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Vor allem bei Flüchtlingen: Deutliches Plus am Ausbildungsmarkt

Vor allem bei Flüchtlingen : Deutliches Plus am Ausbildungsmarkt

Lehrlinge verzweifelt gesucht? Das trifft für das Handwerk im Kammerbezirk Aachen nicht mehr ohne weiteres zu. Die Zahl der Ausbildungsverträge ist mit 2246 im vergangenen Jahr erstmals wieder leicht gestiegen. Besonders erfreulich aus Sicht der Kammer ist dabei auch die gestiegene Zahl der ausländischen Berufsanfänger — 542 im Vergleich zu 375 im Jahr 2016, darunter 54 Afghanen (2016: 17) und 31 Syrer (8).

Damit liegen die Aachener Zahlen im Bundestrend: Laut Statistischen Bundesamt schlossen im vergangenen Jahr erstmals seit 2011 wieder mehr junge Menschen einen neuen Lehrvertrag ab. Vor allem die Zahl ausländischer Berufsanfänger stieg deutlich.

Vor allem die Zahl Geflüchteter aus Afghanistan und Syrien, die eine Lehre anfingen, erhöhte sich deutlich. Fast 10.000 neue Ausbildungsverträge von jungen Männern aus den beiden Ländern wurden gezählt, das waren 7000 mehr als im Jahr zuvor — ein Plus von fast vier Prozent.

Der Zentralverband des Handwerks (ZDH) und andere Wirtschaftsverbände pochen deshalb nun auf einheitliche Regelungen, dass während einer Ausbildung keine Abschiebung stattfindet. In Deutschland geduldete Flüchtlinge können seit 2016 für die Dauer einer Berufsausbildung und einer zweijährigen Anschlussbeschäftigung (3 plus 2) nach dem Aufenthaltsgesetz eine „Ausbildungsduldung“ erhalten. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hatte sich offen für einen so genannten „Spurwechsel“ bestimmter Migrantengruppen vom Asylrecht ins Einwanderungsrecht ausgesprochen.

„Wirtschaftlicher Unsinn“

Das Handwerk unterstützt diese Position teilweise. „Wer bei uns eine dreijährige duale Ausbildung gemacht und dann zwei weitere Jahre als Facharbeiter im Betrieb gearbeitet hat, den sollte man nicht abschieben“, sagte ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer. „Alles andere wäre wirtschaftlicher Unsinn. Wir müssen denjenigen unter den Geduldeten, die hier ausgebildet und integrationswillig sind, ein Bleiberecht gewähren, und dafür müssen wir eine gesetzliche Übergangsregelung schaffen.“

Insgesamt bleibt die Situation auf dem Lehrstellenmarkt weiter angespannt. So rechnet die Bundesagentur für Arbeit (BA) damit, dass es 2018 voraussichtlich erstmals seit Jahren insgesamt weniger Bewerber als Stellen in der betrieblichen Ausbildung geben wird. Bis Juli wurden 531 426 Lehrstellen fürs neue Ausbildungsjahr gemeldet, aber nur 501.878 Interessenten. Das Problem: Die Schülerzahlen sinken, während der Bedarf der Firmen an Mitarbeitern in der guten Konjunktur steigt.

Mit dem Problem hat auch die Industrie- und Handelskammer Aachen (IHK) zu kämpfen: Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge ist 2017 sogar leicht zurückgegangen: 4400 junge Menschen absolvierten eine Ausbildung im Kammerbezirk, ein Minus von 0,3 Prozent im Vergleich zu 2016. Die Zahl der ausländischen Berufsanfänger stieg mit 170 allerdings auch hier, laut IHK fast doppelt so viele wie 2016.

Schon seit geraumer Zeit steigt nach Angaben der BA die Zahl der gemeldeten unbesetzten Stellen in der betrieblichen Ausbildung, auch weil Angebot und Nachfrage oft zusammen passen. Offene Stellen und Bewerber sind regional nicht gleich verteilt. Zudem sind die Berufswünsche und das Lehrstellenangebot nicht immer deckungsgleich.