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Corona bei Tönnies wird nicht zu Versorgungsengpass führen

Corona-Ausbruch bei Tönnies : Kein Versorgungsengpass durch Schlachtstopp befürchtet

Nach einem Corona-Ausbruch bei Tönnies steht der größte deutsche Schlachtbetrieb für Schweine still. Für die Verbraucher hat das zunächst keine Folgen, sagt ein Experte. Für Landwirte könnte das anders aussehen.

Die vorübergehende Schließung des größten deutschen Schlachtbetriebs von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück nach einem Coronavirus-Ausbruch mit aktuell 730 Infizierten wird nach Experten-Einschätzung nicht zu Versorgungsengpässen führen. „Fleisch wird in Deutschland nicht knapp, auch nicht Schweinefleisch“, sagte Tim Koch von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in Bonn.

Zugleich geraten aber die Fleischproduktion und ihre Arbeitsbedingungen zunehmend kritisch in den Fokus. „Es gibt haarsträubende Sonderaktionen, bei denen Fleisch deutlich unter seinem Wert verkauft wird. Das müssen wir stoppen. Denn grundsätzlich ist der Verkauf unter Einstandspreis ja bereits untersagt“, sagte die NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) der „Rheinischen Post“. Dazu arbeite NRW an einer Bundesratsinitiative.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nannte die Nachrichten aus Rheda-Wiedenbrück am Donnerstag „schockierend“. Dort sei zu erleben, was passiere, „wenn mit Arbeitnehmern aus Mittel- und Osteuropa bei uns nicht fair umgegangen wird“. Er fühle sich bestätigt, den Kurs, in der Fleischindustrie aufzuräumen, konsequent umzusetzen, sagte Heil in Berlin. Im Sommer wolle er ein Gesetz vorlegen, das eine digitale Erfassung der Arbeitszeit in der Fleischindustrie vorschreibt. Zudem sollen Werkverträge in der Branche untersagt werden.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) kündigte an, die Branche wissenschaftlich untersuchen lassen. „Wir müssen untersuchen, wie die Corona-Ausbrüche in der Fleischindustrie entstehen“, erklärte Laumann am Freitag. „Mein Ministerium wird eine wissenschaftliche Expertise auf den Weg bringen, die den Ursachen des Ausbruchs in Gütersloh epidemiologisch auf den Grund geht.“

Die Fleischfabrik ist derzeit geschlossen – genau wie Kindergärten und Schulen im Kreis Gütersloh. Ausgewertet wurden nach Informationen vom Donnerstagabend bisher 1106 Ergebnisse eines von den Behörden angeordneten Reihentests. Im Tönnies-Stammwerk müssen in den nächsten Tagen noch rund 5300 Mitarbeiter getestet werden.

Der Chef der SPD-Landtagsfraktion in NRW, Thomas Kutschaty, forderte in der „Rheinischen Post“ kostenlose Corona-Tests im Kreis. „Ich erwarte jetzt, dass im Kreis umfangreich und engmaschig getestet wird - und zwar kostenlos für jeden, der auch nur im entferntesten Kontakt hatte. Da geht es um Stunden.“ Kutschaty forderte zudem weitere Maßnahmen für den Fall, dass die Zahl der Infizierten deutlich steige: „Sollte der Wert von 50 Neuinfizierten innerhalb von einer Woche pro 100.000 Einwohner überschritten werden, muss Herr Laschet mir erklären, warum es keinen Lockdown gibt.“

In Rheda-Wiedenbrück werden nach Angaben von Tönnies pro Tag 20.000 Schweine geschlachtet und zerlegt. Die Branche habe eine Reihe von Stellschrauben, um die bei Tönnies ausfallenden Schlachtkapazitäten zumindest teilweise auszugleichen, sagte Agrarfachmann Koch. Tönnies wolle die Zahl der Schlachtungen an anderen Standorten erhöhen, auch andere Unternehmen hätten diese Möglichkeit.

Das nordrhein-westfälische Agrarministerium befürchtet negative Folgen für den Tierschutz, falls der größte deutsche Schlachthof von Tönnies länger geschlossen bleiben muss. Aufgrund der überregionalen Bedeutung des Schlachtbetriebes müsse es das Ziel sein, den Schlachtbetrieb wieder zeitnah zu ermöglichen, sobald die Mitarbeiter nach der Quarantäne wiederholt negativ getestet worden seien, teilte das Ministerium am Freitag mit. Die Fleischfabrik ist nach einem Corona-Ausbruch mit derzeit 730 Infizierten geschlossen worden.

Die Firma Tönnies und die sie beliefernden Landwirte müssten andere Schlachtkapazitäten finden. Eine gewisse Zeit könnten Tiere über die normale Mastdauer hinaus in den Betrieben gehalten werden. „Sollten Produktionsengpässe über einen längeren Zeitpunkt andauern, erhöht sich der Druck in den Betrieben, was sich negativ auf den Tierschutz auswirken könnte“, sagte Staatssekretär Heinrich Bottermann.

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden im vergangenen Jahr 55,1 Millionen Schweine in Deutschland geschlachtet, 3,0 Prozent weniger als 2018. Davon wurden rund 3,3 Millionen Schlachtschweine aus dem Ausland importiert.

(dpa)