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Hückelhoven: „Durchboxen, fragen und dann einfach machen”

Hückelhoven : „Durchboxen, fragen und dann einfach machen”

Sie ist so etwas wie ein Versuchskaninchen. Niemand kennt sich richtig mit ihrer Situation aus, alles ist noch Neuland. Trotzdem ist Andrea Tharau glücklich, so wie es ist.

Sie hat vor ein paar Wochen eine "Ich-AG" gegründet. Damit ist sie eine der ersten, die diesen Schritt im Raum Aachen gewagt haben. Als medizinische Fußpflege testet sie aus, was ihr der neue Gewerbestatus alles zu bieten hat.

Der große silberne Metallkoffer ist in Andrea Tharaus Wohnung immer griffbereit. In ihm bewahrt sie all ihre kleinen Werkzeuge, Cremes und Desinfektionsmittel auf. Der Koffer ist ihr ganzer Stolz, und noch dazu ist er der Gegenstand, ohne den sie sich ihre neue Existenz erst gar nicht hätte aufbauen können.

Andrea Tharau ist täglich im Einsatz. Das Geschäft läuft, und ihre Kunden empfehlen sie gerne weiter. "So hatte ich mir das vorgestellt", freut sich die frisch gebackene Selbstständige. "Der Beruf macht mir Spaß, ich komme vom Arbeitsamt los, und ich kann mir meine Zeit selbst einteilen."

Das muss auch so sein, denn neben dem Beruf kümmert sich die 33-Jährige um ihren dreijährigen Sohn Max. Dabei war ursprünglich alles anders geplant. Nach der Schule hatte sie eine Ausbildung zur Arzthelferin angefangen aber nach zweieinhalb Jahren abgebrochen. Anschließend kam eine Lehre als Verkäuferin, die Andrea Tharau aber ebenfalls nicht zu Ende bringen konnte.

Es folgten mehrere kleine Jobs und schließlich eine Selbstständigkeit in der Gastronomie mit ihrem damaligen Lebenspartner. "Aber der hat mich verlassen, und ich stand mit den Schulden da."
Heute ist Andrea Tharau wieder verlobt, im Mai wird geheiratet, aber abhängig möchte sie nicht mehr von einem Partner sein. "Ich hätte auch die Möglichkeit, in das Familienunternehmen meines Verlobten einzusteigen, aber das will ich nicht. Ich möchte mal etwas für mich machen, und das auch ganz alleine auf die Beine stellen."

Darum absolvierte Andrea Tharau eine achtwöchige Zusatzausbildung zur medizinischen Fußpflegerin. "Es macht mir Spaß, anderen Menschen zu helfen und ihnen etwas Gutes zu tun." Außerdem hat sie Kurse in EDV, Mathe und im kaufmännischen Bereich belegt.

Der Vorschlag, eine "Ich-AG" zu gründen, kam dann vom Arbeitsamt in Erkelenz. "Meine Sachbearbeiterin Heike Batzer hat mich auf die Idee gebracht und mich super beraten." Dazu habe die Erkelenzer Projektberaterin allerdings erst einmal selber ein Seminar besuchen müssen. "Ich bin glaub ich so was wie ein Testobjekt, aber das klappt schon. Wir sind da zusammen reingewachsen."

Auch die Krankenkasse ist sich bisher noch nicht sicher, wie sie Andrea Tharau einstufen soll. Als Selbstständige muss sie sich selber um diese Versicherung kümmern, aber das Problem ist, dass sich ihr Verdienst momentan kaum einschätzen lässt. "Darum zahle ich nun knapp 200 Euro monatlich ein, und am Ende des Jahres wird gerechnet, ob ich nachzahlen muss oder etwas zurückbekomme."

Im Moment muss sich bei Andrea Tharau erst mal alles einspielen. Sie arbeitet nur wenige Stunden pro Tag. Aber spätestens im September will sie richtig loslegen. "Dann geht mein Sohn in den Kindergarten, und ich kann eine eigene Praxis aufmachen." Darauf freut sie sich schon sehr. Und bis dahin lautet die Devise: "Durchboxen, fragen und dann einfach machen."

Die "Ich-AG", ein finanzieller Zuschuss für Existenzgründer, gibt es seit dem 1. Januar 2003. Nimmt jemand eine selbstständige Tätigkeit auf und verdient nicht mehr als 25.000 Euro im Jahr, kann er den Zuschuss beantragen. Im ersten Jahr werden 600 Euro, im zweiten 360 Euro und im dritten 240 Euro gewährt, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Der Antrag muss jährlich neu gestellt werden.

Es können keine Mitarbeiter eingestellt werden, Ausnahme: Familienangehörige. Vorteil ist, dass zur Bewilligung der "Ich-AG" keine fachkundige Stellungnahme vorgelegt werden muss, die bescheinigt, ob die Geschäftsidee tragbar ist. Auch das finanzielle Risiko ist relativ gering, da sich die "Ich-AG" größtenteils an Selbstständige mit geringerem Kapitalaufwand und eher niedrigem Einkommen richtet.

Es besteht eine Rentenversicherungspflicht, um die Krankenversicherung muss man sich selbst kümmern. Die Einkommenssteuer wird ans Finanzamt abgeführt, Gewerbesteuer fällt nicht an.