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Aachen: „Froh, dass es keine Subventionen mehr gibt”

Aachen : „Froh, dass es keine Subventionen mehr gibt”

Seit 18 Jahren ist Peter Haane Hauptgeschäftsführer der Kamer van Koophandel in Maastricht. Der Kammerbezirk umfasst den südlichen Teil der niederländischen Provinz Limburg.

Der nördliche Teil gehört zur Kammer in Venlo. Im Gespräch mit der AZ äußert sich Haane zum „Polder-Modell”, zur Wirtschaftsförderung in den Niederlanden und zur Kooperation der beiden Kammern in Maastricht und Aachen.


Mit einem Plus von 0,3 Prozent verzeichneten die Niederlande in 2002 das schwächste Wachstums des Bruttoinlandsprodukt seit 20 Jahren. Wie sind die Prognosen für dieses Jahr?
Haane: Die Erwartungen sind sehr gedämpft. Wachstum dürfte nur durch den öffentlichen Sektor kommen. Besonders die Großunternehmen sind von der Konjunkturschwäche betroffen. Kleine und mittlere Betriebe haben immer noch einen befriedigenden Auftragsbestand und fahren auch gute Gewinne ein. Allerdings sind sie bei den Neueinstellungen äußerst vorsichtig.

Lange Zeit galten die Niederlande mit ihrem „Polder-Modell”, dem Einverständnis der Sozialpartner, in Deutschland als Vorbild. Hält dieser Konsens auch in der Krise?
Haane: Das Modell übersteht auch eine Krise. Die Niederländer sind keine Menschen des Konflikts. Zwar brauchen wir lange für unsere Diskussionen, aber am Ende steht der Kompromiss. Das „Polder-Modell” ist ein Teil unserer Kultur.

Die Provinz Limburg bildet innerhalb der Niederlande das Schlusslicht. Wie sehen die aktuellen Arbeitsmarktdaten aus und was sind die Gründe dafür?
Haane: Unser Kammerbezirk ist überwiegend industriell geprägt. Dabei handelt es sich teilweise um ältere Unternehmen aus den Branchen Papier, Keramik oder Zement. Es gibt im Vergleich zum Rest des Landes relativ wenig Dienstleistungen und auch der Anteil der öffentlichen Verwaltung ist niedrig.

Durch die starke Industrielastigkeit sind wir extrem konjunkturabhängig. Im Februar lag die Arbeitslosigkeit in der gesamten Provinz Limburg bei 7,6 Prozent, im südlichen Teil (Raum Maastricht) bei 8,5 Prozent und in der nördlichen Zone (Raum Venlo) bei 6,4 Prozent. Die Niederlande wiesen eine Arbeitslosenquote von 6,9 Prozent aus.

Gibt es Parallelen zur Arbeitsmarktsituation in der Region Aachen?
Haane: Die Probleme sind ähnlich. Unterschiedlich ist allerdings der höhere Anteil der Dienstleistungen in Deutschland.

Beide Regionen befinden sich in einem strukturellen Wandel, wobei allerdings der Bergbau in den Niederlanden schon früher zum Erliegen kam als in der Aachener Region. Wie sieht die Wirtschaftsförderung in Limburg aus?
Haane: Die letzte Zeche schloss 1974. Im selben Jahr begann eine umfangreiche Förderung durch die Zentralregierung in Den Haag. Sie endete 1995. In diese Zeit fällt die Verlagerung wichtiger Dienstleister in unsere Region. Dazu zählen in Heerlen der Pensionsfonds ABP, das zentrale Statistische Büro.

Das frühere Bergbau-Unternehmen DSM wurde zu einem petrochemischen Konzern und der Autohersteller DAF baute ein Werk in Born bei Sittard. 1977 wurde die Reichsuniversität Maastricht mit inzwischen 10 000 Studenten gegründet. Nach 1995 war der Geldsegen zu Ende. Wir mussten auf eigenen Füßen stehen.

Und was geschah dann?
Haane: Das lief sehr gut. Ich möchte nur die Errichtung des zentralen Call Centers von Mercedes Benz in Maastricht nennen, die Errichtung der Europazentrale des internationalen Transporteurs DHL und die Verlagerung der Niederlande-Aktivitäten von Vodafone in unsere Region. Das europäische Einigungswerk, der Maastrichter Vertrag, hat sich für die Maas-Stadt zu einem Selbstläufer entwickelt.

Maastricht ist inzwischen selbst in den fernsten Ecken der Welt bekannt. Neben den Großprojekten setzen wir aber verstärkt auf die vielen kleinen und mittleren Firmen. Ich persönlich bin froh, dass es keine Subventionen mehr gibt. Wir sind selbstbewusster geworden und es ist eine neue unternehmerische Mentalität entstanden.

Welche Rolle spielt die Entwicklungsbank LIOF bei der wirtschaftlichen Umgestaltung?
Haane: Im Zeitraum 1974 bis 1995 war sie sehr wichtig bei der Industrieansiedlung. Danach rückten die Aufgaben zur Erschließung von Gewerbegebieten, der Hilfe bei Existenzgründungen und der Errichtung von Gewerbeparks mit entsprechenden Gebäuden in den Vordergrund.

In Limburg bestehen 17 solcher Parks, die alle ausgebucht sind. LIOF ist der zentrale Ansprechpartner für die Außenwerbung der Provinz als Wirtschaftsstandort und die Ansiedlung.

Zum zweiten Mal haben die Handelskammern von Maastricht und Aachen im vergangenen Jahr einen gemeinsamen Jahresbericht veröffentlicht. In welchen Bereichen hat sich die Kooperation bereits ausgewirkt?
Haane: Da gibt es bereits viele Aktivitäten. Konkret nennen möchte ich den Deutsch-Niederländischen Business-Club, der über 190 Mitglieder zählt. Unter dem Motto „Kontakte führen zu Kontrakten” lernen sich die Manager aus beiden Ländern besser kennen und verstehen.

Auch die jeweiligen Sprechstunden für Existenzgründer in Heerlen und Aachen stoßen auf große Resonanz. Wichtig ist auch die Euro Circle Line, die Entwicklung einer gemeinsamen schienengebundenen Verkehrsstruktur in der Euregio. Zu erwähnen ist die gemeinsame Firmendatenbank, die Auftritte auf den Messen und auf Auslandsmärkten. Besonders eng arbeiten bereits die Auslandsabteilungen beider Kammern zusammen. Für das Projekt Interreg III haben wir die Vorhaben gemeinsam benannt.

Und wie wird es weitergehen?
Haane: Wir sind im Augenblick dabei, ein gutes Fundament zu legen. Langfristig wird daraus die Basis für die gemeinsame Kammer Aachen / Maastricht - oder umgekehrt.