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Aachen: IHK hofft auf niederländische Investoren

Aachen : IHK hofft auf niederländische Investoren

Niederländische Investoren sollen die Region Aachen als Sprungbrett nutzen, um den deutschen Markt zu erobern.

Anders als bei den Nachbarn seien auf der deutschen Seite genügend Gewerbeflächen vorhanden, versichert der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Aachen, Jürgen Drewes, im Gespräch mit den Redakteuren Ulrich Kölsch und Gerard Peters.

Der Rückzug von LG Philips Displays aus Aachen verhagelt die wirtschaftliche Jahresbilanz. Wie ist Ihre Prognose für die Entwicklung der Region im nächsten Jahr?

Drewes: Es wird wirtschaftlich leicht nach oben gehen. Impulse kommen aus dem Dienstleistungsbereich, aus der Bauwirtschaft und Teilen der Industrie. Allerdings dürfte es kein sehr starker Aufschwung werden.

Die Philips-Entwicklung ist unter zwei Aspekten dramatisch: Einmal geht es um die 1000 unmittelbar Betroffenen mit ihren Familien und den gesamten Zulieferer-Bereich. Die noch vermittelbaren Beschäftigten müssen so rasch wie möglich einen neuen Arbeitsplatz bekommne. Glücklicherweise ist die Auszubildenden-Frage gelöst.

Oft wird übersehen, dass es trotz der hohen Arbeitslosenquote immer Betriebe gibt, die Fachkräfte suchen; das reicht bis in den Heinsberger Raum. Deshalb glaube ich, dass dieses Problem bis Mitte Sommer einigermaßen zufriedenstellend geregelt werden kann. Zurückgeworfen werden wir natürlich dadurch, dass uns erst einmal die 1000 Arbeitsplätze fehlen.

Gleichzeitig müssen wir aus der Philips-Entwicklung lernen, dass es auch in anderen Bereichen der Wirtschaft ähnliche Bedrohungen geben kann. Darauf müssen wir uns einstellen, sofern wir das können.

Wegen dieser Äußerungen zu Philips sind Sie heftig kritisiert worden...

Drewes: Ja, aber wir sollten uns keinen Sand in die Augen streuen und glauben, Philips sei ein Einzelfall. Vielmehr steht Philips dafür, dass der Strukturwandel ständig weiter geht.

In der Euregio baut die Großindustrie massiv Beschäftigung ab. Selbst einstige Perlen der New Economy wie Aixtron haben ihr Personal reduziert. Geht der Region die Arbeit aus?

Drewes: Das will ich nicht so pessimistisch sehen. Bei Philips geht es darum, dass eine Produktion geschlossen wird, die nicht mehr innovativ genug ist, um sich gegenüber billigeren Standorten zu behaupten.

Aixtron hat technologisch führende Produkte, die allerdings wegen der allgemeinen Konjunkturschwäche zeitweilige Absatzprobleme haben.

Wie kann die IHK die strukturelle Veränderung beeinflussen?

Drewes: Im Fall Philips ist es unser gemeinsames Ziel, den Standort mit neuen Aktivitäten anzureichern und die vorhandene Infrastruktur zu nutzen. Vorbild hierfür könnte der Industriepark Oberbruch in Heinsberg auf dem ehemaligen Akzo-Gelände sein.

Philips hat einen weiteren interessanten Aspekt: Die Verbindung zu den Niederlanden. Die Frage: ist: Können wir diesen Standorte nicht bei niederländischen Unternehmen, die einen Standort in Deutschland suchen, ins Gespräch bringen? Noch ist schwer zu sagen, wie die Aussichten sind. Aber ich weiß, dass Niederländer sehr gern an Standorte gehen, wo bereits Landsleute arbeiten.

Setzen sie dabei auf den Konzern in Eindhoven?

Drewes: Nein, das machen wir mit Philips-Aachen und vertrauen zugleich auch auf unsere Kontakte zur Kammer in Maastricht. Besonders in Süd-Limburg fehlen langfristig Gewerbeflächen. Da liegt Potenzial für uns.

Bevor ein niederländisches Unternehmen seine Aktivitäten nach Cottbus verlagert, schaut es sich erst einmal in der Euregio um. Diesen Trend müssen wir nutzen. So können wir uns als Grenzregion stärker profilieren. Zugleich hat Philips uns auch vor Augen geführt, dass wir uns um neue Aktivitäten in Form von Gründungen oder Ansiedlungen von außen bemühen müssen.

Anders als bei den Zechenschließungen von Emil Mayrisch (1992) und Sophia Jacoba (1997) sieht der Förderhorizont heute anders aus. Bund und Land ziehen sich weitgehend zurück. Welcher regionale Handlungsspielraum bleibt noch?

Drewes: Bei der Bewältigung des Strukturwandel erwarten wie realistischerweise von Vater Staat, dass er nur Reformen anpackt, die nichts kosten. Wir könnten es uns vorstellen, dass es im deutsch-niederländischen Gewerbegebiet Avantis Modelle gibt, nach denen Unternehmen ihre jeweilige Rechtsordnung über die Grenze mitnehmen können.

Wir wünschen auch, dass die Region im Bereich grenzüberschreitender Projekte in die Gruppe der Modellregionen „Bürokratieabbau” aufgenommen wird. Ein entsprechender Vorschlag liegt bei Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD).

Welche konkreten Pluspunkte hat die Region aufzuweisen?

Drewes: Wir haben die Mittel, die wir in den 80er und 90er Jahren erhielten, gut genutzt und können einiges vorweisen. Stärker organisieren müssen wir die Finanzierung von Gründungen durch regionale Mittel. Insbesondere bei den Sparkassen haben wir einen effektiven Partner.

Auch die Wagniskapital-Szene wird sich wieder neu aufstellen. Deshalb müssen wir uns noch stärker um die Qualität der Gründungen bemühen. Die „Gründerregion Aachen” ist dabei sehr hilfreich. Besondere Bedeutung kommt dabei den Gründungen aus dem Umfeld der Hochschulen zu.

Die Erweiterung der EU ist beschlossene Sache. Welche Perspektiven ergeben sich für die regionale Wirtschaft?

Drewes: Die größere EU wird zwei Effekte haben: Es wird einen starken Zustrom von Menschen aus den Erweiterungsländern geben. Das sind Personen, die hoch motiviert und hoch qualifiziert sind.

Wir brauchen in Deutschland Menschen, wie auch die Diskussion um das Zuwanderungsgesetz gezeigt hat. Zweitens können sich auch Chancen durch die neuen und rasch wachsenden Absatzmärkte ergeben. Auch hier sollten wir unsere Grenzlage und unsere Kontakte zu den Niederlanden ausspielen. Wir müssen zu Verbünden kommen, etwa in der Bauwirtschaft, und gemeinsam im Osten operieren.

Die Niederländer haben ihre Stärken, am Bau sehr schnell, innovativ und kostengünstig zu operieren. Die Solide Ingenieurleistungen sind wiederum eine deutsche Spezialität. Beides ergänzt sich und ergibt ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich in Polen oder Tschechien etwas bewirken lässt.

Bei den Sparkassen an der Rheinschiene ist die Fusionitis ausgebrochen. Kann sich dieser Trend auch auf die Kammern ausdehnen? Wird es 2010 die IHK Rheinland geben?

Drewes: Wenn es sie gäbe, wäre das schade, denn Kammern haben zu einem erheblichen Anteil regionale Aufträge zu erlfüllen. Fast die Hälfte unserer Arbeit ist geprägt durch das Umfeld, in dem wir arbeiten. Dazu zählen in unserer Region Themen wie Technologie oder Grenze.

Ich sehe meinen Kammer-Kollegen in Maastricht, Peter Haane, einmal im Monat, nehme dort an den Vollversammlungen teil. In Köln steht die Versicherungswirtschaft oder der Medienbereich im Vordergrund. Eine zentrale Kammer würde die Wahrnehmung bestimmter Schwerpunkter behindern.

Sind die Bemühungen um eine Verschmelzung der Kammern Aachen und Maastricht vor diesem Hintergrund zu sehen?

Drewes: Nein, Separatismus kann man uns nicht unterstellen. Wir machen keine Politik gegen Köln und für Maastricht. Mit den rheinischen Kammern formieren wir eine Arbeitsgemeinschaft, um gemeinsam die Themen Verwaltungsreform und Marketing anzugehen.

Die Kooperation mit Maastricht forcieren wir auf zwei Ebenen: Für die Gründung eines grenzüberschreitenden öffentlich-rechtlichen Zweckverbandes müsste das deutsch-niederländische „Anholter Abkommen” geändert werden.

Das ist eine politische Entscheidung der beiden Zentralregierungen. Im Juni könnte sich in dieser Hinsicht etwas ändern. Vor dem Hintergrund einer „Modellregion Aachen” wäre eine gemeinsame Kammer durchaus denkbar.

Auf der anderen Seite laufen die Kontakte schon jetzt. Die Zusammenarbeit in der täglichen Arbeit wird immer enger und wir praktizieren in vielen Bereichen bereits eine „Als-ob-Fusion”.