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Sechs Thesen zur Elektrifizierung: Mobilität mit Vernunft und Emotion

Sechs Thesen zur Elektrifizierung : Mobilität mit Vernunft und Emotion

RWTH-Professor Achim Kampker stellt sechs Thesen zur Elektrifizierung des Stadtverkehrs auf. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Projekt „Streetscooter“.

Auch die Elektromobilität ist ein entscheidendes Element des ökologischen Wandels, der seit der Nuklearkatastrophe von Japan immer dringlicher wird. Aachens Eliteuni fährt bei diesem wichtigen Zukunftsthema mit vorneweg. Umweltbelastungen als Folge der bislang in den Autos eingesetzten fossilen Brennstoffe, aber genauso deren absehbare Endlichkeit machen neue Handlungskonzepte unerlässlich. Achim Kampker hat sich zum Umschalten auf Antriebe mit „sauberem Strom“ aus erneuerbaren Energiequellen bereits viele Gedanken gemacht. Der junge, dynamische Professor ist Inhaber des Lehrstuhls für Produktionsmanagement am weltweit renommierten Werkzeugmaschinenlabor (WZL) der RWTH Aachen. Und von dieser Wissenschaftshochburg aus steuert der Diplom-Ingenieur, 1976 in Moers am Niederrhein geboren, als Geschäftsführer ein ehrgeiziges Projekt, das alten Glanz in die Kaiserstadt neu aufleben lassen soll: die Entwicklung und den Bau des völlig neu konzipierten Elektroautos namens „Streetscooter“ (siehe Infobox). Dieser kleine Flitzer soll bald schon von Aachen aus die Straßen erobern. Um der Zukunft der Elektromobilität einen weiteren kräftigen Schub zu geben, hat Prof. Kampker sechs Thesen formuliert:

1. Elektrofahrzeuge spielen langfristig eine wichtige Rolle bei der Lösung der weltweiten Herausforderungen von Mobilität und Umwelt.

Aus Kampkers Sicht besitzen E-Mobile das Potenzial umweltorientierter, individueller und kostengünstiger Mobilität für Kurzstrecken. Viele Länder wie insbesondere China, aber auch die USA, hätten dieses Potenzial erkannt und unterstützten zukunftsorientierte Projekte in diesem Bereich. Der Professor befürchtet, dass trotz aller Anstrengungen „die deutsche Automobilindustrie Gefahr läuft, dabei den Anschluss zu verpassen“.

2. Wir brauchen eine neue Effizienzklasse, die Vernunft und Emotion gleichzeitig bedient.

Kampker: „Die Erfahrung zeigt, dass Fahrzeuge emotional aufgeladen sein müssen, um einen breiten Markt zu finden.“ Dabei spiele sowohl das Design als auch eine hohe Leistung eine große Rolle. Bislang würden E-Mobile aber „nicht in diesem Zusammenhang betrachtet, sondern ausschließlich mit Vernunft in Verbindung gebracht“. Doch um die Stromer im wirtschaftlich sinnvollen Bereich des Stadtverkehrs zu etablieren, sollten sie Emotionen wecken. Zudem müssten neue Maßstäbe für die Leistung eines Fahrzeugs definiert werden, „die jenseits von Reichweite und Antriebsleistung die künftigen Anforderungen an Mobilität adressieren“. Diese müssten mit intensiven Maßnahmen zu Marketing und Öffentlichkeitsarbeit kommuniziert werden, um ein Umdenken im Markt zu beschleunigen oder erst zu ermöglichen, fügt Kampker an.

3. Nur preiswerte E-Mobile werden die Kunden überzeugen.

Deutsche Autos, so der Professor, hätten Weltruf, seien aber wegen des hohen technischen Anspruchs oft zu teuer. Es würden Produkte mit Leistungen angeboten, die die Kunden oft nicht benötigen. Doch bei der Entwicklung von Elektroautos sei eine „radikale Ausrichtung auf das Preis-/Nutzen-Verhältnis“notwendig. Sonst „produzieren wir an der Weltnachfrage vorbei und verlieren die Möglichkeit, Leitanbieter für Elektromobilität zu werden“.

4. Deutschland muss schneller werden und koordiniert in Netzwerken zwischen Herstellern, Zulieferern, Universitäten, Kommunen und Politik zusammenarbeiten.

Für Kampker „sind wir zu langsam und verschwenden hohe dreistellige Millionenbeträge in separaten Ansätzen und Komponentenentwicklungen“. Um diese Ansätze zu koordinieren, sei „in kompromissloser Zusammenarbeit“ in Netzwerken mit der Flexibilität kleiner Büros und mit der Durchschlagskraft von Konzernen geboten. Industriestandards müssten „von uns durchgesetzt werden“. Ein radikales Umdenken habe früher selten in etablierten Strukturen stattgefunden. „Wir benötigen neue Organisationen und mutige Unternehmer. Diese ,Revolution‘ muss vornehmlich aus dem Mittelstand kommen.“ Die gesamte Wertschöpfungskette „bis in die Werkstätten hinein“ müsse hinterfragt werden.

5. Wir müssen massiv aus- und weiterbilden, um Defizite zu beseitigen und für die Zukunft vorbereitet zu sein.

Laut Kampker fehlen „in entscheidenden Fachgebieten“ wie Elektrochemie, Leistungselektronik und Werkstätten ausgebildete Fachleute. Es sei sicherzustellen, dass kurz- und mittelfristig qualifiziertes Personal zur Verfügung stehe, um die Anforderungen an die Elektromobilität zu beherrschen.

6. Die Kombination aus Produktionswissen und Produktwissen ist erfolgsentscheidend.

Neben dem Antriebsstrang müsse die gesamte Konzeption des Fahrzeugs überdacht werden. Dafür seien die Spezifikationen der Module und Komponenten im Gesamtsystem neu aufzustellen und zu vereinfachen. Ferner seien Leistungsparameter wie die Reichweite durch modulare Batteriesysteme skalierbar zu gestalten, außerdem Produkt- und Prozessentwicklung aufeinander abzustimmen. Professor Achim Kampker: „Durch die konsequente Abstimmung von Produkten auf die Produktionsprozesse und umgekehrt können die Potenziale unseres Standorts umfassend genutzt werden.“