Carsharing treibt E-Mobilität

Claire Chadenas von Cambio Aachen im Interview : „Carsharing ist ein Treiber der E-Mobilität“

Nach einer neuen Studie ist Carsharing nur für wenige Menschen eine Alternative zum eigenen Auto. Im Interview mit Claire Chadenas, Prokuristin von Cambio Aachen, geht Christoph Pauli der Frage nach, ob das auch die lokalen Anbieter so sehen.

Im besten Fall bedeutet Carsharing „Klimaschutz durch Autofahren“, weil sich viele Privatleute ein Fahrzeug teilen, auf das sie immer nur bei Bedarf zurückgreifen. Das ist das schöne Bild. Vor ein paar Tagen hat die Unternehmensberatung A.T. Kearney die Carsharing-Branche analysiert. Die Studie ist überschrieben „Entmythisierung des Carsharings“. Ist das Geschäftsmodell also gescheitert? Eine gute Gesprächspartnerin ist Claire Chadenas, Prokuristin von Cambio Aachen. In Aachen und Bremen gab es schon vor fast 30 Jahren Autos, die geteilt wurden. Im Jahr 2000 schlossen sich die Unternehmen aus Aachen, Bremen und Köln dann zur Cambio-Gruppe zusammen, die in Deutschland und Belgien CarSharing anbietet.

Laut der Studie ist Carsharing nur für fünf Prozent der Deutschen eine potenzielle Alternative zum eigenen Auto. Das klingt nicht nach einem Durchbruch.

Chadenas: Vorab: Die erwähnte Studie bildet den Carsharing-Markt nur sehr unvollständig ab. Sie untersucht ausschließlich die konzernbetriebenen Free-floating-Angebote, die es erst seit einem paar Jahren auf dem Markt gibt. Die Idee dahinter ist, dass man Autos überall innerhalb eines Geschäftsgebiet mieten und abstellen kann. Für die stationsbasierten Angebote gilt das Fazit der Studie auf keinen Fall. Um die Frage zu beantworten: Anfang 2019 waren rund 47 Millionen Pkw auf deutschen Straßen unterwegs. Könnte man diese Zahl alleine durch Carsharing um über zwei Millionen Autos reduzieren, wäre das ein großartiger Erfolg.

Laut Expertise können die Mietwagen diese maximal zwei Millionen private Autos nur ersetzen, wenn alle potenziellen Kunden von ihrem eigenen Wagen komplett auf Sharing-Dienste umsteigen würden. Das ist also allenfalls ein theoretischer Wert, weil die Deutschen ihr eigenes, permanent verfügbares Auto besonders schätzen. Bleibt Carsharing also nur eine Nischen-Option?

Chadenas: Wir denken, dass das Potenzial der Verkehrsentlastung um einiges höher ist, als in der Studie prognostiziert. Aachen ist zum Beispiel keine der Großstädte, in denen die Konzerne mit ihren Free-floating-Angeboten aktiv sind. Hier ist unser Angebot schon lange verfügbar und gut ausgebaut. Schon heute nutzen bereits rund fünf Prozent der Aachener unser stationsbasiertes Carsharing-Angebot. Auch bundesweit steigt die Zahl der Kunden immer weiter. Carsharing ist längst aus der Nische herausgewachsen. Es sollte im Sinne der Verkehrswende auch immer mit anderen Verkehrsangeboten zusammen gedacht werden. Gemeinsam mit dem öffentlichen Nahverkehr und dem Fahrrad sind wir Teil des Verkehrsangebotes, das je nach Bedarf eingesetzt, eine wirklich Alternative zum eigenen Auto sein kann.

Nur in ganz wenigen großen Städten wie Berlin, Hamburg und München sei das Carsharing profitabel, weil die erforderlichen Mindestnutzerzahlen erreicht werden, so sehen es die Studienmacher und sprechen von „rasierklingendünnen Margen“. Hat dieses Geschäftsmodell eine Zukunft?

Chadenas: Definitiv. Wir betreiben das Geschäft seit Anfang der 1990er Jahre und haben es nach und nach in weitere Städte und nach Belgien gebracht. Wir hatten von Anfang an ein ständiges Wachstum und rechnen damit, dass es so weitergeht. Das stationsbasierte Carsharing funktioniert nicht nur in Metropolen. Im Gegenteil: Wir glauben sogar daran, dass es auch in ländlicheren Gebieten funktionieren kann, auch wenn wir heute noch nicht soweit sind.

In Deutschland gibt es das Free-floating-System nur in sieben Großstädten. Warum präferieren Anbieter wie Cambio den stationsbasierten Ansatz?

Chadenas: Seit bald 30 Jahren in Aachen verfolgen wir das Ziel, die Straßen von unnötigem Blech zu befreien und die Städte lebenswerter zu machen. Unser System bietet die beste Möglichkeit, ohne ein eigenes Auto mobil zu sein. Das Carsharing-Auto steht verlässlich auf einem Parkplatz in der Nachbarschaft. Mit dem System können wir die Fahrtkosten niedrig halten, da keine komplizierte Logistik im Hintergrund benötigt wird, um die Fahrzeuge zu stellen. Zudem möchten wir unser Angebot nicht nur in Ballungszentren vorhalten.

Die Zuwachsraten der Nutzer beim losgelösten Modell sind wesentlich höher. Ist solche „Bequemlichkeitsmobilität“ als Ersatz für Fahrrad, den öffentlichen Verkehr und das Taxi also attraktiver?

Chadenas: Dass die Free-floating-Anbieter solche Zuwachsraten verzeichnen, hat auch mit dem großen Werbeaufwand und den niedrigen Eintrittsbarrieren der Anbieter zu tun. Wenn die Fahrzeuge an Punkt A aufgenommen und an Punkt B abgestellt werden können, nimmt man vielleicht aus Bequemlichkeit eher das Auto. Unsere Kunden buchen die Fahrzeuge nur dann, wenn sie wirklich ein Auto benötigen. Das kann der Kleinwagen sein, oder der Transporter für die Fahrt zum Baumarkt.

Wie nutzen die Kunden Ihr Angebot?

Chadenas: Wir halten die Fahrten unserer Kunden natürlich nicht nach. Für die Abrechnung sind lediglich die gefahrenen Kilometer und die Dauer ausschlaggebend. Unsere Kunden machen sowohl kurze Stadtfahrten, als auch Fahrten zu Geschäftsterminen in andere Städte. Es gibt auch Kunden, die mit den Fahrzeugen in die Ferien fahren und uns dann einen Urlaubsgruß mit einem Foto schicken. Oft können unsere Kunden auch mit dem Zug reisen und in anderen Städten dann ebenfalls Cambio-Autos nutzen.

Gibt es Analysen, ob sich die Nutzer der unterschiedlichen Angebote tatsächlich dauerhaft vom eigenen Auto trennen?

Chadenas: Es gibt eine aktuelle, von der EU geförderte Stars-Studie, die die Entlastungsleistung der verschiedenen Angebote untersucht. Das Fazit ist, dass sich am ehesten Nutzer von stationsbasierten Angeboten von ihrem eigenen Pkw trennen. Bei Nutzern von Free-floating-Angeboten wurde der eigene Wagen entweder nur kurzfristig abgeschafft oder überhaupt nicht.

Sie sind mit Cambio in 25 deutschen und in 49 belgischen Städten vertreten, gibt es eine unterschiedliche Nutzerstruktur in den Ländern?

Chadenas: Nein, das ist durchaus vergleichbar. Wir beobachten zudem, dass auch immer mehr Unternehmen und Verwaltungen Carsharing entdecken und so ihren eigenen Fuhrpark reduzieren.

Wird Carsharing verstärkt auf E-Mobilität setzen?

Chadenas: Carsharing ist ein großer Treiber der E-Mobilität. Die Flotten der Anbieter haben schon längst einen deutlich höheren E-Mobil-Anteil als im deutschlandweiten Schnitt. In Aachen ist heute etwa zehn Prozent der Flotte elektrisch mit Ökostrom unterwegs. Perspektivisch ist die Wahl des Antriebs und der Fahrzeuggröße natürlich eine essentielle Frage. Viel wichtiger ist jedoch, dass wir mehr auf geteilte Angebote setzen. Am Markt wird sich ein Mix aus Fahrrad, Carsharing, Fahrdiensten und ÖPNV durchsetzen. So können die Menschen flexibel und umweltfreundlich unterwegs sein, und dabei alle Vorteile des jeweiligen Verkehrsmittels nutzen – auch ohne eigenes Auto.

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