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Aachen: Handwerk leidet besonders unter Fachkräftemangel: Mehr als nur ein Imageproblem

Aachen : Handwerk leidet besonders unter Fachkräftemangel: Mehr als nur ein Imageproblem

Karlheinz Kraemer zum Beispiel. Die Geschäfte des Elektromeisters laufen gut, kein Wunder bei der brummenden Baukonjunktur. Die Auftragsbücher sind auf Monate hinaus gefüllt, Kraemers Betrieb im Aachener Süden läuft auf vollen Touren. Der 50-Jährige beschäftigt vier Monteure, zwei Auszubildende und eine Bürokraft, über mangelnde Arbeit können die sich nicht beklagen. Alles in bester Ordnung also?

Kraemer ist Handwerker, groß gejammert wird da nicht. Und doch gibt es da dieses eine große Problem, das ihm schon mal schlaflose Nächte verursacht: „Ich suche händeringend neue Mitarbeiter, aber ich finde niemanden.“

Der Fachkräftemangel ist längst im deutschen Handwerk angekommen. Der Bezirk der Aachener Kammer bildet da keine Ausnahme. Die größte Nachfrage besteht hier nach wie vor bei Elektroinstallateuren, Installateuren und Heizungsbauern, Kfz-Mechanikern, Tischlern und Friseuren, folgt man den Ausschreibungen in der Stellenbörse der Kammer und ihrer Tochtergesellschaft Qualitec. Kraemer steht mit seinem Elektroinstallationsbetrieb also nicht alleine da. Ein schwacher Trost.

Redet man vom Fachkräftemangel im Handwerk, dann redet man von neuen Auszubildenden, aber auch von Leuten, die ihren Gesellenbrief schon in der Tasche haben. Kraemer sucht beides, und das schon seit längerer Zeit. Das Thema, sagt er, sei seit zwei drei Jahren akut. Und die Folgen seien einschneidend: Er muss Aufträge ablehnen oder Kunden auf eine längere Wartezeit vertrösten. Man könnte meinen, das sei angesichts einer Vollauslastung ein Luxusproblem. Ist es aber nicht. „Wir haben eigentlich immer zu viele Aufträge. Das ist wie ein Hamsterrad, das sich immer schneller dreht.“

Rechnung geht nicht auf

Kraemer hat festgestellt, dass die Zahl der Eigenbewerbungen kontinuierlich gesunken ist, auch von der Agentur für Arbeit kommt fast nichts. Keine gute Perspektive für den Handwerksmeister, der seinen Betrieb seit 25 Jahren selbstständig führt. Er spricht offen über die Probleme, die er mit Kandidaten hatte. „Abgesehen von mangelhafter Qualifikation vermisse ich auch oft die richtige Einstellung. Viele Bewerber sind nicht flexibel und nicht in dem Maße einsatzbereit, wie es unsere Branche erfordert. Oder haben Gehaltsvorstellungen, die ich nicht erfüllen kann.“ Denn die Rechnung, dass man mit mehr Mitarbeitern auch mehr Aufträge annehmen und deshalb mehr Gewinn machen könne, gehe unter dem Strich nicht so einfach auf. Erschwerend kommt der demografische Wandel hinzu.

Dass das Handwerk ein Imageproblem hat, will Kraemer nicht abstreiten. „Früher hieß es immer: Handwerk hat goldenen Boden. Das stimmt auch heute noch, aber das kommt irgendwie nicht mehr an.“ Kammern und Verbände versuchen, dem mit offensiven und modernen Marketingstrategien, Plakaten und Social-Media-Aktionen zu begegnen. Da geht es in erster Linie um neue Auszubildende, denn mittel- und langfristig kann der Mangel an Fachkräften nur behoben werden, wenn man sich die selbst heranzieht. Kraemer hat schon immer ausgebildet, kann aber auch Kollegen verstehen, die das nicht tun. „Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber wer ausbildet, muss einkalkulieren, dass das auch Probleme mit sich bringt.“ Im Bezirk Aachen insgesamt ist die Bereitschaft der Betriebe, selbst auszubilden, allerdings wieder gestiegen. Zum 31. Oktober verzeichnete die Kammer drei Prozent mehr abgeschlossene Lehrverträge als zum Vorjahreszeitpunkt.

Das optimistische Fazit von Georg Stoffels, als Geschäftsführer der Kammer zuständig für die Berufsbildung: „Das Handwerk wird als Perspektive für junge Menschen offenbar wieder attraktiver.“ Nach Angaben von Stoffels geht die Kammer das Problem der Fachkräftesicherung mit verschiedenen Maßnahmen an: So schickt sie Lehrlinge zur Vorstellung ihres Handwerksberufs in allgemeinbildende Schulen. Oder sie versucht, mit Berufsorientierungsmaßnahmen bildungsschwächere Kandidaten fit für eine Ausbildung zu machen. Dazu gehören auch Teilqualifizierungsprojekte für Langzeitarbeitslose oder spezielle Maßnahmen für junge Flüchtlinge. Oder sie kontaktiert leistungsstarke Jugendliche, Abiturienten oder Studienabbrecher, um ihnen die Karrieremöglichkeiten im Handwerk aufzuzeigen — bis hin zu dualen Studiengängen an der Fachhochschule.

Keine Patentlösungen

Auch Kraemer hat bereits „beste Erfahrungen“ mit einem jungen Flüchtling als Lehrling gemacht. Die anderen Maßnahmen haben bei ihm aber noch keinen messbaren Erfolg gebracht. Es gibt halt keine Patentlösung, um das Handwerk wieder attraktiver zu machen, sondern nur eine Politik der kleinen Schritte. Karlheinz Kraemer jedenfalls hat sich bis auf Weiteres darauf eingerichtet, mit dem auszukommen, was er hat. Auch wenn sich das Hamsterrad dann vielleicht immer schneller dreht.