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Eine Idee und ihre Geschichte: Herr Schnichels und seine drei Wochen als Maskenproduzent

Eine Idee und ihre Geschichte : Herr Schnichels und seine drei Wochen als Maskenproduzent

Noch bevor die Corona-Pandemie in Deutschland richtig ausbrach, ahnte ein Unternehmer aus Eschweiler, dass in der Krise ein neues Geschäftsfeld entstehen würde. Er behielt recht – und machte sich an die Arbeit.

Als Norbert Schnichels Ende Februar von den ersten bestätigten Corona-Infizierungen im Kreis Heinsberg las, hat es nur wenige Stunden gedauert, bis ihm klar wurde, was passieren würde. Es würden schnell weitere Fälle bekannt werden, dann würden die Schulen schließen, dann die Geschäfte. Und genau so kam es.

Die Aufträge in der Druckerei, deren Geschäftsführer Schnichels ist, würden erst zurückgehen, dann einbrechen. Er würde seine 70 Angestellten in Kurzarbeit schicken und überlegen müssen, wie es weitergeht. Und genau so kam es.

Weswegen Schnichels, noch bevor die meisten anderen überhaupt begriffen, was auf Deutschland zukommen würde, zu Hause in Eschweiler zu überlegen begann, wie er seine Firma und die von ihr abhängenden Mitarbeiter durch die Krise bringen könnte.

50.000 Euro Umsatz für eine Idee

Als einer der Ersten begriff er, was spätestens am 15. April Gewissheit wurde: Deutschland würde Millionen, Milliarden von einfachen Atemschutzmasken brauchen. An diesem Tag empfahl Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der Bevölkerung, in Bussen und Bahnen, in Geschäften und Läden einfache Atemschutzmasken zu tragen.

So ähnlich begann auch der erste Artikel über Schnichels ziemlich vorausschauende Geschäftsplanung, der am 17. April in unserer Zeitung erschien. Zu diesem Zeitpunkt, der wegen des Ereignisreichtums dieses Jahres 2020 gefühlte Ewigkeiten zurückzuliegen scheint, herrschte in Deutschland ein Mangel an Atemschutzmasken und anderen Hygieneartikel, wie er noch Anfang des Jahres völlig unvorstellbar schien. Nur Schnichels hatte schon im Februar die Idee gehabt, billige Atemschutzmasken zu produzieren, in erster Linie für Geschäfte.

Als die „dringende Empfehlung“ der Bundesregierung an diesem 15. April veröffentlicht wurde, war Schnichels vorbereitet. Er hatte die Produktion der Druckerei in Meckenheim bereits umgestellt, 50.000 Masken konnte er in der ersten Woche herstellen. Und es passierte, was Schnichels gehofft hatte: „Die Ladenbesitzer haben uns die Masken aus den Händen gerissen“, sagt Schnichels knapp sieben Monate später.

Doch es dauerte kaum drei Wochen, bis Textilunternehmen in ganz Deutschland in der Lage waren, zu Tausenden einfache Stoffmasken zu produzieren. Es taten sich überraschende Koproduktionen wie zum Beispiel die des Miederwarenherstellers Triumph und des Automobilzulieferers Mahle auf, die gemeinsam Schutzmasken produzierten. Allerdings nicht für Ladenbesitzer, sondern für den medizinischen Gebrauch.

Ein vertriebstechnisches Meisterwerk

Der Mönchengladbacher Hemdenhersteller Van Laack schaffte es, innerhalb von Wochen nicht nur Masken in verschiedenen Farben zu produzieren, sondern sie auch noch in vielen Geschäften, Apotheken, an Tankstellen und auf nahezu allen relevanten Onlineportalen anzubieten. Ein vertriebstechnisches Meisterwerk. Die gewaltige Nachfrage wurde in Deutschland jedenfalls innerhalb weniger Wochen gedeckt.

Schnichels verkaufte in kürzester Zeit 150.000 seiner billigen Masken, danach war das neue Geschäftsfeld schon wieder tot. Aus der Maskenempfehlung wurde schnell eine Maskenpflicht, so dass bereits im Mai fast jeder Bürger eine oder mehrere Masken besaß.

Die Ladenbesitzer brauchten keine Einmal-Masken mehr zur Verfügung zu stellen, und Schnichels wandte sich wieder seinem Alltagsgeschäft zu. Schnichels Bilanz als Maskenhersteller: etwa 50.000 Euro Umsatz und einige neue Kunden, die auf Schnichels Druckerei aufmerksam geworden waren.

Das Wichtigste aber sei, sagt er, dass er bis heute keinen einzigen seiner Angestellten habe entlassen müssen.