Aachen: Nicht jeder muss das Rad neu erfinden

Aachen: Nicht jeder muss das Rad neu erfinden

Es ist nicht so, dass Kerstin Steffens Gründerwettbewerbe ablehnt. Würdigen, fördern, beraten, finanziell wie auch ideell, das sei schon sehr wichtig, sagt sie.

Die Inhaberin des Würselener Elektrogroßhandels Biron und Jansen fragt sich bloß, warum die Öffentlichkeit Unternehmensnachfolgen im Vergleich zu Gründungen so stiefkindlich behandelt. „Vielleicht ist es eine Imagefrage”, sagt sie. Gründen klinge für viele spannender als nachfolgen. „Vielleicht glauben sie, dass Gründer freier und kreativer arbeiten können.”

Dabei müsse doch nicht jeder das Rad neu erfinden, wenn es sich schon längst dreht. Bunte Kampagnen, große Wettbewerbe, rege Anteilnahme von Politikern und Medien - alles das, was es für Existenzengründungen gibt, wünscht sie sich auch für die Unternehmensnachfolge. „Unsere Region braucht eine Auszeichnung für die beste Nachfolge.” Schließlich sei das Ganze für die Wirtschaft ein wichtiges Thema und für Unternehmer eine Chance.

Die Statistik gibt Kerstin Steffens recht. Bis 2014 müssen sich bundesweit knapp 110.000 Familienunternehmen die Nachfolgefrage stellen. Alleine 24.100 und damit bundesweit die meisten in NRW. Das schätzt das Bonner Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in einer Studie von 2010. „Der größte Teil der Unternehmer, gut 86 Prozent, möchte den Betrieb übergeben, weil er das Ruhestandsalter erreicht hat”, erklärt Rosemarie Kay vom IfM. Weitere Gründe sind der Tod des Eigentümers oder dessen Krankheit. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen geht davon aus, dass von den 70.000 Unternehmen in ihrem Kammerbezirk jährlich rund 1000 Betriebe übergeben werden. Gut die Hälfte innerhalb der Familie und je ein Viertel an Mitarbeiter oder Betriebsfremde. „Die Übergabe innerhalb der Familie ist sicherlich der Klassiker”, sagt Rosemarie Kay.

Klassisch lief es auch bei Kerstin Steffens. Einerseist jedenfalls. Biron und Jansen gehörte zur Hälfte ihrem Großvater. Schon als Kind lernte sie das Geschäft kennen und schnupperte dort Unternehmerluft. Andererseits aber lief alles ganz und gar nicht im typischen Sinn. „Eine Frau als Chefin in einem Elektrogroßhandel war schon für einige ein Schock”, sagt sie. 1988, das BWL-Studium gerade abgeschlossen, stieg die 24-Jährige im Betrieb als Gesellschafterin ein. Klar kannte man sie dort. Als die Kerstin, die im Sommer zuvor noch als Praktikantin bei der Inventur geholfen hatte. Spindeldürr, lange dunkle Haare und braver Mittelscheitel.

„Sieht so eine Unternehmerin aus?”, fragten sich viel Kunden und wohl auch Angestellte. 1990 wurde sie Geschäftsführerin, drei Jahre später kaufte sie Peter Biron seinen Anteil ab. Plötzlich stand die 26-jährige Enkelin auf Augenhöhe mit dem 73-jährigen Großvater. Der hatte zwar immer erwartet, dass sie das Steuer irgendwann in die Hand nehmen würde und war stolz auf sie. „Als wir dann eine Doppelspitze waren, gab es aber schon Konflikte.” Konflikte, die, das weiß Kerstin Steffens heute, zu einer Unternehmensnachfolge gehören.

Nicht zu unterschätzen

„Der Nachfolger ist voller Elan, der Übergebende will oft an seinen Regeln und seinem Lebenswerk festhalten”, sagt sie. Da prallten Welten aufeinander. „Als Nachfolger darf man sich dem Unternehmen nicht mit der Sense annehmen, sondern muss Änderungen behutsam vornehmen.” Seit 2002, dem Todesjahr des Großvaters, ist sie alleinige Eigentümerin des Elektrogroßhandels.

Kurt Krüger berät für die Handwerkskammer (HWK) Aachen seit elf Jahren Mitglieder, die ihren Betrieb übergeben möchten. Und solche, die eine Nachfolge auf den Chefsessel antreten wollen. Der Kardinalfehler, sagt er, sei es zu unterschätzen, wie lange so ein Übergabeprozess dauern kann. „Wenn jemand zu mir kommt und sagt, dass seine Frau ihn morgens beim Frühstück daran erinnert hat, dass ja die Übergabe im kommenden Jahr ansteht und er sich doch mal eben beraten lassen soll, fällt mir ehrlich gesagt nicht mehr viel ein.” Zwischen drei und fünf Jahre muss man einplanen, in seltenen Fällen sogar zehn. Es gilt, Pläne zu durchleuchten, Bilanzen zu prüfen, mit Bank und Steuerberater zu reden und ein Konzept zu erstellen, das standhalten kann. Kurt Krüger unterstützt dabei.

15.900 Unternehmen gibt es im Aachener Kammerbezirk. Die HWK schätzt, dass für fast 30 Prozent von ihnen in den kommenden fünf bis zehn Jahren die Übergabe ansteht. „Gift für eine gelungene Nachfolge ist auch, wenn es an Liquidität mangelt”, sagt Krüger. „Wenn der Kaufpreis für eine Firma 40.000 Euro beträgt und der Übernehmer 10.000 Euro Eigenkapital miteinbringen kann, darf er nicht davon ausgehen, dass er nur noch 30.000 von der Bank braucht.” Im Idealfall müsse es einen Puffer geben, mit dem die Firma drei bis sechs Monate über die Runden kommt, auch wenn Aufträge ausbleiben. „Man muss eben kaufmännisch denken können, ein Unternehmertyp sein.”

So ein Unternehmertyp ist Edwin Otten, 28. Seit Januar 2010 gehört ihm der Bestattermeisterbetrieb Otten mit Sitz in Tüddern im Selfkant. Gegründet hatte ihn 1985 der Vater. Nach der Übernahme vergeudete Sohn Edwin keine Zeit. Er eröffnete Filialen in Birgden und Gangelt, Anfang 2011 übernahm er das Beerdigunginstitut Pfennigs in Baesweiler. Den Namen behält er bei. „Pfennigs ist in der Region ein Begriff, das Unternehmen gibt es hier seit 88 Jahren.” Dazu geraten, für die Baesweiler Filiale den Namen Pfennigs beizubehalten, hat ihm sein Steuerberater Stilianos Brusenbach. „Einen neuen Namen, eine gute Marke aufzubauen würde bestimmt rund 20 Jahre dauern und viel Geld kosten”, erklärt er. Schließlich müsste der Name über Werbe- und PR-Maßnahmen bekanntgemacht werden. „Die klassische Mund-zu-Mund-Propaganda reicht da nicht.”

Dass Edwin Otten von Kunden in Baesweiler öfters mit „Herr Pfennigs” angeredet wird, stört ihn nicht. Das nimmt er in Kauf. Um den Übernahmeprozess für Otten bestmöglich abzuwickeln, hat Brusenbach schon früh den Kontakt zur Handwerkskammer geknüpft. „Einen kompetenten Steuerberater an seiner Seite zu haben, ist für Übernehmer optimal”, sagt Kurt Krüger. Dieser könne beispielsweise dabei helfen, einen Businessplan zu erstellen. Stilianos Brusenbach hat Edwin Otten auch bei der Marktanalyse unterstützt. Wie es mit Konkurrenz in der Region aussieht ist etwa eine Frage, die geklärt werden musste. Alles in allem hat der Übernahmeprozess für das Beerdigungsinstitut Pfennigs nur sechs Monate gedauert. „Das ist schon fast rekordverdächtig”, sagt Krüger. Vielleicht auch preisverdächtig, würde Kerstin Steffens sagen.

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