamtvolumen von 210 Milliarden Euro wären die Folgen immens. Darin sind die Folgen für die Fondsindustrie nicht einmal eingeschlossen.

Sorgen die Bürger privat nicht genügend vor?

Rollinger: Wir wissen, dass heute schon 70 Prozent der Bundesbürger privat vorsorgen. Jetzt zu meinen, das muss verstaatlicht werden, ist ein schlechter Witz. Das kommt mir so vor, als würde der Staat sagen: Sie müssen sich mehr bewegen, gehen Sie ins Fitnessstudio, am besten in ein staatliches. Denn nur so stellen wir sicher, dass Sie auch alle Übungen machen, die wir für sinnvoll erachten.

Aber es gibt doch auch eine Erwartungshaltung an den Staat, sich um die Alterssicherung seiner Bürger zu kümmern. Und das Problem wird nicht kleiner, weil wir einen massiven demografischen Wandel erleben. Deshalb wurde jetzt ja auch eine Grundrente beschlossen.

Rollinger: Das Problem ist nicht von der Hand zu weisen. Aber wir haben keine politische Lösung für die Rentenversicherung. Da wird nur dran rumgedoktert, da werden 100 Milliarden Euro in die Rentenversicherung hineingepumpt. Jetzt kommt eine Grundrente, weil man sich nicht auf Reformmaßnahmen bei der staatlichen Rente einigen kann. Und nun kommt man zu dem Schluss, dass die private Rentenversorgung vollkommen versagt hätte und deshalb in die Hände des Staates gelegt werden muss. Das ist Bevormundung. Da ist der unmündige Bürger das Leitbild, den man an die Hand nehmen muss. Ich weiß gar nicht, wie das funktionieren soll.

Aber seien wir doch mal ehrlich: Ein großer Teil der Bevölkerung kann sich keine private Altersvorsorge leisten. Wie sieht denn eine Lösung aus?

Rollinger: Zumindest ist so ein Deutschlandfonds keine Lösung. Genauso wenig wie die Grundrente das Problem der Altersarmut löst. Denn viele Rentner schaffen es nicht einmal, auf die notwendigen 35 Arbeitsjahre zu kommen.

Haben Sie Sorge, dass die gesellschaftliche Mitte weiter abschmilzt?

Rollinger: Ja. Deshalb müssen wir an anderen Stellschrauben drehen.

Und die wären?

Rollinger: Das Bildungssystem. Das fängt schon im Kindergarten an, wo ausreichend Plätze fehlen. Wir haben keine Rohstoffe. Deshalb können wir uns nur im Hirn ausbilden. Da gibt es erheblichen Nachholbedarf. Nützlich wäre auch ein bisschen mehr Wettbewerb, das heißt, auch ein Lehrer sollte Interesse daran haben, dass seine Schüler ein gutes Abitur machen.

Hat dieses Interesse nicht jeder Lehrer?

Rollinger: Schon, aber anders als in vielen anderen Ländern gibt es in Deutschland kein Belohnungssystem für Lehrer. Gute Bildung ist aber entscheidend für einen Zusammenhalt der Gesellschaft. Wir müssen jungen Menschen die Möglichkeit geben, sich zu qualifizieren, so dass sie nicht nur zu einem Mindestlohn arbeiten. Gerade im unteren Lohnbereich beruhen die Probleme oft auf gebrochenen Biografien, schlechter Ausbildung oder der Alleinerziehung von Kindern.

Sie haben in der Vergangenheit wiederholt ein Bekenntnis zu dem Produkt Lebensversicherung abgegeben, gleichzeitig aber betont, dass es wegen der Niedrigzinspolitik die Renditen von einst nicht mehr geben wird. Warum sollen die Menschen noch eine Lebensversicherung abschließen?

Rollinger: Gegenfrage: Wo können Sie angesichts von Strafzinsen, die mehr und mehr auch Privatanleger treffen, ihr Geld denn sonst noch sinnvoll anlegen?

Man kann in Fonds investieren oder an den Aktienmarkt gehen. Aber das ist natürlich spekulativ und risikobehaftet.

Rollinger: Ist es dann nicht besser, gut zu mischen? Neben dem Eigenheim und Fonds gehört auch eine Lebensversicherung in einen guten Kapitalanlage-Mix. Sie investiert ja auch in Aktien, Infrastruktur, Zinspapiere oder in Unternehmensanleihen.

Man sollte also den Garantiezins von 0,9 Prozent nehmen – nach dem Motto: Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach?

Rollinger: Sie kriegen ja nicht nur den Garantiezins, sondern auch die Überschussbeteiligung. In der Gesamtsumme sind das zwischen zwei und drei Prozent. Dann zeigen Sie mir einmal, wo Sie diese Sicherheit haben und gleichzeitig so viel auf ihre Sparanlagen erhalten.

Wie lange halten Sie die Niedrigzinspolitik noch aus?

Rollinger: Auf Wunsch der Bafin haben wir Prognosen bis ins Jahr 2035 gemacht, aber wir sind für mehrere Jahrzehnte abgesichert. Allerdings stehen wir vor großen Herausforderungen, denn es wird wohl zu weiteren Zinssenkungen kommen. Die Nebenwirkungen werden immer größer. Das spüren wir auch in Deutschland. Jeder Kunde wird zunehmend mit Negativzinsen konfrontiert. Damit wird das Thema private Altersvorsorge immer wichtiger, denn bei niedrigen Zinsen müssen Sie noch mehr zurücklegen.

Genießen Sie als Partner der Genossenschaftsbanken eigentlich einen Vertrauensvorschuss?

Rollinger: Unsere Volks- und Raiffeisenbanken können nicht weglaufen oder zumachen. Die Kunden sind immer auch die Eigentümer einer Volksbank. Auch wir stehen da in der Pflicht. Wenn wir einen Schaden regulieren, geht es immer um unsere Eigentümer. Das ist das Kennzeichen unseres Modells. Wir kämpfen um jeden Kunden, denn hinter jedem Kunden steht ein Eigentümer.

Sie wollen pro Jahr 100 Millionen Euro in die Digitalisierung in Ihrem Haus investieren. Wofür verwenden Sie eine solche Summe konkret und was bedeutet das für den Kunden?

Rollinger: Das bedeutet für unsere Kunden, dass sie viel mehr elektronisch machen können – auf dem Smartphone oder dem Tablet. Per App werden alle Versicherungsverträge sichtbar, auch die der Wettbewerber. Wir kommen über die Digitalisierung in eine stärkere Interaktion mit unseren Kunden. Sie sind nicht mehr nur darauf angewiesen, sich persönlich beraten zu lassen. Wenn jemand etwa eine neue elektronische Versicherungskarte benötigt, muss er nicht seinen Berater kontaktieren, sondern macht das digital.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass es bei Ihnen künftig weniger Berater geben wird?

Rollinger: Nein. Wir wollen an bürokratischen Prozessen sparen, nicht aber an Beratern, denn wir sind ein wachsendes Unternehmen. Allerdings schaffen wir es vielleicht, das Wachstum der Mitarbeiter durch die Digitalisierung zu begrenzen, denn wir müssen auch wirtschaftlich arbeiten.

Glauben Sie, dass sie digital alle Kunden gut erreichen?

Rollinger: Wir fahren digitale und persönliche Angebote parallel. Das wird auf Jahrzehnte auch so bleiben. Die Kunst ist es, beides im Interesse der Kunden zu kombinieren.

Ist der Klimawandel für die Branche eine Herausforderung oder gar eine Bedrohung?

Rollinger: Wenn Risiken steigen, dann ist das erst mal für uns als Versicherer eine gute Nachricht. Denn sie bieten neue Geschäftschancen. Die Kunden müssen sich dann aber gegebenenfalls auf steigende Beiträge einstellen. Wenn Gletscher abstürzen, Venedig unter Wasser steht oder Muren abgehen, werden die Schäden nicht vom lieben Gott bezahlt. Die private Versicherung beruht darauf, dass viele einen kleinen, leistungsgerechten Betrag zahlen, damit die wenigen, die einen hohen Schaden haben, entschädigt werden können. Klar: wenn das Schadensvolumen steigt, steigen die Versicherungsbeiträge.

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