Aachen: Internationaler Handelskonflikt: Auch deutsche Unternehmen sind betroffen

Aachen : Internationaler Handelskonflikt: Auch deutsche Unternehmen sind betroffen

Siemens zum Beispiel: Nach dem Inkrafttreten der neuen US-Sanktionen gegen den Iran will der Konzern seine Geschäfte in dem Land zurückfahren. Offiziell hört sich das so an: Man werde die „geeigneten Maßnahmen“ ergreifen, um die „Geschäftsaktivitäten mit den sich verändernden multilateralen Rahmenbedingungen bezüglich Iran in Einklang zu bringen“.

Im Klartext: Siemens wird sich aus dem Iran zurückziehen, um die US-Sanktionen zu erfüllen. Auch Daimler hat bereits angekündigt, seine Pläne für das Land auf Eis zu legen. Auch die Deutsche Bahn lässt Projekte auslaufen.

Große Unterschrift, große Wirkung: US-Präsident Donald Trump mit dem Dokument, das die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran besiegelt. Trumps „America first“-Politik hat Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, die bis in die Region Aachen zu spüren sind. Foto: Ting Shen/XinHua/dpa

Es geht um Machtpolitik: US-Präsident Donald Trump hatte das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt und Anfang August Sanktionen verhängt. Deshalb fürchten viele Firmen Strafen, wenn sie Geschäfte mit dem Iran machen. Rolf Beckers nennt das „Erpressung“. Der Gründer und Aufsichtsratschef der Aachener Digatron Industrie-Elektronik GmbH ist zugleich Vorsitzender des Außenwirtschaftsausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen.

Sein Unternehmen, das Hard- und Software für die Herstellung und Erprobung leistungsfähiger Batterien entwickelt und produziert, hat Standorte in den USA, in China und in Indien. Digatron hat aber auch „gute Geschäfte“ im Iran gemacht. Nun aber, sagt Beckers, sei dieser Markt „praktisch erledigt“. Denn auch will seine Geschäfte und seinen Standort in den USA nicht in Gefahr bringen. Ein weiteres Problem: Auch die Großbanken, die alle auch in den USA engagiert sind, schrecken vor Finanzierungen von Iran-Geschäften zurück.

Nun kann man sagen, das sei verschmerzbar, denn der Iran ist als Markt noch zu vernachlässigen. Nach Schätzungen der IHK unterhalten 88 Unternehmen aus ihrem Zuständigkeitsgebiet Geschäftsbeziehungen in das Land. Zum Vergleich: in die USA sind 393 aktiv, nach China 248, in die Niederlande sogar 879. Als Zukunftsmarkt allerdings wurde der Iran zuletzt geschätzt, und es noch gar nicht so lange her, da war eine größere Delegation von Unternehmern aus der Aachener Region dort unterwegs, um die Lage zu sondieren. Man erkannte „Aufbruchstimmung“ und Potenzial, wie sich Gunter Schaible, IHK-Geschäftsführer für den Bereich „International, Verkehr und Handel“, erinnert. Nun besteht die Gefahr, dass dieses Potenzial nicht ausgeschöpft werden kann.

Motto: „Welthandel im Weltwandel“

Die Wirtschaft am Gängelband der Politik? Man kann es auch neutral ausdrücken. So vielleicht: „Welthandel im Weltwandel“. So lautet jedenfalls das Motto des 10. IHK-Außenwirtschaftstags NRW, der am 20. September in Aachen stattfindet und sich den daraus resultierenden Herausforderungen beschäftigen wird. Davon gibt es reichlich. Die USA gegen Iran, die USA gegen China, die USA gegen die Europäische Union, die USA gegen Russland: Die Zeiten haben sich geo- und wirtschaftspolitisch geändert, nicht zuletzt seit der Wahl von Trump und seiner Twitter-Politik. Dessen Unberechenbarkeit ist ein großes Problem, gegen das der Brexit und seine Folgen (Gunter Schaible: „Darauf können sich die Unternehmen sehr konkret vorbereiten“) verblasst.

Rolf Beckers findet auch hier deutliche Worte: „Dass ein Präsident in dieser Form Dinge in die Welt posaunt und so die Weltwirtschaft durcheinanderwirbelt, ist einmalig.“ Und: „Das darf nicht sein.“ Gunter Schaible konstatiert einen weltweiten Hang zum Protektionismus und wünscht sich eine Welthandelsorganisation, die deutlicher Position bezieht gegen diese Tendenzen. Andererseits setzt er aber auf Pragmatismus: „Wenn multilaterale Absprachen nicht mehr funktionieren, muss man eben auf bilaterale Abkommen setzen. Man würde es sich anders wünschen, aber das funktioniert derzeit nicht.“

Dieser Pragmatismus führt auch dazu, dass sich die Verunsicherung bei den Unternehmen in der Region in Grenzen hält. Erkannt wird allerdings Notwendigkeit, sich zu orientieren, haben Schaible und die IHK-Außenwirtschaftsreferentin Claudia Masbach beobachtet. „Wie gehen wir vor in einer Situation, die nicht mehr so stabil ist wie vor zehn Jahren? Wo tut sich etwas Neues auf?“ Das sind die Fragen, die die Unternehmen sich stellen (müssen). Und so agieren sie auch.

Das findet sich in den Zahlen wieder: Die deutsche Exportwirtschaft bleibt neben dem Konsum der Motor des Wachstums in Deutschland. Im ersten Halbjahr gingen Waren „Made in Germany“ im Wert von 662,8 Milliarden Euro in alle Welt, 3,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Getragen wurde dieser Trend von der Nachfrage in Europa. Doch auch der Präsident des Außenhandelsverband BGA, Holger Bingmann, zeigte sich besorgt: „Das eruptive und eskalative Handeln von US-Präsident Trump wird uns wohl noch öfter die Sprache verschlagen — mit unkalkulierbaren Folgen für die Weltwirtschaft.“

Damit rechnet auch Rolf Beckers, obwohl wenn er aus der zähen Annäherung der USA an Mexiko und an Kanada Hoffnung für den Konflikt mit China und Russland schöpft. Ansonsten bleibt nur eins: die Hoffnung auf Trumps Nachfolger im Weißen Haus.

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