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Wiesbaden/Aachen: Gegen den Trend: Zahlreiche neue Azubis in der Region

Wiesbaden/Aachen : Gegen den Trend: Zahlreiche neue Azubis in der Region

Im vergangenen Jahr haben so wenig junge Menschen in Deutschland eine Ausbildung begonnen wie noch nie. Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge sank gegenüber dem Vorjahr um 3,1 Prozent auf den Minusrekord von 548.100, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte.

Das waren 17.700 Verträge weniger als 2011, als Doppeljahrgänge von Abiturienten für eine kurzfristige Steigerung gesorgt hatten.

Für den Kammerbezirk Aachen kann Heinz Gehlen, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen, die schlechten Zahlen nicht bestätigen. Im vergangenen Jahr wurden dort 4642 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen — exakt so viele wie 2011. „Das ist die höchste Zahl, die wir seit 20 Jahren verzeichnet haben“, sagte er gestern.

Auch bei der Handwerkskammer (HWK) Aachen beklagt man sich nicht: 2012 wurden dort 2632 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das waren 71 mehr als im Jahr zuvor. „Die leicht gesunkene Zahl der Lehrlinge ist Folge des demografischen Wandels. Andererseits steigt im Kammerbezirk die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge. Das zeigt, dass immer mehr junge Menschen in einer Karriere im Handwerk eine viel versprechende Zukunftsperspektive erkennen“, erklärte HWK-Hauptgeschäftsführer Peter Deckers gestern.

Als Gründe für die bundesweiten Rückgänge nannten die Statistiker neben der demografischen Entwicklung eine höhere Neigung der Schulabgänger zum Studieren.

In den neuen Bundesländern einschließlich Berlin gingen die Zahlen mit einem Minus von 5,5 Prozent stärker zurück als im Westen (-2,7 Prozent). Im Osten gibt es weniger Ausbildungsbetriebe und der Anteil der Lehrlinge an den Gesamtbeschäftigten liegt unter dem gesamtdeutschen Durchschnitt.

Mit leichten Schwankungen geht die Zahl der neuen Ausbildungsverhältnisse seit der Jahrtausendwende zurück. 1999 waren noch fast 88.000 Verträge mehr abgeschlossen worden als 2012.

Die Gesamtzahl der Auszubildenden betrug zum Jahresende 2012 gut 1,43 Millionen, ein Minus von 1,9 Prozent im Vergleich zum Jahr zuvor. Auch diese Zahl bedeutet einen Minusrekord seit der Wiedervereinigung.

Das Handwerk musste einen Rückgang von vier Prozent bei den Neuverträgen verkraften. Mit einem Minus von 2,8 Prozent blieb der größte Bereich Industrie und Handel nur leicht unter dem Schnitt.

Angesichts der verheerenden Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa und der eigenen Nachwuchsnöte werben Arbeitsagentur und Arbeitsministerium nicht nur um Fachkräfte und junge Akademiker im Süden, sondern nehmen potenzielle Azubis ins Anwerbevisier. Erste Ansätze sind Projekte wie in Frankfurt, wo gestern 40 potenzielle Klempnerlehrlinge aus Madrid zum Kennenlern-Praktikum erwartet wurden. Doch auch im Inland gibt es noch Reserven: Die Jobcenter wollen sich verstärkt um diejenigen kümmern, die in den „verlorenen Jahrgängen“ massenhaft durch das Ausbildungsnetz geschlüpft sind.

(dpa/chm)