Mahnwache bei Grünenthal in Aachen aus Angst vor Arbeitsplatzverlust

300 Jobs in Aachen gefährdet : Mahnwache bei Grünenthal aus Angst vor Arbeitsplatzverlust

Die Belegschaft von Grünenthal geht aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust auf die Straße. Am Standort Aachen könnten in den nächsten Monaten etwa 300 Mitarbeiter ihren Job verlieren.

Die Betriebsratsvorsitzende Angelika Enderichs und Anna Wilhelmi, Gewerkschaftssekretärin bei der IGBCE (Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie) tragen schwarz an diesem Tag: Die dunkle Kleidung soll die Trauer und die Besorgnis auch äußerlich dokumentieren. Schließlich steht bei dem weltweit operierenden Pharmaunternehmen Grünenthal der nächste Stellenabbau an. In der Mittagszeit, besser in der Mittagspause, stehen etwa 200 Mitarbeiter vor dem Hauptgebäude. Auch sie sind überwiegend dunkel gekleidet. Sie treffen sich zu einer kurzen Mahnwache. „Das ist ein deutliches Zeichen gegen den geplanten Stellenabbau“, sagt die Gewerkschaftsfrau.

Ursprünglich wollten die Mitarbeiter an diesem Dienstagmorgen den langjährigen geschäftsführenden Gesellschafter und Eigentümer Michael Wirtz vor dem Hauptgebäude empfangen. Der 80-Jährige gehörte zu einer Besuchergruppe, die gerade auf dem Firmengelände unterwegs war.

Wirtz ist wie die übrigen Mitglieder seiner Familie längst aus dem operativen Geschäft des Familienunternehmens ausgeschieden. Aber immer noch steht er symbolisch für einen „wärmeren“ Umgang mit den „Grünenthalern“, sagt Angelika Enderichs. Sie kann das gut beurteilen, gehört sie doch selber seit mehr als drei Jahrzehnten zur Belegschaft, die überwiegende Zeit davon engagiert sie sich im Betriebsrat.

Die Vertrauensleute der IG BCE hatten dazu aufgerufen, an diesem Morgen „Gesicht zu zeigen“: „Michael Wirtz soll sehen, welche Menschen von der Entlassung bedroht sind“, sagt Enderichs. Am Morgen informierte sie die Geschäftsführung über den Plan. Umgehend, so berichtet sie, sei den Mitarbeitern daraufhin per Rundmail untersagt worden, sich kurzfristig von der Zeiterfassung auszuloggen, um den 80-Jährigen zu begrüßen. Es sei mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen gedroht worden. Das sei ein ziemlich „unfreundlicher Akt“:

Erschrocken über den Umgang: Angelika Enderichs, Vorsitzende des Betriebsrats bei Grünenthal. Foto: ZVA/Christoph Pauli

„Die Vertrauensleute und die Gewerkschaft sind sehr erschrocken darüber, dass der Arbeitgeber mit allen Mitteln versucht, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter daran zu hindern, ihre Sorgen und die Angst um den Arbeitsplatz kundzutun.“

Aus Sicht des Unternehmens war der Ablauf so, dass die Personalabteilung einige nachfragende Führungskräfte über arbeitsrechtliche Vorgaben aufgeklärt habe. Diese wiederum hätten ihre Mitarbeiter informiert.

Mittags stehen sie dann doch vor dem Gebäude, penibel darauf achtend, dass sie dabei das Betriebsgelände verlassen haben. „Jetzt reicht es, wir lassen uns nicht einschüchtern“, sagt eine Mitarbeiterin, deren Frühschicht gerade beendet ist. Von dem geplanten Arbeitsplatzabbau sind primär die Bereiche „Forschung, Entwicklung und Finanzen“ betroffen, solidarisch sind aber auch andere Abteilungen vertreten. Es gibt keine Sprechchöre, keine Trillerpfeifen, nur stummen Protest.

Weltweit 600 Arbeitsplätze abgebaut

Seit 2017 hat das Aachener Pharmaunternehmen weltweit 600 Arbeitsplätze abgebaut. „Fit for 2022“ heißt das interne Programm. Bis Ende des Jahres könnten weitere 500 dazukommen. Betroffen wären etwa 180 Kollegen in Lateinamerika, am Standort Aachen könnten über 300 Mitarbeiter den Job verlieren, befürchtet die Gewerkschaft.

Es ist fast neun Jahre her, dass Grünenthal das letzte selbst entwickelte Medikament auf dem Markt einführte. Die fehlenden Forschungsergebnisse sind wohl nun der Auslöser für neue Gedankenspiele der Geschäftsführung. Eine Sprecherin des Unternehmens bekräftigte am Dienstag, Grünenthal wolle „in unverändert hohem Maße in Forschung und Entwicklung investieren, wir müssen aber die Art und Weise, wie wir F&E betreiben, ändern.“

Von den aktuell etwa 550 Stellen in der Forschung und Entwicklung (F+E) könnten 280 Vollzeitstellen gestrichen werden, wird gemunkelt. Betroffen könnten davon 300 Mitarbeiter sein, denn nicht jeder Angestellte arbeitet in Vollzeit. Andere Unternehmen würden im F+E-Bereich bereits „in viel stärkerem Maß auf Partnerschaften, Akquisitionen und die Zusammenarbeit mit Universitäten, Start-ups und Biotech-Unternehmen setzen“, hatte Grünenthal vor einem Monat mitgeteilt. Der Betriebsrat dagegen findet es problematisch, wenn „Expertise und Wissen in wichtigen Bereichen nicht mehr im Unternehmen vorhanden wären“, sagt Enderichs. Deswegen habe man einen wirtschaftlichen Sachverständigen hinzugezogen, um die geplante Struktur „in ihrer Radikalität zu hinterfragen“ und ein eigenes Konzept zu entwickeln.

Kurz danach werden die Gewerkschaftsfahnen wieder eingewickelt. Die Mitarbeiter gehen in den Feierabend oder kehren zurück an ihren Arbeitsplatz. Die Mahnwache ist schnell vorbei – es ist die erste in der über 70-jährigen Firmengeschichte, die von der Belegschaft initiiert wurde.

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