Will Günther Schuh Streetscooter zurückkaufen?: Der Preis einer defizitären Firma

Will Günther Schuh Streetscooter zurückkaufen? : Der Preis einer defizitären Firma

Die Deutsche Post will den Aachener E-Mobil-Hersteller Streetscooter ganz oder teilweise verkaufen. Einer der Interessenten ist der einstige Streetscooter-Mitgründer Günther Schuh.

Am Tag, als Günther Schuh und Achim Kampker ihre Firma an die Deutsche Post verkauften, soll es in Aachen eine ziemlich ausgelassene Feier gegeben haben. Über diesen Abend im Spätherbst 2014 existieren einige Anekdoten, die stimmen mögen oder nicht, aber feststeht, dass Schuh und Kampker damals ein gewaltiger Coup gelungen war: Zwei Aachener Professoren und einige Ingenieure hatten eine kleine Start-up-Firma an einen Dax-Konzern verkauft, und obwohl über die Kaufsumme Stillschweigen vereinbart wurde, das keiner der Beteiligten bislang gebrochen hat, ist klar, dass der Deal Schuhs und Kampkers Schaden nicht war. Und der Name der kleinen Firma, Streetscooter, wurde weltweit zum Begriff.

Viereinhalb Jahre später, im Frühjahr 2019, ist der Coup von damals fast vergessen, und die Nachrichten, die dieser Tage rund um Streetscooter verbreitet werden, sind selbst manchen Brancheninsidern ein Rätsel. Nachdem Street­scooter unter Führung der Post expandierte und Tausende elektrisch betriebene Lieferfahrzeuge für die Deutsche Post und andere Unternehmen hergestellt hatte, verließ Achim Kampker Ende März die Firma, nachdem er kurz zuvor von Jörg Sommer als Geschäftsführer abgelöst worden war. Während Schuh sich nach dem Verkauf 2014 neu orientierte und e.GO gegründet hatte, hatte Kampker sich von der RWTH beurlauben lassen, um als Geschäftsführer bei Streetscooter bleiben zu können. Sozusagen als Quereinsteiger wurde er Bereichsvorstand der Deutschen Post AG, eine steile Karriere.

Als sein Abgang Anfang April bekannt wurde, verbreiteten verschiedene Medien Gerüchte, denenzufolge Streetscooter unter Geschäftsführer Achim Kampker einen Wert von mittlerweile mehreren Milliarden Euro erreicht habe und dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post, Frank Appel, zu erfolgreich geworden sei. Deswegen wolle Appel Streetscooter wieder verkaufen. Appel selbst sagte auf der Hauptversammlung Mitte Mai in Bonn lediglich, er suche „strategische Investoren für die nächste Wachstumsphase bei Streetscooter“. Ob das auf Marketing-Deutsch bedeutet, dass Streetscooter ganz oder nur teilweise verkauft werden soll, wurde nicht ganz klar.

300 Millionen Euro geboten?

Offenbar riefen die personellen Veränderungen und die generelle Unruhe bei Streetscooter den einstigen Firmenmitgründer Günther Schuh wieder auf den Plan. Das „Manager Magazin“ meldete diese Woche, Schuh habe angeblich 300 Millionen Euro für Streetscooter samt der beiden Produktionsstätten in Aachen und Düren geboten, um die e.GO-Angebotspalette um die Streetscooter-Fahrzeuge erweitern zu können.

Hat offenbar wieder Interesse an Streetscooter: RWTH-Professor und e.GO-Chef Günther Schuh. Foto: dpa/Roberto Pfeil

Schuh erklärte am Freitag auf Anfrage unserer Zeitung: „Nicht nur die Post, sondern auch die Gründer des Unternehmens und das dazugehörige Aachener Umfeld sind sehr daran interessiert, dass die Erfolgsgeschichte von Streetscooter weitergeht. Deswegen sind wir rechtzeitig in einen Sondierungsprozess eingetreten, der wohl noch nicht zu Ende ist.“ Zu etwaig abgegebenen Angeboten wollte Schuh sich ebenso wenig äußern wie die Deutsche Post.

Die kolportierte Höhe von Schuhs angeblichem Angebot passt allerdings in keiner Weise zum behaupteten Wert der Firma, den „Spiegel Online“ mit „mehreren Milliarden Euro“ beziffert hatte. Ein Brancheninsider, der seinen Namen in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen möchte, sagte am Freitag, der tatsächliche Wert von Streetscooter bewege sich eher „zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro“. Eine Rolle spielt wahrscheinlich, dass das Unternehmen nach wie vor keinen Gewinn abwirft.

Wer profitiert?

Die Frage ist also, wer ein Interesse daran hat, Schuhs angeblich gebotene 300 Millionen Euro ans „Managazer Magazin“ durchzustechen. Ein Konkurrent, um Unruhe zu stiften? Ein Mitbewerber um den Kauf von Streetscooter, vielleicht um den Preis zu drücken? Oder jemand von e.GO, um Schuh auch öffentlich wieder bei Streetscooter ins Gespräch zu bringen?

An Spekulationen, sagte am Freitag ein Unternehmenssprecher, wolle sich die Deutsche Post nicht beteiligen. Dass damit das öffentliche Spekulieren ein Ende haben wird, ist allerdings nicht zu erwarten.