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Bremen/Bonn: Die Windenergie boomt: Fachkräfte sind Mangelware

Bremen/Bonn : Die Windenergie boomt: Fachkräfte sind Mangelware

Angesichts steigender Energiepreise gehen Experten davon aus, dass Wind künftig als Energiequelle gleichberechtigt neben Öl und Gas stehen wird. Während es an der deutschen Nord- und Ostsee kaum noch Flächen ohne Windräder gibt, gelten Asien und Osteuropa als Wachstumsmärkte.

Die Branche boomt, die Nachfrage nach Windenergieexperten steigt unentwegt. Doch nur wenige Berufe in diesem Sektor lassen sich durch eine Ausbildung oder ein Studium erlernen. Die meisten Ingenieure oder Mechaniker bringen nur Grundlagenkenntnisse mit - die speziellen Herausforderungen der Windenergie müssen sie sich in Schulungen und in der Praxis aneignen.

„Im Bereich der Erneuerbaren Energien hatten wir 2006 rund 170.000 Beschäftigte in Deutschland, gut 70 000 davon in der Windbranche”, sagt Nicole Kadagies von der Windenergie-Agentur Bremen/Bremerhaven (wab). In diesem Jahr kämen gut 15.000 neue Arbeitsplätze hinzu, Tendenz steigend. „Von diesem Beschäftigungseffekt profitieren auch viele Zulieferunternehmen.” Kadagies zufolge werden vor allem Maschinenbauer, Stahlbauer und Elektrotechniker, die beispielsweise bei der Entwicklung eines Rotorblattes für ein Windrad mitarbeiten, gesucht.

Rund 20 Prozent aller in dieser Branche Tätigen arbeiten nach wab-Angaben direkt bei den Herstellern von Windenergieanlagen, weitere 20 Prozent bei Firmen, die für die Installation und Montage der Anlagen verantwortlich sind. „Der Rest sind indirekte Arbeitsplätze durch Zulieferer, aber auch Finanzdienstleister, Logistiker und Bauunternehmen”, erläutert Kadagies. Denn ein Windrad werde nicht direkt beim Hersteller gefertigt, sondern komme in Einzelteilen zum Standort und werde dort zusammengesetzt.

Theo Bühler vom Wissenschaftsladen Bonn hat in einer Studie herausgefunden, dass bei fast der Hälfte aller für die Windbranche tätigen Unternehmen Fachkräfte fehlen. „Wenige Leute haben hier die langjährige Berufserfahrung, die man eigentlich braucht. Die Branche ist noch zu jung.” Wer im Windsektor arbeiten wolle, benötige Fachqualifikationen, vor allem im Maschinenbau und der Elektrotechnik, und zusätzlich branchenspezifisches Know-How in der Windbranche. Diese Kombination sei schwer zu finden, weil es kaum windspezifische Ausbildungen gebe.

Die meisten Firmen setzten deshalb auf „Training on the Job”. Die duale Ausbildung müsse aber viel stärker an den Bedarf des Sektors der Erneuerbaren Energien angepasst werden, sagt Bühler. „Es ist schon ein Unterschied, ob man einen Generator in 150 Metern Höhe und bei starker Vibration laufen lässt oder auf der Erde.”

Auch nach Ansicht von Bernd Neddermann vom Deutschen Windenergie-Institut aus Wilhelmshaven fehlt es an einer Ausbildung zum Windenergieexperten. „Zwar gibt es die Windenergie-Servicetechniker, die die Anlagen betreuen und warten”, sagt Neddermann. Aber ansonsten arbeiteten bisher fast ausschließlich Quereinsteiger in der Branche. Mechatroniker hätten noch die besten Chancen, sofort nach der Ausbildung als Monteure unterzukommen.

In Deutschland, das wie Dänemark als Vorreiter im Windsektor gilt, sind Aus- und Weiterbildungsangebote noch im Aufbau. Im Bildungs- und Trainingszentrum für Windenergietechnik in Bremen können sich Interessierte zum Servicemonteur für Windenergieanlagentechnik schulen lassen. Hier werden die Teilnehmer auf der Grundlage ihrer Qualifikationen als Elektrotechniker oder Maschinenbauer auf die spezifischen Tätigkeiten des Services, der Inbetriebnahme und der Produktion von Windenergieanlagen vorbereitet.

Die Windenergie-Agentur und das Zentrum für Windenergieforschung an den Universitäten Oldenburg und Hannover bieten einen in Deutschland einmaligen berufsbegleitenden Studiengang Windenergietechnik und -management an. Die Teilnehmer beurteilen in zehn Monaten Fernstudium Windenergieprojekte aus verschiedenen Perspektiven. Darüber hinaus sollen die jährlich bis zu 24 Studierenden ein Windparkprojekt von Anfang an bis zur Betriebsführung realisieren. Das Studium kostet 6400 Euro.

Beim Bildungszentrum für Erneuerbare Energien (BZEE) im schleswig-holsteinischen Husum werden gemeinsam mit Unternehmen praxisnahe Schulungen entwickelt. Seit 2000 bietet das BZEE die Fortbildung zum Servicetechniker/Servicemonteur für Windenergieanlagen als halbjährigen Vollzeitlehrgang an, um den Bedarf an Fachpersonal in den Unternehmen abzudecken. Die Lehrgänge finden in Husum, Bremen und Bremerhaven sowie in Lauchhammer statt.

Ansonsten haben nach Angaben der Experten Brunnenbauer, Anlagenmechaniker, Informatiker, Lageristen, Fertigungsmechaniker, Industriekaufmänner aber auch Technische Zeichner und Bürokaufleute gute Chancen, nach einer Fortbildung in der Windbranche zu arbeiten. Voraussetzung sind laut Kadagies aber gute Englischkenntnisse. „Unternehmen, die in Deutschland sitzen, haben oft Aufträge aus dem Ausland. Vor allem die Beschäftigten von Service und Montage müssen Englisch können.”