Aachen: Cluster Smart Logistik: Gas geben, aber „gehoddelt wird nicht“

Aachen: Cluster Smart Logistik: Gas geben, aber „gehoddelt wird nicht“

Was im Nordwesten Aachens auf dem Campus Melaten geschieht, gilt als eines der Glanzlichter der RWTH Aachen und hat mit dem Universitätsbetrieb doch weniger zu tun, als gemeinhin angenommen wird. „Wir sind keine Hochschuleinrichtung; wir haben hier keine Vorlesungssäle“, sagt Volker Stich, der auf dem Campus das Cluster Smart Logistik leitet und Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Rationalisierung (FIR) ist.

Stichs Cluster steht der Wirtschaft näher als der Hochschule. Es bietet Unternehmen — auch und gerade mittelständischen Firmen — enge Kooperation an, damit sie in einer zunehmend digital bestimmten Arbeitswelt konkurrenzfähig bleiben. Die gesamte Logistik, Produktion, Betriebsorganisation und Kundendienst sollen flexibler und effektiver werden. In bisher sechs Clustern arbeiten Forscher und Industrie enger als zuvor üblich zusammen, um den Weg zwischen Grundlagenforschung und Anwendung zu verkürzen.

Die Idee: Das FIR ist ein sogenanntes An-Institut der RWTH; es ist organisatorisch, wirtschaftlich und rechtlich eigenständig und arbeitet mit der Hochschule aufgrund eines Kooperationsvertrages zusammen. Seit mehr als 60 Jahren widmet sich das FIR der sogenannten angewandten Forschung. Das heißt: Fachkräfte von Unternehmen entwickeln gemeinsam mit Wissenschaftlern neue hochtechnologische Systeme, um einen Betrieb besser zu organisieren, seine Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, neue Märkte zu erschließen und Arbeitsplätze zu sichern.

Im Cluster Smart Logistik wird diese Kooperation noch intensiviert. „Wir kümmern uns darum, schneller von der Idee zur serienreifen Umsetzung zu kommen“, sagt Stich unserer Zeitung. Es wird experimentiert, ausprobiert nach der Devise: keine Angst vor Fehlern!

Die Mannschaft: 65 festangestellte Wissenschaftler, 20 Verwaltungsangestellte und 120 bis 140 studentische Hilfskräfte arbeiten am FIR. Hinzu kommen mehrere hundert Mitarbeiter der Partnerunternehmen, die von ihren jeweiligen Unternehmen bezahlt werden.

Die Wissenschaft: Das Cluster, das vom FIR geleitet wird, lebt von dem, was die Firmen investieren. Stich ist kein Lehrstuhlinhaber, kein Angestellter der Hochschule, Lehrverpflichtungen hat er nicht und bekommt wie alle seine Mitarbeiter das Gehalt vom FIR. Von der RWTH erhält sein Institut keinen Euro. Die Wissenschaft sieht er auch unter diesen Bedingungen als frei, wenn sie auch an die Aufträge der Unternehmen gebunden ist. Es gehe nicht um Grundlagenforschung, sondern darum, wie diese im Interesse der Industrie und auf deren Kosten in der Praxis umgesetzt werden kann.

Die Verwendung: „Unsere Grundregel ist, dass für alle Partner Offenheit herrscht“, erläutert Stich. „Auch Konkurrenten können bei uns zusammenarbeiten.“ Andererseits gibt es Auftragsarbeiten wie jene für Lufthansa, die ausschließlich für ein Unternehmen bestimmt sind. Die Ergebnisse der Teamarbeit kann die Wissenschaft verwenden, wenn die Partner das erlauben. „Das ist in der Regel so, weil Projekte meistens öffentlich gefördert werden“, erklärt Stich.

Die Immatrikulation: Die Firmen suchen sich aus den Angeboten des Clusters das aus, was sie brauchen und immatrikulieren sich in der Regel für fünf Jahre im Cluster. Innerhalb dieses Zeitraums wird in sechsmonatigen Projekten getestet, wie praxistauglich ein Produkt ist.

Die Geschwindigkeit: Sie ist für Stich der entscheidende Erfolgsfaktor. „Im Wettbewerb müssen sie heute der Erste sein“, sagt er. Es komme aufs Tempo an, „aber gehoddelt wird nicht“. Qualität bleibt der Maßstab. „Aber ein Unternehmen mit hoher Qualität und tollen Ergebnissen, das immer zu spät auf den Markt kommt, wird auf Dauer nicht bestehen.“

Das sagte Stich in dieser Woche auch seinen Gästen, die sich am FIR darüber informierten, warum und wie internationale Firmen, aber auch kleine und mittlere Betriebe mit dem Cluster kooperieren. „Wie lange brauchen wir bei einer Panne, bis eine Maschine wieder läuft?“, fragt Stich. „Wir müssen nicht warten, bis sie ausfällt, sondern können vorab wissen, dass sie ausfallen wird und die Reparatur vorbereiten, um das Ersatzteil schnell einbauen zu können und Stillstand zu vermeiden.“

Die Digitalisierung: Es ist das Zauberwort, um das sich auf dem Campus alles dreht. Hinzu kommt jede Menge anderer: Automatisierung, Vernetzung von Objekten und Systemen, datengestützte Prozessanalysen und -optimierungen, Industrie 4.0 — die vierte industrielle Revolution . . . Manchen Zuhörern klingt es in den Ohren.

Die Partner: Das US-Technologieunternehmen PTC nutzt das Cluster seit Jahren fast jede Woche, um seinen Kunden neue Software-Produkte besser präsentieren und erklären zu können.

Die Stolberger Firma Prym, eines der ältesten familiengeführten Unternehmen Deutschlands, macht mit Hilfe des FIR seine weltweit eingesetzten Stanzmaschinen für Druckknöpfe internetfähig. Eine rein mechanische Maschine, die Druckknöpfe in Babystrampler einnietet, wird zu einer „vernetzten und datengenerierten Maschine“. Wenn früher ein Fehler auftrat, lief die Herstellung weiter, bis er erkannt wurde; beschädigte Teile mussten kosten- und zeitaufwendig nachgearbeitet oder aussortiert werden. „Künftig lassen sich Schwachstellen und Störungen schneller erkennen und beheben“, sagt Norbert Hempsch, Geschäftsführer der Prym Fashion GmbH, unserer Zeitung.

Die Erfahrung: „Wir haben weltweit 1900 dieser Stanzmaschinen im Einsatz“, berichtet Hempsch. In Zukunft könnten sie alle online überwacht werden. „Wir haben hier am Cluster klein und unkompliziert angefangen, haben eine unserer Maschinen hier ins FIR gestellt. Und dann wurde mit Hilfe der Wissenschaftler alles Mögliche ausprobiert. Also: einfach anfangen, ohne das Ergebnis zu kennen.“

Tim Hammer, Geschäftsführer der Aachener Spedition Hammer mit 700 Mitarbeitern, arbeitet seit 15 Jahren mit dem FIR zusammen und betrachtet es als sein Labor. Traditionelle Betriebe würden von Branchenfremden herausgefordert. „Uber stellt die Taxibranche auf den Kopf, weil sie Daten besitzen. Und Amazon fordert die klassischen Speditionen heraus. Darauf müssen wir reagieren.“

Die Warnung: Michael Mielke ist Professor für Informatik und Elektrotechnik und kümmert sich bei der Deutschen Bahn (DB) um Unternehmenssteuerung und Informationsmanagement. Er warnt vor einem stupiden Kopieren von US-Konzernen wie Google und Facebook. Was im Silicon Valley große Internetfirmen mit wenigen Mitarbeitern machen, tauge für deutsche Verhältnisse nicht. „Bei physischen Produkten scheitert deren Modell“, sagt Mielke den Gästen im FIR und ergänzt gegenüber unserer Zeitung: „Züge und Schienen können wir nicht digitalisieren. Technologiekonzerne bieten nichts, wovon wir satt werden.“

Mielke vermisst in Deutschland eine gesellschaftliche Diskussion darüber, „was Digitalisierung mit uns macht“. Hierzulande sei die Wirtschaft auf Wachstum, Wohlstand und Konsum ausgerichtet. „Wir reden ständig über Industrie 4.0, aber nicht über Gesellschaft 4.0.“ Unternehmen wie Amazon, Facebook und Google verdienten ihr Geld mit Daten, „die wir ihnen freiwillig und auch noch ganz kostenlos zur Verfügung stellen. Wenn wir ihnen die nicht mehr liefern, würden deren Börsenkurse ganz schnell und sehr tief abstürzen.“

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