Coroplast-Chefin Natalie Mekelburger im Interview

Interview mit der Chefin des Auto-Zulieferers Coroplast : „Keine weiteren Klima-Vorgaben“

Tape Town nennen sie bei Coroplast den Gebäudekomplex, der rund um die Highspeed-Beschichtungsmaschinen entstanden ist, die jeden Tag Tausende Meter Klebeband ausspuckt. Natalie Mekelburger leitet den Auto-Zulieferer, dessen Hightech-Kabel, Spezialleitungssätze und Technische Klebebänder in praktisch jedem deutschen Fahrzeug verbaut sind.

Frau Mekelburger, haben den Chefposten 2006 übernommen. Ist Ihnen der Rollentausch leicht gefallen? Immerhin sind Sie im Familienunternehmen aufgewachsen.

Natalie Mekelburger:  Tatsächlich kenne ich einige Mitarbeiter noch aus meiner Jugendzeit. Ich habe mit ihnen Streiche gespielt und bin auf Bäume ge­klettert. Dennoch bin ich nach einiger Berufserfahrung in die Rolle der C hefin hineingewachsen und habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen, gleichzeitig aber auch authentisch zu bleiben.

Gewöhnt man sich in all den Jahren irgendwann an den Druck und die Verantwortung, die so ein Job mit sich bringt?

Mekelburger: Ich habe die Aufgabe eigentlich nie als Bürde empfunden, sondern eher als ein großes Geschenk, dieses Unternehmen leiten zu dürfen. Allein in den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich unser Umsatz von 200 auf rund 500 Millionen Euro mehr als verdoppelt.

Rechnen Sie damit, dass es so rasant weitergeht?

Mekelburger: Wenn wir die augenblickliche Situation in Europa und an den Weltmärkten beobachten, dann wissen wir, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.

Weil US-Präsident Donald Trump der deutschen Autoindustrie mit Strafzöllen droht und sich mit China einen Handelskrieg liefert?

Mekelburger: Die internationale Einschränkung des Handels ist ein gravierender Einschnitt und der größte Hebel, um manipulativ in Märkte einzugreifen. Das ist auf Dauer nicht nur für die deutsche Automobilindustrie schädlich, sondern führt langfristig zum Wohlstandsverlust auf der ganzen Welt. Von daher betrachte ich das mit Sorge. Zu dieser bedenklichen Entwicklung kommt noch der hausgemachte Aktionismus, den wir hier in Deutschland und Europa betreiben. Fahrverbote oder die stetig steigenden Anforderungen an Zulassungsverfahren haben ein Bürokratiemonster geschaffen.

Ist es für Sie ein Nachteil, wenn weniger Autos mit Verbrennungsmotor verkauft werden – oder stecken am Ende sogar mehr Kabel in einem Elektroauto?

Mekelburger: Wir sind mit unseren Produkten für die Elektromobilität gut aufgestellt, aber momentan werden ja nicht mal ansatzweise so viele E-Autos ver kauft, dass sich dadurch geringere Verkäufe von Autos mit Verbrennungsmotor kompensieren lassen würden. Wir sehen also die Gefahr in den nächsten Jahren, dass der gesamte Markt eine deutliche Stückzahlenreduzierung erfahren wird.

Vermissen Sie die Unterstützung der Politik?

Mekelburger: In jedem Fall. Die Politik ist ja verantwortlich für viele Hauruck-Aktionen, die rational nicht durchdacht sind. Wer solche Emissionsvorgaben in Europa erlässt oder diesen zustimmt, ohne deren technische Umsetzbarkeit zu prüfen, muss sich nicht wundern, wenn die Industrie darunter leidet und nach Subventionen ruft. Die Politik denkt aber sehr einseitig.

Inwiefern?

Mekelburger: Sie hat das 1,5 Grad Klimaziel geradezu religiös stilisiert und damit die Orientierung verloren, sich primär um das Wohl der Menschen zu kümmern. Im Übrigen stellt der Erfinder des Zwei-Grad-Ziels, William D. Nordhaus, selbst infrage, ob man sich diesem Ziel so sklavisch unterordnen muss. Klimaschutz muss nicht so teuer sein, wie wir ihn umsetzen. Kohle, Atomenergie, Verbrennungsmotor: Die Deutschen steigen aus allem aus, mit minimalem Einfluss auf das Weltklima, setzen aber den eigenen Wohlstand aufs Spiel. Absurd wird es vor allem dann, wenn gleichzeitig Indien und China den Bau von 600 Kohlekraftwerken planen bzw. bereits bauen.

Das Thema Klimawandel hat die Europawahl dominiert und die Grünen gestärkt. Für die Autoindustrie sind das keine guten Nachrichten, oder?

Mekelburger: Ich hoffe nicht, dass die Klima-Vorgaben noch schlimmer werden. Wir stoßen als Industrie schon jetzt an Grenzen. Die grüne Politik verfolgt das Ziel, dass weniger Autos gebaut werden und der Individualverkehr möglichst abgeschafft wird. Wir setzen aber durch die mittlerweile so radikal geforderte ökologische Umwälzung auch viele Arbeits­plätze aufs Spiel – und das macht mir Sorgen.

Vielleicht übernimmt Deutschland dafür eine Vorbildfunktion?

Mekelburger: Aus meiner Sicht ist diese Politik eher schädlich. Sie kostet viel Geld, unterdrückt technologische Vielfalt und schafft neue Abhängigkeiten. Früher hieß es, wir dürfen uns bei den fossilen Brennstoffen nicht so abhängig machen von der arabischen Welt. Und jetzt begibt man sich systematisch in die Hand der Chinesen, die überwiegend die Hoheit über die Rohstoffe für die Elektromobilität haben. Das ist doch nicht rational durchdacht.

Was wäre Ihre Lösung?

Mekelburger: Ich bin überzeugte Marktwirtschaftlerin. Momentan habe ich leider das Gefühl, dass uns der marktwirtschaftliche Kompass abhanden kommt. Unter dem Druck der Sanktionen, die zum Beispiel beim Verpassen der CO2-Flottenziele drohen, muss zwangsläufig die Industrie auf die Linie der Politik einschwenken. Das hat aber mit echter Marktnachfrage nichts zu tun. Es ist heute noch gar nicht klar, welche Technologie sich am Ende wirklich durchsetzen sollte. Jetzt wird voll auf E-Mobilität gesetzt, da kein Geld mehr übrigbleibt, um parallel Brennstoffzellen, synthetische Kraftstoffe oder auch Gas und Diesel weiterzuentwickeln.

Halten Sie die E-Mobilität für einen Irrweg?

Mekelburger: Keinesfalls für einen völligen Irrweg. Ich bin nicht gegen die Elektromobilität, in Städten oder für kurze Wege macht sie total Sinn. Unter anderem deswegen setzen ja auch die Chinesen auf das E-Auto, weil sie viel seltener lange Überlandfahrten machen, die hohe Reichweiten erfordern, und sich tendenziell eher in den riesigen Metropolen bewegen, wo E-Autos für deutlich bessere Luft sorgen. Ich finde auch Hybridantriebe toll, so einen fahre ich selber. Ich halte nur die Tabuisierung der Weiterentwicklung aller anderen, gegebenenfalls günstiger umsetzbaren Lösungen für falsch.

Hoffen Sie trotz all der Unsicherheiten, dass eine Ihrer beiden Töchter auch bei Coroplast einsteigt?

Mekelburger: Ich werde meinen Töchtern nicht reinreden, wie sie ihre berufliche Laufbahn zu gestalten haben. Wichtig für mich ist, dass sie in jedem Fall mündige Gesellschafter werden, die im Sinne der Familienidee das Unternehmen weiter fortsetzen.

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