1. Wirtschaft

Aachen: IHK bezeichnet Fachkräftemangel als das „Konjunkturrisiko Nummer eins"

Aachen : IHK bezeichnet Fachkräftemangel als das „Konjunkturrisiko Nummer eins"

Zuletzt meldete sich selbst der Bundespräsident zu Wort. Frank-Walter Steinmeier war zu einer Meisterfeier nach Frankfurt gekommen, und natürlich kam die Rede auch auf den Fachkräftemangel.

Der Bundespräsident sprach nach Art seines Hauses einige lobende Worte („Das Handwerk ist das Rückgrat unseres starken Mittelstands, der Arbeit und Wohlstand sichert“), legte dann aber auch den Finger in die Wunde: Nur die Hälfte der jungen Leute in Deutschland sähen im Handwerk einen attraktiven Arbeitgeber. Steinmeier forderte, die Berufsorientierung müsse verbessert werden. Er schrieb den Betrieben aber auch das sehr deutlich ins Stammbuch: „Vor allem brauchen wir eine ordentliche Bezahlung, sowohl in der Ausbildung als auch beim Einstieg — und das nicht zuletzt dank Tarifbindung.“

Die Klagen über den Fachkräftemangel sind allgegenwärtig, vor allem im Handwerk. Eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit zeigt: 156 Tage dauert es im Schnitt, bis ein Betrieb zum Beispiel einen Heizungstechniker gefunden hat. Über alle Berufe hinweg lag die Vakanzzeit 2017 bei 100 Tagen — zehn mehr als im Jahr 2016. Nach einer Umfrage des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft haben neun von zehn Betrieben in NRW Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen. Für die Unternehmen ist das doppelt bitter und belastend, denn die Auftragsbücher sind bestens gefüllt. Gut 40 Prozent mussten deshalb bereits Aufträge ablehnen.

Kein Wunder also, dass der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) den Fachkräftemangel als das „Konjunkturrisiko Nummer eins“ bezeichnet. Diese Einschätzung findet sich auch in unserer Region wieder: In der letzten Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer Aachen bestätigen 61 Prozent der befragten Unternehmen die Einschätzung des DIHK — ein neuer Rekordwert, und das zum fünften Mal in Folge. Zum Vergleich: 2010 waren es nur 20 Prozent der befragten Unternehmen im IHK-Bezirk. Auch die Konjunkturanalysen der Handwerkskammer Aachen kamen zu keinem anderen Ergebnis.

Die Lage ist angespannt

Nähert man sich dem Fachkräftemangel wissenschaftlich und mit belastbarer Statistik, relativiert sich das Problem etwas — allerdings nur für den Moment. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, so etwas wie der Thinktank der Bundesanstalt für Arbeit, betont, noch gebe es keinen flächendeckenden Mangel. Die Forscher konstatieren aber, dass die Lage in einigen Berufen schon heute sehr angespannt sei: bei Ingenieuren, Fachkräften auf dem Bau und in jenen Metall- und Elektroberufen, in denen eine Spezialisierung gefragt sei: Elektriker, Mechaniker, Automatisierungstechniker.

Schlimmer noch sieht es in der Kranken- und Altenpflege aus. Alten- und Pflegeheime benötigen schon 167 Tage, bis eine vakante Stelle wieder oder neu besetzt werden kann. Im Zuständigkeitsbereich der Arbeitsagentur Aachen/Düren gibt es den größten Bedarf in der Altenpflege, bei Klempnern, Sanitär-, Heizung- und Klimatechnikern und im Bereich Gesundheit, Krankenpflege, Rettungsdienst und Geburtshilfe.

Auch der Blick in den Fachkräftereport der Industrie- und Handelskammern in NRW zeigt, dass es beim Fachkräftebedarf in unserer Region statistisch noch keinen Engpass gibt. Ganz anders sieht jedoch die Projektion für das Jahr 2020 aus. Da zeigt sich: Das dicke Ende kommt noch. Das untermauern Berechnungen des IAB: Demnach werden ab 2019 mehr Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden als einsteigen. Die Generation der Babyboomer geht dann in Rente; der demografische Wandel wird mit aller Wucht zuschlagen.

Geld in die Weiterbildung investieren

Was also tun? Zuwanderung allein wird das Problem nicht lösen, da sind sich die meisten Experten einig. Sie raten dazu, mehr Anstrengung und auch Geld in die Weiterbildung und Qualifizierung zu investieren, um Langzeitarbeitslose schneller in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Vor allem aber raten sie dazu, die Unwucht bei der Berufsausbildung zu beheben. Bedeutet: Es müssen schlicht wieder mehr junge Menschen ausgebildet werden. Darauf weist auch Ulrich Käser, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Aachen/Düren, ausdrücklich hin. Er liefert konkrete Vorschläge: die Verringerung der Zahl der Ausbildungsabbrüche, die bessere Integration von Studienabbrechern in den Ausbildungsmarkt.

Die Betriebe sollten außerdem nicht ausschließlich Ausbildende erwarten, die ihren Erwartungen zu 100 Prozent entsprechen. Das spricht den Gewerkschaften aus dem Herzen. „Jugendliche mit einem niedrigeren Schulabschluss sind von vielen Angeboten oft von vornherein ausgeschlossen“, moniert DGB-Vize Elke Hannack. Dass es besonders große Probleme in Berufen gibt, die beim Ausbildungsreport der Gewerkschaften mies abschneiden (schlechte Bezahlung, unattraktive Arbeitszeiten, rauer Ton), kann nicht überraschen. So mancher Betrieb wird umlernen müssen.

Das alles ändert jedoch nichts an zwei grundlegenden Problemen: Es gibt in Deutschland immer weniger junge Menschen, und der Trend zum Studium hält unvermindert an. Zumindest der zweite Punkt lässt sich beeinflussen. Die Betriebe tun dies mit Imagekampagnen, in denen sie die Chancen hervorheben, die sich durch eine Berufsausbildung eröffnen. Und sie werfen immer häufiger Geld- und Sachleistungen als Köder aus. Das Problem ist also erkannt. Betriebe und Verbände versuchen, darauf zu reagieren. Wenn das mal nicht zu spät kommt.