Gegen die „beschämende“ Quote: Nur 5 von 127 Jung-Unternehmern im Digital Hub sind weiblich

Gegen die „beschämende“ Quote: Nur 5 von 127 Jung-Unternehmern im Digital Hub sind weiblich

Felicia Kufferath und Stanimira Markova gehören zu einer seltenen Spezies: Frauen, die im digitalen Bereich ein Start-up gegründet haben. Unter den 127 Jung-Unternehmern, die im Digital HUB, dem Verein zur Digitalisierung der Wirtschaft und öffentlichen Hand in der Region Aachen, organisiert sind, finden sich nur fünf Frauen.

„Damit liegen wir weit unter dem Landes- und Bundesschnitt“, zeigt sich Geschäftsführerin Iris Wilhelmi selbstkritisch. „Selbst wenn wir zum digitalen noch den technologischen Bereich hinzunehmen, sieht es kaum besser aus.“ Dabei stehen Kufferath und Markova für zwei gänzlich unterschiedliche Strategien, sich das Digitale beruflich zu Nutze zu machen: Markova entwickelt in ihrem Unternehmen GREENbimlabs Softwareprodukte, die es ermöglichen, die Kreislauffähigkeit von Baumaterialien in allen Phasen des Lebenszyklus’ eines Gebäudes ökologisch und ökonomisch zu bewerten.

Kufferath hat den Online-Shop „Feline Vintage“ für Schmuck und Interieur des 20. Jahrhunderts aufgebaut. Die eine lötete schon als Kind in der Werkstatt ihres Vaters und scheute sich bei der Studienwahl nicht vor dem Bausektor, die andere suchte einen Ausgleich zu ihrem trockenen Wirtschaftsingenieurstudium und fand schließlich im Handel mit Vintage-Objekten ihre derzeitige berufliche Erfüllung.

Jede für sich bringt aber ein Denken über die verschiedenen Disziplinen hinweg mit: Kreativität im Umgang mit Problemen, keine Scheu vor technischen Herausforderungen und eine gehörige Portion Unternehmergeist. Gerade letzterer scheint bei Frauen aber eher nicht stark ausgeprägt. „In studentischen Start-up-Gruppen finden sich oft noch viele Frauen, wenn es zum Notar geht, sind sie auf einmal weg“, weiß auch Andera Gadeib, unter anderem Gründerin des digitalen Marktforschungsunternehmens Dialego, selbsternannte Online-Enthusiastin und gern gesehene Gesprächspartnerin für Politik und Wirtschaft immer wenn es ums Digitale und um Entrepreneurship geht. Das habe viel mit fehlendem Mut, aber auch mit unterentwickelter Selbsteinschätzung zu tun. „Die 15 Studentinnen, die in den vergangenen drei Jahren bei uns gearbeitet haben, waren alle spitze, aber sehr unsicher. Selbst wenn wir ihnen gesagt haben, dass sie sehr gute Arbeit leisten, wollten sie es nicht glauben“, berichtet Markova. Wie viel mehr Selbstbewusstsein muss eine Frau erst für eine Start-up-Gründung mitbringen – immerhin scheitern derzeit 90 Prozent aller digitalen Geschäftsideen.

Dabei könnten gerade Frauen die Digitalisierung entscheidend voranbringen, ist Gadeib überzeugt. „Innovation entsteht im Kreativen, nicht im Digitalen. Wir produzieren gerade sehr viel Schrott, weil wir nicht gucken, wie das Neue bei den Menschen ankommt. Gerade das ist aber oft eine Stärke von Frauen.“ Insgesamt würde sich eine stärkere Vielfalt in allen Positionen positiv auf jedes Unternehmen und jedes Arbeitsfeld auswirken. „Am besten ist es, wenn wir die Fähigkeiten der verschiedenen Menschen zusammenbringen“, glaubt auch Markova. Kufferath wünscht sich ebenso gerade in der Region Aachen mehr kreative Köpfe: „Mit meinem Lifestyle-Business müsste ich eigentlich nach Berlin oder Düsseldorf umziehen. Ich habe schon keinen Mitgründer gefunden, und jetzt ist es schwierig, Mitarbeiter zu rekrutieren. Ich möchte aber sehr gern hier bleiben.“

Also was ist zu tun, damit Wilhelmi ihre „beschämende“ Quote im Digital HUB verbessern kann und sich Frauen generell mehr für die Chancen der Digitalisierung inte­ressieren? Einige Ideen:

Sichtbare Rollenbilder schaffen: Deshalb kommen zum Beispiel beim Girls‘ Day am 28. März 100 Mädchen aus den Klassen fünf bis neun in die Aachener Digital Church, um erste Programmiererfahrung mit einem Minicomputer zu sammeln. Die „Generation Z“ nimmt auch die heutige Tagung „Töchter 4.0“ im Zinkhütter Hof in Stolberg in den Blick. Unternehmerinnen und weibliche Führungskräfte sollten Schülerinnen und Studentinnen als Mentorinnen noch stärker begleiten als bisher. „Auch Gremienarbeit ist enorm wichtig“, sagt Gadeib.

Niedrigschwellige Informationen: Das Digital HUB wird im neuen Exzellenz-Start-up-Center NRW am Campus der RWTH eine Außenstelle einrichten. „Wir wollen die Informationen zu den Studierenden bringen“, erklärt Wilhelmi.

Eine andere Sprache: Frauen fühlen sich gerade in technischen Berufen weniger häufig von Stellenanzeigen angesprochen. Das Kompetenzzentrum Frau und Beruf Region Aachen hat deshalb einen Leitfaden für erfolgreiches Rekrutieren von Frauen herausgegeben. Auch Workshop-Titel sollten in dieser Hinsicht unter die Lupe genommen werden.

Gründungsrisiken minimieren: „Wenn man sich bereits im Rahmen eines freiwilligen Praktikums während eines Studiensemesters um das eigene Start-up kümmern könnte, könnte man bereits vorm Abschluss ausloten, ob eine Gründung und die Geschäftsidee das Richtige ist“, erläutert Kufferath, wie man weniger risikobereite Frauen dennoch für eine Gründung begeistern könnte. Gerade auch für Frauen mit einem klassischen Bild der Rollenverteilung in der Familie lägen Chancen in einem digitalen Start-up. „Man hat alle Flexibilität, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.“

„Frauen wie Männern sollte klar sein: Gehören mehr Frauen zu den Gewinnern der Digitalisierung, können wir das Fachkräftepotenzial verdoppeln“, lautet das Fazit von Gadeib.

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