Aachen: Philips-Forscher suchen nach rettendem Strohhalm

Aachen: Philips-Forscher suchen nach rettendem Strohhalm

Dr. Eberhard Waffenschmidt sieht seine Arbeit mit Füßen getreten. Und man kann ihm ansehen, dass ihn und seine Kollegen dies schmerzt. Waffenschmidt ist Wissenschaftler, seit 14 Jahren arbeitet er in den Philips Forschungslaboratorien, er hat Familie, Frau, Kinder, ein Haus.

Und seit Montag keine Perspektive mehr in Aachen. Denn da hat die Firmenleitung bekannt gegeben, dass der Forschungsstandort Aachen geschlossen wird. Oder wie es die offizielle Konzernlesart ist: Die Forschungsbereiche Aachen und Eindhoven werden zusammengezogen - in Eindhoven. 70 Arbeitsplätze in Aachen bleiben auf der Strecke, 160 Mitarbeiter sollen ein Angebot für eine Stelle in Eindhoven erhalten.

Mehr als Ankündigungen hat es aber bislang nicht gegeben. Waffenschmidt, Mitglied des Betriebsrats, sagt, er werde wohl ein Angebot bekommen. Er sagt aber auch: „Ein Umzug kommt für mich nicht in Frage. Und ob ich das Pendeln aushalte?” Seine Stimme ist zornig. „Hier werden Wissen und Erfahrung mit Füßen getreten.”

Mit einer Mahnwache und einer 300 Teilnehmer starken Menschenkette rund um den blauen Zaun, der das Philips-Gelände an der Weißhausstraße einfasst, hat der Kampf um die Jobs begonnen. Während eine Mitarbeiterin von der unerträglichen Situation auf den Fluren der Labore berichtet, von der Unruhe im Haus, von fehlender Hoffnung, wird draußen deren Funke bemüht.

Die Mitarbeiter haben ihre Familien mitgebracht, sie haben Kerzen angezündet, Kerzen, wie sie auf Gräber gestellt werden. Die Stimmung ist wie auf einer Beerdigung, nur das der Tote noch einmal auferstehen will. „Wir kämpfen für den Erhalt der Arbeitsplätze”, sagt Betriebsratsvorsitzender Dr. Georg Gärtner. Man werde den rettenden Strohhalm suchen. „Diese Entscheidung der Konzernspitze ist aus tausend Gründen falsch”, schimpft IG-Metall-Bevollmächtiger Franz-Peter Beckers.

Während die Mitarbeiter immer noch den Montag vor Augen haben, als ihnen mit ein paar englischen Standardsätzen der Konzernspitze der Aachener Boden unter den Füßen weggezogen wurde, haben hinter den Kulissen erste Gespräche begonnen. Die Stadtverwaltung hat Kontakt mit Philips in Hamburg und Eindhoven aufgebaut. „Deren Entscheidung ist nicht hinnehmbar”, sagt Dieter Begass von der städtischen Wirtschaftsförderung.

Nach dem Aus für Bildröhrenproduktion und Glasfabrik könne sich Philips nicht noch weiter zurückziehen. Begass fürchtet um die verbliebenen Produktionsstätten in Rothe Erde. Dort arbeiten rund 1000 Menschen. „Auch wir können das alles nicht verstehen”, erklärt Detlef Pipoh, Sprecher dieser Belegschaft. „Entwicklung und Realisierung müssen hier bleiben”, fordert Begass.

Die Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung werden in anderthalb Wochen beginnen. „Wir werden es dem Unternehmen nicht leicht machen”, kündigt Gärtner an. Bis dahin will sich auch die Politik für den Standort Aachen - wie auch im Fall Ericsson -Êstark machen. Alter und neuer OB wollen den Dialog suchen, Karl Schultheis hat Landesministerin Christa Thoben eingeschaltet, Bundesministerin Ulla Schmidt will ihre Kontakte nutzen. Aachen brauche Philips und Philips brauche Aachen sagt Beckers.

Die Linie aus Hochschule mit neuem Campus, Forschungsstandort und Produktionsstätte sei unschlagbar. Das findet auch Dr. Eberhard Waffenschmidt. „Ich kann diese Entscheidung einfach nicht akzeptieren”, sagt er.

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