Aachen: Präsident der IHK Aachen: „Hätte mir mehr offenes Visier gewünscht“

Aachen : Präsident der IHK Aachen: „Hätte mir mehr offenes Visier gewünscht“

Zehn Jahre stand der Heinsberger Bert Wirtz an der Spitze der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen. Im Januar wählte die Vollversammlung Wolfgang Mainz zu seinem Nachfolger. Wir sprachen mit dem 52-jährigen Unternehmer über gute Kontakte zu Promis, den Kampf um Fachkräfte und die Wirtschaftskraft der Region. Das Gespräch hat Anja Clemens-Smicek zusammengefasst.

Wie war Ihr Start als IHK-Präsident?

Zum Redaktionsbesuch bei Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten: IHK-Präsident Wolfgang Mainz (Mitte). Foto: Michael Jaspers

Wolfgang Mainz: Der Start war sehr gut. Ich habe eine sehr gut bestellte IHK vorgefunden. Wir sind ein sehr harmonisches, effizientes und gutes Team. Deshalb können wir uns sofort auf die Inhalte konzentrieren.

Ihr Vorgänger Bert Wirtz gilt als guter Zuhörer und jemand, der gut zureden kann. Sehen Sie sich auch in dieser Rolle? Oder sind Sie eher der Antreiber?

Mainz: Bert Wirtz ist ein hervorragender Netzwerker, der Menschen zusammengebracht hat, der Menschen für seine Themen begeistern konnte. Wir werden die IHK ein Stück weiterentwickeln. Aber mir ist es wichtig, den Prozess gemeinsam mit dem Präsidium und der Vollversammlung zu gestalten.

Herr Wirtz ist hervorragend vernetzt. Es gibt wohl keinen Prominenten, dessen Nummer er nicht gespeichert hat. Das kam der IHK zugute. Wie sieht‘s bei Ihnen aus?

Mainz: Ich habe sicherlich andere Namen im Smartphone als Bert Wirtz. Nicht jeder muss Claudia Schiffer kennen (lacht), aber vielleicht kann er mir die Kontaktdaten ja mal geben. Ich glaube, ich bin in der Region gut vernetzt durch meine Tätigkeit im Präsidium des ALRV, meine langen Jahre im Verband Junger Unternehmer und ehemals Vorsitzender der europäischen Jungen Unternehmer. Da baut sich schon ein Netzwerk auf. Da kann ich auf Personen zurückgreifen, die der IHK helfen können.

Sie wurden von der Vollversammlung zwar einstimmig gewählt, doch nicht jeder war von der Idee begeistert, dass der neue Präsident mit seinem Familienunternehmen, der Großbäckerei Kronenbrot, in die Insolvenz gegangen ist.

Mainz: Ich habe keine Berührungsängste. Ich verstehe meine Kritiker zu einem guten Stück, auch wenn sie sich im Vorfeld und während der Wahl mir gegenüber nicht gezeigt haben.

Aber macht man sich da Gedanken?

Mainz: Als ich das erste Mal gefragt wurde, ob ich das Amt übernehmen will, war das Unternehmen in einer sehr kritischen Phase. Deshalb sagte ich: Das kann ich mir nicht vorstellen. Ein gutes Jahr später ist das Anliegen wieder an mich herangetragen worden. Ich habe unter anderem mit Hauptgeschäftsführer Michael Bayer und im Präsidium intensive Gespräche darüber geführt, ob eine Kandidatur sinnvoll ist. Letztlich habe ich mich dafür entschieden.

Ist man gebrandmarkt, wenn man eine Insolvenz erlebt hat?

Mainz: In Deutschland ist man sicherlich belastet, wenn man eine Insolvenz durchlaufen hat. In den USA ist das ganz anders. Da bekommen sie erst einen Kredit, wenn sie schon einmal in schwierigem Fahrwasser waren. Dann wird Ihnen mehr Erfahrung zugesprochen.

Sind Ihre Kritiker vernünftig mit Ihnen umgegangen?

Mainz: Ich hätte mir mehr offenes Visier gewünscht. Ich gehe offen mit der Insolvenz um, hätte mir auch gewünscht, dass man das offen anspricht. Es wäre auch kein Problem für mich gewesen, wenn sich bei der Wahl jemand gegen mich ausgesprochen hätte. Gleichwohl habe ich mich darüber gefreut, dass dies nicht der Fall war.

Sie sehen also nicht die Gefahr, dass sich an Ihrer Person die IHK spalten könnte?

Mainz: Die sehe ich nicht.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Mainz: Sehen Sie sich die Insolvenz von Kronenbrot an: Alle Mitarbeiter haben ihren Arbeitsplatz behalten. Durch die Übernahme des neuen Investors sind sogar noch zusätzliche Mitarbeiter eingestellt worden. Wir hatten 150 verschiedene Lieferanten, von denen auch welche in der Vollversammlung sitzen. Ich hatte mit jedem persönlichen Kontakt, und alle sind auch heute noch Lieferanten von Kronenbrot.

Das klingt jetzt so positiv.

Mainz: Natürlich gab es in der Insolvenzzeit Forderungsausfälle. Aber Sie behalten die Perspektive, das Unternehmen weiterhin zu beliefern. Das Schlimmste ist für einen Lieferanten, wenn das Unternehmen nicht mehr am Markt aktiv ist. Und auch die Kunden haben uns die Treue gehalten.

Ihre Insolvenzquote ist mit knapp 40 Prozent ungewöhnlich hoch.

Mainz: Das stimmt. Natürlich ist ein Schaden entstanden, das muss man ganz klar sehen. Aber das Positive ist, dass Kronenbrot weiter ein Player am Markt ist. Zwar definitiv nicht mehr unter der Führung meiner Familie, aber letztlich ist ein nachhaltiger Übergang vollzogen worden.

Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte?

Mainz: Wir sehen den Menschen im Fokus. Das umfasst unter anderem die Digitalisierung, die Ausbildung, den Fachkräftemangel. Es geht mir darum, den Menschen für unsere Region als Unternehmer, Fachkraft, Auszubildenden zu gewinnen.

Geht es etwas konkreter?

Mainz: Fangen wir bei der Ausbildung an. Das ist eine der Kernaufgaben der IHK. Dazu kommt das Thema Existenzgründungen. Beides ist enorm wichtig, um neue Prozesse in der Wirtschaft abbilden zu können. Dafür benötigen wir Menschen mit Begeisterung, Fachkräfte mit der entsprechenden Ausbildung.

Wird denn genug ausgebildet?

Mainz: Ja! Heute müssen sich die Unternehmer aktiv aufstellen, um junge Menschen zu gewinnen. Die duale Ausbildung ist eine attraktive Karriereoption mit guten Verdienstmöglichkeiten.

Und wenn Sie sich etwas von den Schulen wünschen könnten?

Mainz: Wir müssen mit den Menschen arbeiten, die wir vorfinden. Die Aufgabe der Schulen liegt darin, das Potenzial zu finden und die Menschen zu begeistern. Da muss das Unternehmen weitermachen. Auch dort ist die Arbeit nicht jeden Tag spannend und toll. Aber ein Unternehmen ist nur zukunftsfähig, wenn es genug Mitarbeiter hat, die sich mit dem Arbeitgeber auch identifizieren.

Ein Satz zur NRW-Landesregierung.

Mainz: Ich habe einen sehr positiven Eindruck. Dort hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Unternehmen freier arbeiten müssen, um erfolgreich zu sein. Deregulierung ist gerade für Existenzgründer enorm wichtig.

Die Digitalisierung bringt zwar neue Jobs, aber auch die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust.

Mainz: Das ist ein dramatischer Umbruch, in dem nach aller Erfahrung auch neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen. Wir machen uns Gedanken über die Zukunft nach dem Ende der Braunkohle. In der Region stehen 9000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Uns ist aber nicht damit geholfen, die alten Arbeitsplätze krampfhaft zu halten. Wir müssen durch die Digitalisierung Neue gewinnen.

Das dürfte den akuten Fachkräftemangel noch verschärfen. Wie wollen Sie dem entgegentreten? Mehr in eigene Fort- und Weiterbildung investieren?

Mainz: Das ist auf jeden Fall sinnvoll — Stichwort lebenslanges Lernen. Früher war nach einer Meisterausbildung der Kenntnisstand für die nächsten 30/40 Jahre festgeschrieben. Das gilt längst nicht mehr.

Als 2015 die große Zahl von Flüchtlingen nach Deutschland kam, sprach man von einer großen Herausforderung, diese Menschen zu integrieren. Wo stehen die Unternehmen heute?

Mainz: Wenn man überlegt, unter welchen Strapazen und Gefahren die Menschen zu uns kommen und alles riskieren: Ich glaube nicht, dass diese Menschen getrieben wurden, um hier eine kostenlose Sozialleistung zu bekommen. Unsere Aufgabe — auch als Unternehmen — ist es, diese positive Energie so zu bündeln, dass diese Menschen unsere Sprache lernen, eine Ausbildung machen und einen positiven Beitrag für unser Gemeinwohl leisten können. Allein, wenn wir an den demografischen Wandel denken, brauchen wir die Flüchtlinge.

Wie sieht es in der Region aus?

Mainz: Im vergangenen Jahr waren etwa 3,5 Prozent der neuen Auszubildenden in unserem Kammerbezirk Flüchtlinge. Das ist ein Anfang, denn der Großteil der Jugendlichen befindet sich noch in Vorbereitungskursen.

Und wie steht es um die Flüchtlinge, die ihre Ausbildung schon in der Heimat abgeschlossen haben?

Mainz: Da haben wir keine Zahlen, denn die werden von den Arbeitsagenturen erfasst. Reden wir von dem hochausgebildeten Menschen, der hier direkt als Arzt, IT-Manager oder Bauarbeiter anfangen kann? Dann sollte die Qualifikation die Voraussetzung sein für Asyl und nicht der Fluchtgrund. Man darf aber nicht übersehen, dass es auch schwarze Schafe gibt, wo das Alter nicht stimmt, der Name oder die Religionszugehörigkeit. Das muss geprüft und seriös bearbeitet werden.

Also ein Plädoyer für ein Zuwanderungsgesetz.

Mainz: Ja, unbedingt. Es ist zum Beispiel sehr ärgerlich, wenn wir Unternehmen dafür gewinnen, Flüchtlinge auszubilden und kurz nachdem der Ausbildungsvertrag abgeschlossen wurde, kommt der Abschiebebescheid. Dabei war vorher alles mit den Behörden abgesprochen. Das geht einfach nicht und erhöht nicht gerade die Bereitschaft der Unternehmen, Flüchtlingen eine Chance zu geben.

Es kursiert oft das böse Wort der „Kirchturmspolitik“: Hier das Oberzentrum Aachen, dort die Kreise.

Mainz: Die IHK repräsentiert nicht nur Aachen, sondern die ganze Region. Wenn wir die Zusammenarbeit intensivieren, haben wir ein enormes Potenzial. Wenn Sie große Unternehmen für Aachen begeistern wollen, gibt es doch gar nicht mehr genügend Gewerbeflächen. Also gehen Sie in die Region. Für die einzelnen Körperschaften ist es wichtig, intensiver zusammenzuarbeiten.

Sie sehen die Region als Ganzes?

Mainz: Ja, und ich glaube, das wird auch gelebt. Ziehen Sie die Kreise Düren, Heinsberg und Euskirchen mit ein, dazu das Oberzentrum Aachen — dann liegen Sie wirklich mitten in Europa. Wir haben nur eine Chance uns zu entwickeln, wenn wir nicht in einzelnen Regionen denken.

Aber sind wir in der Region auch gut genug aufgestellt, um aus unseren Innovationen auch eine Wertschöpfungskette entstehen zu lassen?

Mainz: Das muss Teil einer regionalen Wachstumsstrategie sein. Vor zehn Jahren hätte jeder gelacht, wenn man gesagt hätte, Aachen wird Automobilstadt. Wir haben die Chance auf einen Aufbruch, von dem die ganze Region profitieren kann. Junge Ingenieure, die hier ausgebildet wurden, gehen vielleicht nicht nach Stuttgart zu Daimler, sondern nutzen hier die Möglichkeit, ein Auto für eine neue Mobilitätsgeneration mit zu entwickeln.

Junge Absolventen werden oft mit befristeten Verträgen abgespeist. Eine mögliche Groko will das ändern. Was halten Sie davon?

Mainz: Jeder junge Mensch sehnt sich nach Stabilität. Der Unternehmer hat hingegen den Wunsch nach Flexibilität, denn keiner kann ihm garantieren, dass seine Auftragsbücher im nächsten Jahr noch genauso voll sind. Beschränkungen sind nicht sinnvoll, weil sie gerade den, der eigentlich Arbeitsplätze schaffen will, zur Zurückhaltung verdammen.

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