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Aachen: Der Gegenwind hat sie immer angespornt

Aachen : Der Gegenwind hat sie immer angespornt

Zahir Dehnadi und Bahman Nedaei haben früh gelernt, dass sie nach vorne schauen müssen. Ihre Eltern haben es ihnen vorgelebt, denn die wussten, dass es keinen Weg zurück gab. Der war verbaut. Als Flüchtlingskinder sind Dehnadi und Nedaei aus dem Iran nach Aachen gekommen.

Nun sind sie 32, Unternehmer, erfolgreich. Ihre Firma heißt Navabi und ist ein Online-Modehandel. Das Besondere: Das Unternehmen, gegründet im April 2009, konzentriert sich auf Mode ab Größe 42, also auf Übergrößen. Das war neu, ungewöhnlich, mutig. „Wir sind geprägt von unseren Eltern und deren Einstellung zum Leben. Die bezieht sich darauf, dass man für das, woran man glaubt, auch kämpfen sollte“, sagen die beiden jungen Männer.

Dabei hat gerade Zahir Dehnadi erleben müssen, dass so ein Kampf verlustreich sein kann. Sein Vater war ein linker Aktivist, der für mehr Rechte kämpfte — in einem totalitären Staat. Er wurde hingerichtet. Die Mutter floh daraufhin mit Zahir aus dem Iran. Da war er noch ein kleiner Junge. Bahman Nedaei war drei Jahre alt, als seine Eltern aus dem Iran flohen.

Es mag nicht ganz so dramatisch gewesen sein wie bei Zahir Dehnadi. Seine Eltern waren keine politisch Verfolgten. Aber ihr Land stand im Krieg mit dem benachbarten Irak, dort wollten sie ihren Sohn nicht aufwachsen sehen.

Sie kamen nach Aachen, weil dort eine Tante wohnte. 1986 war das. Es gab Sonderregelungen in Nordrhein-Westfalen, die eine schnelle Aufenthaltsgenehmigung möglich machten. Sie mussten keinen Asylantrag stellen, um bleiben zu dürfen.

Die Situation war eine weit andere als die heutige. Die Zahl der Flüchtlinge überschaubarer. Die Integration mag leichter gewesen sein. Die iranischen Jungen fanden recht schnell Anschluss. Sie waren zwölf Jahre alt, als sich Nedaei und Dehnadi dann beim Basketballspielen kennenlernten. Nun deutet viel darauf hin, dass ihnen als Unternehmer der große Wurf gelingt.

Die beiden Gründer nennen sich „Rebellen“ der Modebranche. „Wir sind Rebellen“ war dann auch ein Artikel bei „Spiegel Online“ überschrieben, in dem Flüchtlingskinder als Unternehmer in den Fokus gerückt wurden. Auffallend viele würden sich selbstständig machen.

Nedaei und Dehnadi sind da gute Beispiele, denn sie sind erfolgreich. Sie verweisen dann gerne auf ihre Einstellung: „Wir handeln basierend auf dem, was fair, logisch und richtig zu sein scheint, auch wenn es Normen und Konventionen bricht und man, wenn es sein muss, gegen die Masse schwimmen sollte“, sagen sie. Ja, so klingen Rebellen.

Ihr Erfolg lässt sich in Zahlen ausdrücken. 25 Millionen Euro frisches Kapital haben sie Anfang des Jahres in einer Finanzierungsrunde akquirieren können — inklusive eines dreijährigen Werbebudgets von Bauer Media, die für mehr als 600 Magazine und 400 digitale Produkte stehen. Eine solche Werbeplattform ist für einen Modehandel unbezahlbar. Ebenso der Enthusiasmus, der die beiden Gründer antreibt.

Die Geschichte von Navabi begann mit einer nüchternen Marktanalyse, großer Skepsis und zwei sturen Jungunternehmern — dann kamen die Liebesbriefe. Dehnadi und Nedaei waren im Internet zu Hause, sie hatten noch nicht einmal das Abitur, da entwickelten sie Webseiten und Werbung für Firmen. Dann suchten sie nach einer besseren Geschäftsidee.

Sie stellten fest, dass es eine riesige Nachfrage von Frauen nach Mode in Übergrößen gab. Aber dazu kein passendes Angebot. Sie verkauften bei Ebay ein paar Kleider von Nedaeis Tante, auch solche in Übergröße. Es lief erst gut, dann noch sehr viel besser. Und am Ende stand ein Unternehmen: Navabi. Benannt hatten sie es nach Tante Maryam Navabi.

Dann hieß es: stur sein. Denn die Begeisterung der Kunden wurde von der Branche nicht geteilt. „Seit unseren Anfängen 2009 haben wir von vielen namhaften Investoren und aus der Modebranche gehört: ‚Dick heißt faul und hat keinen Stil‘.

Es geht uns darum, die Standards in der Branche zu brechen und hochwertige Mode Frauen weltweit zugänglich zu machen, die von den Labels bisher ignoriert oder ausgelacht wurden“, erklärt Dehnadi. Mut machte die Post, die in ihrem Briefkasten landete.

„Wir haben von Anfang an geradezu Liebesbriefe von Frauen aus aller Welt bekommen, die sich bei uns dafür bedankt haben, dass wir hochwertige Kleidung anbieten, in der sie sich wohlfühlen und die ihnen gefällt“, sagt er und Nedaei fügt hinzu: „Das war eigentlich unsere größte Motivation, weil wir wussten, dass wir einen extrem positiven Einfluss auf das Leben vieler Frauen weltweit haben und damit das Potenzial, ein großes und bedeutendes Unternehmen aufzubauen. Der Gegenwind seitens vieler namhafter Investoren und Unternehmen in der Modebranche hat uns dann nur noch weiter angespornt.“

Nach und nach ließen sich erste Investoren überzeugen, auch die Modefirmen konnten den Erfolg der Aachener nicht länger ignorieren. Mittlerweile vertreibt Navabi mehr als 100 Marken — auch eigene. Der Umsatz wuchs deutlich, jedes Jahr um 100 Prozent, die Mitarbeiterzahl an der Jülicher Straße in Aachen nimmt stetig zu.

Nedaei und Dehnadi wurden mit Gründerpreisen ausgezeichnet, die Arbeitgeberbewertungsplattform „Kununu“ lobte sie als beste Arbeitgeber der deutschen Textilbranche. „Das ist für uns der Beweis, dass wir auch im Markt auf einem sehr guten Weg sind — den wollen wir fortsetzen“, sagt Nedaei.

Wenn Geschichten wie diese erzählt werden, dann sollen sie immer auch Mut machen — denen, die in diesen Tagen aus Syrien oder einer anderen Krisenregion nach Deutschland kommen. Dehnadi und Nedaei würden sich wünschen, dass es so ist.

Dass sie Mut machen. Und sie engagieren sich — beispielsweise bei „Workeer“, der ersten Jobbörse für Flüchtlinge und Arbeitgeber, die helfen wollen. „Wir alle beginnen unsere Reise mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Gaben. Was uns im Leben widerfährt, können wir nicht beeinflussen, aber wir können entscheiden, wie wir damit umgehen“, sagen sie.

Und: „Allen Menschen mit einer Idee wünschen wir, dass sie die Kraft und Leidenschaft aufbringen, die sie zum Erfolg führen wird.“ Sie haben gezeigt, dass es geht.