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Neuss/Bielefeld: Handwerk fehlt eine stabile Eigenkapitalquote

Neuss/Bielefeld : Handwerk fehlt eine stabile Eigenkapitalquote

Der sprichwörtliche goldene Boden, den das Handwerk angeblich haben soll, scheint aus Sand zu sein. Handwerksbetriebe steuern derzeit gleich scharenweise in die Liquiditätsfalle.

„Die Eigenkapitalausstattung im Handwerk verschlechtert sich besorgniserregend”, sagt Anne Sahm, Insolvenzexpertin bei Creditreform.

Nach einer Umfrage des Wirtschaftsforschungs-Verbandes Creditreform verfügt nicht einmal jeder neunte Betrieb (11,5 Prozent) in Deutschland über eine stabile Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent im Verhältnis zur Bilanzsumme. 2001 besaß noch jeder siebte Handwerker (14,2 Prozent) diesen finanziellen Puffer.

Besonders in Ostdeutschland spitzt sich die Situation zu. Hier ist nur jeder 18. Handwerksbetrieb (5,6 Prozent) ausreichend mit Eigenkapital ausgestattet. Im Vorjahr war dies bei jedem siebten Betrieb (14,3 Prozent) der Fall.

„In der anhaltenden Wirtschaftsflaute müssen Betriebe ihre Eigenmittel zum Nachteil der Unternehmensstabilität aufzehren”, urteilt Creditreform. Von 4500 befragten Handwerksbetrieben in ganz Deutschland sind 40,6 Prozent (plus 0,6 Prozent) unterkapitalisiert. Sie verfügen über eine Eigenkapitalquote von bis zu 10 Prozent.

Das Bauhandwerk steht hierbei an der Spitze. In der Branche arbeiten 44 Prozent der Betriebe praktisch ohne Eigenmittel. Das verarbeitende Gewerbe ist nur zu fast einem Drittel der Betriebe betroffen.

„Wenn dann Forderungsausfälle hinzukommen, ist für Unternehmen die Gefahr groß, abzurutschen”, sagt Sahm. Die sinkende Eigenkapitalquote gehe mit steigenden Insolvenzzahlen einher. Die Zahl der insolventen Handwerksbetriebe ist 2002 um 17,1 Prozent auf 4100 gestiegen.

Die Situation ist nach Angaben des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) angesichts der Vorgaben des „Basel II”-Abkommens alarmierend. Bereits jetzt wirft die für 2006 novellierte Eigenkapitalvereinbarung ihre Schatten voraus. Die Banken wollen sich mit Unternehmens-Ratings vor dem Risiko fauler Kredite stärker schützen.

Je höher das Rating, desto besser können die Kreditkonditionen ausfallen. „Die Kreditbeschaffung wird für viele Mittelständler immer schwieriger, da die Finanzinstitute auch angesichts großer Wertberichtigungen ihre Kreditvergabe verschärft haben”, sagt Alexander Bartehl, Leiter der Wirtschaftspolitik beim ZDH. Während früher das gute Wort des Kaufmannes bei den Banken Gewicht hatte, ist dies vielfach nicht mehr der Fall.

Die schlechte Zahlungsmoral der Kunden verschärft zudem die finanzielle Situation der Mittelständler. Die Anfragen zum Thema Krisenmanagement steigen.

Die Kammern appellieren verstärkt an die Betriebe, ihre finanzielle Situation zu durchleuchten. „Basel II oder vielmehr das Rating ist für die Unternehmen auch eine große Chance, sich über die eigenen Strukturen, Perspektiven und die Marktposition einen Überblick zu verschaffen und dabei erkannte Schwachstellen möglichst rasch zu beseitigen”, sagt Bartehl. Auch die Nachfolgeregelung sollte angesprochen werden.

„Handwerksbetriebe müssen ihrer Finanzierung mehr Aufmerksamkeit schenken und Alternativen suchen”, sagt Anne Sahm von Creditreform. Dazu gehörten Leasing und Inkasso, um die Liquidität zu erhöhen. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks will in diesem Jahr ein Factoring-Modell vorlegen. Der Verkauf von Unternehmensforderungen soll dann auch bei kleinteiligen Geschäftsvolumen und Forderungen gegen Privatpersonen greifen.