Aachen: Chefin in Teilzeit? Kein Widerspruch

Aachen: Chefin in Teilzeit? Kein Widerspruch

Telefone klingeln um die Wette, freundliche Stimmen vermischen sich zu lautem Gewirr. Im Call Center des Aachener Dienstleisters Becker & Partner gibt es viel zu tun. Den Überblick behält Silke Bergs, Chefin der Abteilung, in der 65 Personen arbeiten. Die 40-Jährige ist eine der wenigen Führungskräfte in Deutschland, die ihren Job in Teilzeit ausüben.

Das macht sie zur Exotin. Und Pionierin ist Silke Bergs auch: Als die Prokuristin sich nach der Geburt ihres Sohnes vor zehn Jahren mit ihrem Arbeitgeber auf eine 32-Stunden-Woche einigte, war ein solches Modell in der Arbeitswelt noch kaum zu finden.

Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln arbeiten derzeit acht Prozent der Führungskräfte in Deutschland in Teilzeit. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Soziologie (WZB) kommt bei einer Untersuchung aus dem Frühjahr dieses Jahres sogar auf eine noch niedrigere Quote: Demnach reduzieren gerade einmal fünf Prozent der deutschen Chefs und Chefinnen ihre Arbeitszeit. Wenig überraschend: Teilzeit ist laut WZB-Studie auch in den oberen Etagen Frauensache. Während 14,6 Prozent der Chefinnen höchstens 30 Stunden die Woche arbeiten, sind es bei den Chefs gerade einmal 1,2 Prozent. Hauptgrund für Teilzeit sind Kinder.

Für Silke Bergs stand schon vor der Geburt ihres Sohnes Timo fest, dass sie nach dem Mutterschutz wieder arbeiten wollte. Aber auch, dass es Teilzeit sein sollte, war für sie klar. „Wenn das nicht möglich gewesen wäre, wäre ich lieber zu Hause geblieben. Unseren Sohn rundum fremd betreuen lassen, das wollten wir nicht.“ Ihr Mann, der ebenfalls bei Becker & Partner arbeitet, hat seine Stunden nach Timos Geburt ebenfalls reduziert. Auch die Großeltern geben Rückhalt. „Das hilft natürlich, um die Balance zwischen Arbeit und Familie hinzubekommen.“ In der Regel sei es auch kein Problem, Absprachen im Unternehmen zu treffen, wenn es um ihren Sohn gehe. „Das gilt auch für andere Eltern im Unternehmen. Unsere drei Geschäftsführer sind selbst Väter und legen Wert auf Familienfreundlichkeit.“

Reinhard C. Runte ist Geschäftsführer bei Saint-Gobain Glass Deutschland in Aachen. Er hat gute Erfahrungen mit Führungskräften in Teilzeit gemacht. „Das schließt sich nicht grundsätzlich aus“, sagt er und nennt drei aktuelle Beispiele in seinem Unternehmen. In einer Abteilung teilen sich eine Kollegin und ein Kollege die Leitung — das sogenannte Jobsharing. Ein anderer Kollege hat seine Arbeitszeit auf 70 Prozent reduziert, um seine Eltern zu pflegen. Wieder ein anderer arbeitet 60 Prozent, um mehr Zeit für politisches Engagement zu haben. Teilzeitarbeit in Chefetagen wird nach Runtes Meinung zunehmen. „Als Unternehmen muss man sich alternativen Arbeitszeitmodellen öffnen. Wegen des demografischen Wandels wird es anders gar nicht mehr möglich sein, Fachkräfte zu gewinnen.“

Die IW-Studie gibt Reinhard C. Runte recht. Auch Riesenkonzerne wie Telekom, Allianz und Bosch haben in den vergangenen Jahren begonnen, Führungskräfte in Teilzeit zu beschäftigen. Laut WZB kommt Teilzeitarbeit auf den Führungsebenen größerer Unternehmen mit 50 und mehr Beschäftigten allerdings besonders selten vor. Warum Deutschland sich mit reduzierter Arbeitszeit bei Führungskräften so schwer tut, erklären die Forscher mit „einer vorherrschenden Präsenzkultur“. „Nicht die ständige Präsenz vor Ort, sondern die Qualität von Arbeitsergebnissen sollte das Kriterium für eine Beförderung sein — ein Kriterium, dessen sich Beschäftigte jedoch bewusst sein müssen“, schreiben die Autoren der WZB-Studie. Damit Chef und Chefin nicht ständig anwesend sein müssen, plädieren die Forscher für mehr Dezentralisierung und klare Organisationsabläufe.

Silke Bergs merkt man an, wie glücklich sie damit ist, Beruf und Familie auch in ihrer Position miteinander vereinbaren zu können. „Natürlich motiviert mich das. Jeder geht lieber zur Arbeit, wenn er zufrieden ist.“ Zu sagen, dass der Job als Teilzeit-Chefin reines Vergnügen sei, so weit geht sie aber nicht. „Man muss sehr an sich arbeiten, für sich, die Familie und die Mitarbeiter eine klare Struktur schaffen und sich sehr gut organisieren.“ Gerade in der ersten Zeit mit ihrem neuen Job-Modell habe sie sich oft schwer getan. „ Wichtig ist, darauf zu vertrauen, dass in der Abwesenheit auch alles so läuft, wie es abgesprochen wurde.“

Oft habe sie in den ersten Jahren ein schlechtes Gewissen gequält. „Es ist einfach verführerisch, außerhalb des Büros trotzdem noch ständig E-Mails und SMS zu lesen.“ Dem nachzugeben habe aber wiederum zu Gewissensbissen ihrem Sohn gegenüber geführt. „Man muss sich ganz klar dazu erziehen abzuschalten, weil man sonst weder der Familie noch dem Job gerecht wird.“ Erzogen oder vielmehr überzeugt hat Silke Bergs inzwischen auch die Zweifler. Mitarbeiter, Kollegen und Kunden wissen, wann und wo sie sie erreichen können. Wenn es brennen sollte, ist so ohnehin zur Stelle.