Firma Haku aus Alsdorf produziert Teile für NASA-Mission im All

„Haku“ produziert Präzisionswerkzeug : Kleinteil aus Alsdorf rettet Mission im All

Auf der Suche nach Präzision landet man erstmal präzise in einer Sackgasse. Wörtlich. Versteckt im Westzipfel des Alsdorfer Stadtgebietes deutet erst einmal wenig darauf hin, dass hier Geschichte geschrieben wird. Oder besser: dass hier ein entscheidender Beitrag dazu geliefert wird, dass Geschichte geschrieben werden kann.

Klingt pathetisch. Ist es aber nicht. Im Gegenteil: Am hintersten Ende dieser Sackgasse wird ein kleines Präzisionsteil produziert. Ohne dieses Teil müsste eines der aufwendigsten und teuersten jemals ins Weltall geschossenen Geräte bald seinen Dienst quittieren. Und damit würde auf der Internationalen Raumstation ISS die Suche nach Dunkler Materie, dem Verstehen der Ausbreitung von Teilchen im All und dem, was nach dem Urknall geschehen ist, enden.

Handwerk bei 27.800 km/h

An diesem Morgen biegt eine dunkle Limousine in diese Sackgasse, die Otto-Lilienthal-Straße, ein. Vor einer Werkhalle stoppt sie. Aus dem Wagen steigen unter anderem zwei Männer, deren Jacken Embleme der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa und ihres kanadischen Pendants CSA schmücken. Für Hilger Habsch ist es alles andere als ein normaler Kundenbesuch. Astronauten geben sich beim Alsdorfer Unternehmen Haku, dessen Geschäftsführer Habsch ist, im Alltag nicht die Klinke in die Hand. Doch jetzt stehen sie, die wie alle Astronauten in ihren Heimatländern als Helden verehrt werden, da. Allen voran Chris J. Cassidy, kantiger Typ, 49 Jahre alt, hoch dekorierter Captain der US-Navy-Elitetruppe „Seal“,  zwei Missionen im All, über 180 Tage auf der ISS, sechs Außeneinsätze (Spacewalks), zwei Jahre lang Chef der Nasa-Astronautenabteilung. Mit ihm gekommen ist Jeremy R. Hansen, 43 Jahre alt, Colonel und Jetpilot der Royal Canadian Air Force, kurz vor seinem ersten Raumflug. Die beiden werden sich, so profan das klingt, an der ISS als Handwerker betätigen – in einer Höhe von 410 Kilometern und bei einer Geschwindigkeit von 27.800 km/h.

Genauer gesagt: Sie werden dem an der ISS angebrachten „Alpha-Magnet-Spektrometer“ (AMS)  mit dem die kosmische Strahlung gemessen wird, zum Überleben verhelfen. Eigentlich sollte 2020 für das Gerät Schluss sein, doch wegen der überragenden Erkenntnisse, die es lieferte, entschied man sich zur „Verlängerung“ bis 2030. Nur: Damit dies möglich wird, braucht das AMS  – Kostenpunkt: 1,5 Milliarden Euro – ein neues Kühlsystem. Womit man sich in dieser Geschichte langsam Alsdorf nähert. Denn das Kühlsystem wurde federführend am 1. Physikalischen Institut B der RWTH Aachen unter Leitung von Prof. Stefan Schael entwickelt. Und nicht nur das Kühlsystem, sondern auch 29 ganz spezielle Werkzeuge, mit denen es in einer äußerst komplizierten „Operation“ eingebaut wird.

Diese Werkzeuge müssen so beschaffen sein, dass die Astronauten sie mit ihren extrem dicken Handschuhen packen und bedienen können. Eines davon dient dazu, die neuen Kühlleitungen des AMS miteinander zu verbinden. Einen Prototyp davon baute das RWTH-Team, die weiteren 45 sollte ein US-Unternehmen herstellen. Doch als die Astronauten sie unter Wasser möglichst realitätsnah testeten, versagten die Werkzeuge. Die Ware aus den USA war unbrauchbar. Ein Fiasko wenige Monate, bevor die Teile ins All geschossen werden sollen.

Die Zeit drängt

Es ist der 12. März 2019, als bei Hilger Habsch das Telefon klingelt. Es sind die Physiker der RWTH, die schon öfter Präzisionsteile bei Haku bestellt haben und ihre Hoffnung nun gen Alsdorf richten. Es geht  um jene Werkstücke, die zur Reparatur des AMS benötigt werden. Es handele sich um einen Nasa-Auftrag. „Wir haben das im ersten Moment für einen Scherz gehalten“, erzählt Habsch. Nicht, dass man diese Teile nicht hätte herstellen können. „Das sind für uns normale Werkstücke, aber wir wunderten uns schon, warum ausgerechnet die Nasa an deren Fertigung scheitern sollte“, so der Geschäftsführer. Aber genau so war es. Vor allem kam noch eine Komponente hinzu: die drängende Zeit. Binnen sieben Monaten ab diesem Zeitpunkt mussten die Teile fertig sein, im Oktober müssen sie zur ISS.

Aus Alsdorf ins All: Bei Haku produzieren rund 50 Experten – wie hier Andreas Kentras – Präzisionsteile. Dazu gehören jetzt auch Werkstücke (kleines Bild) für eine komplizierte Mission der NASA auf der Internationalen Raumstation ISS , ohne die ein Milliardenprojekt scheitern würde. Foto: Andreas Steindl

Also begannen die Gespräche mit Houston, man kalkulierte. Unter dem Strich kam man auf Kosten von rund 150.000 Euro für die 45 Teile. Eine Winzigkeit mit Blick auf das Milliardenprojekt AMS und mit Blick auf die Kosten des neuen Kühlsystems, die bei rund 20 Millionen Euro liegen. Und doch: „Ohne diese Werkzeugteile aus Alsdorf wäre die gesamte Mission zum Scheitern verurteilt.“ Sagt einer, der es wissen muss: Ken Bollwick, der Nasa-Projektmanager bei der Mission ist. Er hat vorübergehend sogar ein Appartement in Aachen-Burtscheid bezogen, um vor Ort zu sein. Schließlich trainieren die Astronauten jetzt den Werkzeugeinsatz ganz gezielt in Aachen.

Vor 25 Jahren ging es los

An diesem Vormittag stehen sie in der Alsdorfer Sackgasse interessiert vor einer Vitrine mit Haku-Produkten, während Alsdorfs Bürgermeister Alfred Sonders den Vormittag nicht ganz ohne Stolz verlebt. Ist ja auch was, ein solches Unternehmen im Stadtgebiet zu haben. Es sind diese Firmen, die kleinen und mittleren, die eine alte Bergbaustadt wie Alsdorf wieder nach oben befördert haben, nachdem 1993 Schicht im Schacht war. „Wir haben viele kleine Firmen auf hohem Niveau“, erzählt der Bürgermeister den Astronauten. Und dass er bekennender „Star-Trek“-Fan ist.

Aber was genau ist diese Firma in der Sackgasse, auf die selbst eine Nasa baut? Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Gründernamen zusammen, zu denen auch Hilger Habsch gehörte. Das war 1994, damals noch im Aachener Stadtteil Haaren. Mit eigenem Geld kaufte man sich eine Fräsmaschine. Schnell ging es aufwärts, die Mitarbeiterzahl kletterte. Habsch, gelernter Schlosser, und sein Partner kamen von Philips. Was sie in den Anfangsjahren verdienten, steckten sie gleich wieder in neues Equipment – und einen Neubau in Alsdorf. Das war vor 22 Jahren. „Alles lief bombig“, erinnert sich Habsch. Auf über 50 wuchs die Belegschaft. Aber es kamen auch die schlechten Zeiten, wie etwa während der Wirtschaftskrise 2008/09. Da musste sich der heute 56-Jährige von Mitarbeitern trennen: „Das war für mich das Allerschlimmste.“ 2010 ging es wieder nach oben. Dieses Jahr läuft es geradezu super. Eine Million Euro mehr Umsatz steht in den Büchern, aber es wird auch weiter kräftig investiert. Für 700.000 Euro kam neulich eine neue Maschine, einen Erweiterungsbau hat Habsch auch im Kopf. Aber er will aus Erfahrung vorsichtig bleiben. Jedoch kann er von einem breiten Kundenkreis profitieren. Die Aachener Motorenschmiede FEV gehört zum Beispiel zu Kunden der ersten Stunde. Für eine Airbus-Tochter baut man Teile für einen Flugzeug-Elektromotor. Um nur Beispiele zu nennen. Billigware gibt es unter dem Label Haku nicht: „Qualität hat ihren Preis“, weiß Habsch. Dass just zum 25-jährigen Firmenjubiläum die Nasa dazugekommen ist, passt prima. Die Aachener Region ist längst zu klein für Haku geworden. Kunden kommen heutzutage aus weiten Teilen der Republik ebenso wie aus Belgien und den Niederlanden, Österreich oder Tschechien, Portugal oder den USA.

Habsch kann dabei auf ein absolutes Expertenteam bauen. Und er ist stolz auf seine Leute: „Alle leben die Firma.“ Sie nennen sich „Hakunianer“, was fast schon wieder nach Star Trek klingt. Und bunt sei die Belegschaft. Zum Beispiel habe man gerne Flüchtlinge integriert. Und nebenbei hat Habsch zusammen mit anderen und dem TÜV ein Ausbildungsnetzwerk ins Leben gerufen. In diesem Zusammenhang ist Habsch ein Plädoyer wichtig: „Statt mehr und mehr große Logistikhallen brauchen wir produzierendes Gewerbe, denn hier entstehen die qualifizierten Arbeitsplätze.“

Von alledem profitiert gerade die Erforschung unseres Daseins im Weltall. Und so ist es deutlich mehr als eine Stippvisite, die die künftige Crew der ISS an diesem Tag  in einer kleinen Ecke in Deutschland absolviert. Schon bald werden sie in 410 Kilometern Höhe mit 27.800 Stundenkilometern über jene Sackgasse in Alsdorf rasen und dabei Werkzeuge von genau dort in der Hand halten, ohne die sie – präzise gesagt – gleich zu Hause bleiben könnten.

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