Ein neuer Beruf für den Onlinehandel

Neuer Ausbildungsberuf Kaufleute im E-Commerce : Auf diesen Beruf hat der Onlinehandel gewartet

Der Ausbildungsberuf Kaufleute im E-Commerce ist brandneu. Im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Aachen gibt es seit 1. August dieses Jahres 32 Azubis. Drei von ihnen und ihre Ausbilder ziehen eine erste Bilanz.

Schnell, einfach und bequem: Der Onlinehandel ist nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Längst bestellen wir nicht nur Bücher und die Waschmaschine über das Internet, sondern schließen auch eine Versicherung online ab oder kaufen sogar das Auto in einem Web-Shop. „Ich stelle auch bei mir fest, dass das wächst“, sagt Orhan Güzel, Ausbildungsberater der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen. Damit sich die Betriebe für den digitalen Wandel wappnen können, wurde ein neuer dualer Ausbildungsberuf kreiert: Seit dem 1. August können sich junge Menschen bundesweit zu „Kaufleuten im E-Commerce“ ausbilden lassen.

 Bis zum Schluss hat Orhan Güzel bei den Betrieben im Kammerbezirk Aachen die Werbetrommel gerührt. Er ist zufrieden: „Bei diesem ersten Durchgang wurden 32 Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen.“ 29 Azubis besuchen derzeit das Berufskolleg Herzogenrath, die übrigen aus dem Kreis Euskirchen ein Berufskolleg in Köln. „Der Bedarf bei den Unternehmen ist mehr als hoch.“ Und zwar in allen Branchen: vom Buch- und Verlagshandel über Versicherungen bis hin zum Autohaus. „Grundsätzlich eignet sich der Beruf für alle Betriebe, die ihre Waren oder Dienstleistungen online vermarkten“, so der IHK-Ausbildungsberater.

 „Das ist der Beruf, auf den wir lange gewartet haben“, bestätigt Nicole Jansen, Teamleiterin Impulsmarketing bei der Pro-Idee GmbH & Co. KG in Aachen. Seit mehr als 30 Jahren bietet Pro-Idee den Kunden sein Sortiment an – darunter technische Neuerungen, Weine, Modeklassiker und Küchenhelfer. Ursprünglich lief die Produktpräsentation über den klassischen Versandkatalog, 2000 wurde zusätzlich eine erste, damals noch statische Webshop-Version erstellt. Heute erwirtschaftet das Online-Geschäft einen immer weiter wachsenden Teil des Umsatzes. „Es gibt bei uns aber nicht den reinen Print- und den reinen Online-Kunden, vielmehr müssen wir den Mix verstehen: Der Kunde schaut beispielsweise in den Katalog, kauft aber dann online ein“, beschreibt Jansen die neue Herausforderung. „Die Frage ist also: Wie muss ich die Impulse setzen, um den Kunden da abzuholen, wo er ist?“

 Eine der vielen Aufgaben, mit denen sich jetzt Azubi Dennis Komen beschäftigt – ein „Digital Native“, wie Jansen sagt. Schon vor Ausbildungsstart hat er privat einen eigenen Youtube-Channel betrieben, Videos erstellt und getestet, was gut läuft und was nicht. „Technisches Interesse, ein gutes Zahlenverständnis und ein Gespür für die neuen Medien – wer im E-Commerce Fuß fassen möchte, sollte eine gewisse Online-Affinität mitbringen.“ Komen ist überzeugt, am richtigen Platz angekommen zu sein: „Was mich privat interessiert hat, lerne ich jetzt beruflich.“

Die Bewerbungen für 2019/2020 laufen

Jedes Jahr bietet der Aachener Versandhändler rund 20 Ausbildungsplätze in acht Berufen; in der Marketingabteilung war das bisher der Kaufmann oder die Kauffrau für Marketingkommunikation. Der letzte macht im nächsten Jahr seinen Abschluss: „Angesichts der permanenten Entwicklungen im Online-Vertrieb setzen wir jetzt ganz auf den neu eingeführten Ausbildungsberuf“, sagt die Teamleiterin. Nur so könne man dem bereits bestehenden Fachkräftemangel entgegenwirken. Ein Versuchskaninchen sei Komen allerdings nicht, bekräftigt sie. Im Gegenteil: „Wir haben in der Vergangenheit bereits die entsprechenden Inhalte in die praktische Ausbildung unserer Kaufleute mit einfließen lassen, aber es ist wichtig, dass jetzt auch die Seite der Berufsschule auf den Bereich E-Commerce zielt.“ Zurzeit laufen die Bewerbungen für das kommende Ausbildungsjahr 2019/2020, auch dann wird es bei Pro-Idee wieder einen Platz für einen Onlinehandel-Azubi geben.

„Man findet auf dem Arbeitsmarkt kaum Leute, die die Arbeit, die hier nötig wäre, leisten können. Die muss man anlernen“, ist auch die Erfahrung von Andreas Klöcker, Geschäftsführer der Medienagentur Klöcker GmbH, der gleich zwei Ausbildungsplätze für Kaufleute im E-Commerce geschaffen hat. Noch werde der Umsatz zu 90 Prozent durch das klassische Agenturgeschäft generiert, aber das Potenzial im Wachstumsfeld E-Commerce sei enorm. „Wir kennen viele Unternehmen, deren Online-Shops zwar gut laufen, aber wenn Probleme auftreten, fehlen qualifizierte Fachkräfte. Da setzen wir an“, erzählt Klöcker, der Anfang des Jahres mit seiner Werbeagentur ins Stolberger Gewerbegebiet Camp Astrid gezogen ist. Dort entwickelt und betreut er mit seinem bunt gemischten Team Online-Shopsysteme im Großkundenauftrag – ganz im Sinne eines Software-as-a-Service-Modells.

Für ihn kommt der neue Ausbildungsberuf zur rechten Zeit: „Seit 18 Monaten betreiben wir auch unseren eigenen Shop.“ Die Idee: ein Online-Shop, in dem die verschiedenen Dienstleistungen der Agentur zu einem festen Preis angeboten werden und über das Internet gekauft werden können. Anhand der vielfältigen Prozesse im Agenturalltag will er die künftigen Online-Händler praxisnah schulen: „Wir sind ein E-Commerce-Lab“, sagt Klöcker.

Mit seinen Azubis Martina Weber und Samer Shalhoum hat er ein tatkräftiges Team für künftige Projekte gefunden: Weber hat bereits erste Erfahrungen mit ihrem eigenen Webshop gesammelt, während Shalhoum bereits viele Jahre im kaufmännischen Bereich gearbeitet hat, bevor er nach Deutschland kam. „In Syrien lief der Verkauf von Angesicht zu Angesicht“, erzählt Shalhoum. „Ich bin begeistert davon, mit Kunden über die verschiedensten Kanäle zu kommunizieren.“ Auch für Weber steht fest, dass die auf digitale Geschäftsmodelle ausgerichtete kaufmännische Qualifikation ihr echte Karrierechancen eröffnen kann: „Ein zeitgemäßer Ausbildungsberuf, auf den ich später noch mal aufsatteln kann“, sagt sie. Eine Weiterbildung zum Fachwirt und zur Fachwirtin für E-Commerce ist in Planung.