Aachen: Ein Bahnhof für ein leeres Gewerbegebiet

Aachen: Ein Bahnhof für ein leeres Gewerbegebiet

Aachen bekommt eine direkte Bahnverbindung nach Südlimburg und nach Maastricht, und für viele Pendler mag das eine gute Nachricht sein. Für Hans Joachim Sistenich, Geschäftsführer des Aachener Verkehrsverbundes (AVV), ist es sogar das momentan wichtigste regionale Verkehrsprojekt neben der ICE-Verbindung Aachen-Eindhoven.

Für den Steuerzahler stellt sich andererseits die Frage, ob diese Bahnverbindung mit 40 Millionen Euro aus Steuermitteln nicht sehr teuer erkauft ist.

Das Bahnprojekt ist in konkreter Planung, seit das deutsch-niederländische Gewerbegebiet Avantis im Nordwesten Aachens im Dezember 2000 eröffnet wurde. Doch als bald klar war, dass aus dem Gewerbegebiet vieles wird, nur nicht die ersehnte Erfolgsgeschichte, nahm das nordrhein-westfälische Bau- und Verkehrsministerium Abstand von dem Projekt und stufte es als „nicht förderungswürdig” ein. Das änderte sich im Juli dieses Jahres. Die Verantwortlichen im Ministerium haben bei der Analyse des Projektes stets so getan, als befinde sich hinter der deutschen Grenze nur Ödnis - und nicht Südlimburg, sagte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU), „das Projekt stand mehrfach vor dem Aus”.

Doch seitdem Harry Voigtsberger, der 20 Jahre lang für die SPD im Aachener Stadtrat saß und immer noch in Eynatten/Belgien gleich hinter der Aachener Grenze wohnt, das NRW-Verkehrsministerium leitet, hat sich dessen Einschätzung geändert. Das Projekt Bahnverbindung Aachen-Maas-tricht ist jetzt „förderungswürdig”. Eine Anfrage unserer Zeitung, wie es zu der plötzlichen Bewertungsänderung kam, ließ das Ministerium unbeantwortet. Philipp glaubt, das Ministerium habe nun erkannt, welche Fahrgast-Potenziale sich auch jenseits der Grenze erschließen lassen würden.

Die Bewertung des Ministeriums stützt sich laut einem internen Papier, das unserer Zeitung vorliegt, auf eine Studie des Instituts für Stadtbauwesen und Stadtverkehr der RWTH Aachen. Diese Studie prognostiziert, dass allein zwischen dem Bahnhof Aachen-West und der Haltestelle im Gewerbegebiet Avantis täglich 4180 Menschen verkehren werden - obwohl auf Avantis lediglich 700 statt der in den 90er Jahren erwarteten 12 000 Arbeitsplätze entstanden sind.

AVV-Geschäftsführer Sistenich erklärte, der Bedarf für die Wirtschaftlichkeit der Bahnverbindung sei „in komplexen Untersuchungen” aber tatsächlich festgestellt worden, auch die Machbarkeit des Trassenbaus sei gewährleistet. Zwar ergebe sich der Wert der Strecke nicht allein aus der Tatsache, dass sie durch das Gewerbegebiet führe; doch für die Entwicklung von Avantis, dessen Flächen elf Jahre nach seiner Eröffnung zu nicht einmal fünf Prozent besiedelt sind, sei sie „ein Impuls”.

Ein leeres Gewerbegebiet als Anlass für eine Bahnverbindung? Wieviel den Steuerzahler das Gewerbegebiet Avantis gekostet hat, lässt sich kaum präzise ermitteln, jedenfalls sind es weit mehr als 50 Millionen Euro. Vor dem Beginn der Erschließung Ende der 90er Jahre war gar von bis zu 90 Millionen Euro die Rede. Die größte dort ansässige Firma, Solland Solar mit 300 Arbeitsplätzen, steht zum Verkauf. Was aus ihr wird, ist unklar. Auch das Aachener Klinikum hat nach Informationen unserer Zeitung gerade erst einen Erweiterungsbau auf Avantis abgelehnt.

Insofern stimmte es etwas nachdenklich, als die Aachener Planungsdezernentin Gisela Nacken erklärte, die geplante Bahnverbindung zwischen Aachen und Maastricht sei ohne das Gewerbegebiet Avantis kaum denkbar gewesen. Und zu allem Überfluss trägt das Bahnprojekt den Titel: „Via Avantis”.

30-Minuten-Taktung für die neue Strecke geplant

Welche Bahngesellschaft die Strecke Aachen-Maastricht betreiben wird, steht im Moment noch nicht fest und wird ausgeschrieben, sobald die politische Entscheidung für das Projekt gefallen ist. Auf die gleiche Weise wird ein Netzbetreiber für den neuen Schienenabschnitt ermittelt.

Das Ziel ist, sagt AVV-Geschäftsführer Hans Joachim Sistenich, die Züge von Aachen nach Maastricht - und umgekehrt - im 30-Minuten-Rhythmus fahren zu lassen. Ob diese Taktung realistisch und durchführbar ist, wird mit dem Betreiber besprochen, sobald er ermittelt ist.