1. Wirtschaft

Düsseldorf: Boxclever und die Folgen: Ex-WestLB-Chef Sengera droht Anklagebank

Düsseldorf : Boxclever und die Folgen: Ex-WestLB-Chef Sengera droht Anklagebank

Als die Internet-Blase anschwoll und Investoren noch im siebten Himmel schwebten, ließ sich WestLB- Vorstand Jürgen Sengera von einer eher klassischen Geschäftsidee begeistern. Nicht Suchmaschinen für das weltweite Netz, sondern die Vermietung konventioneller Elektrogeräte wie Fernseher, war für den Spitzenbanker das Geschäft der Zukunft.

Acht Jahre später droht Sengera jetzt ein Strafprozess wegen des Verdachts der schweren Untreue.

Die Fusion zweier britischer Verleiher zum Unternehmen Boxclever finanzierte das damals noch Westdeutsche Landesbank heißende fünftgrößte deutsche Geldinstitut 1999 mit der enormen Summe von 1,35 Milliarden Euro. 427 Millionen Euro hat das Engagement in Großbritannien die Bank gekostet, hat die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft errechnet, die am Montag nach fast vierjährigen Ermittlungen Anklage gegen Sengera erhob.

Weil der Manager vorsätzlich die Sorgfaltspflichten eines Bankkaufmanns verletzt haben soll, werfen ihm die Ankläger schwere Untreue vor. So habe der heute 64-Jährige es schlicht unterlassen, die Leistungsfähigkeit Boxclevers zu überprüfen, wie es nicht nur die Vorgaben, sondern auch das Zentrale Kreditmanagement der Bank gefordert hätten. Was Sengera bewog, der Londoner Investmentbankerin Robin Saunders von der WestLB-Tochter „Principle Finance” anscheinend blind zu vertrauen, ist für die Ermittler ein Rätsel. Um persönliche Bereicherung ging es jedenfalls nicht, davon sind auch die Ankläger überzeugt.

Der Chef des Vorstands war damals noch Friedel Neuber, die graue Eminenz in der nordrhein-westfälischen Industriepolitik. Das Boxclever später zum Synonym für das größte Kredit-Desaster der Bank wurde, stellte sich erst Jahre später heraus. Bevor der ehemalige Handball-National-Torwart abstürzte, fiel er erst einmal die Karriereleiter hinauf. 2001 beerbte Sengera den „roten” Banker Neuber und wurde Chef des Geldhauses, das nun schnell das Image der politikverflochtenen Staatsbank abstreifen wollte.

Doch 2003 wurde der Bankchef von der vier Jahre alten Kreditvergabe eingeholt. In die ohnehin wirtschaftlich angespannte Lage platzte die Nachricht, dass Boxclever seinen Kredit nicht mehr zurückzahlen konnte. Das Darlehen wurde ein Fall für die deutsche Bankenaufsicht, die nun untersuchte, wie sich die Düsseldorfer Banker derart verkalkulieren konnten. Der Bericht der Bonner BaFin war für Sengera mehr als eine schallende Ohrfeige, er besiegelte seinen Rücktritt.

„Zweifel an der fachlichen Eignung und Zuverlässigkeit der zuständigen Vorstandsmitglieder” hatte die Aufsichtsbehörde geäußert - zuständig war Sengera als Vorstand für Spezialfinanzierungen. Die Risikokontrolle sei unzureichend gewesen und habe wegen organisatorischer Defizite nicht gegriffen. Zudem sei der Kreditausschuss in wesentlichen Teilen über das Boxclever-Geschäft vom Vorstand unzutreffend informiert worden. Am 23. Juni 2003 trat Sengera zurück. Die Bankenaufseher schalteten die Staatsanwaltschaft ein.

Auch gegen die einstige Star-Bankerin Robin Saunders wurde ermittelt - wegen Beihilfe zur Untreue. Saunders erklärte sich inzwischen zur Zahlung von einer Million Euro bereit, im Gegenzug wurde das Verfahren nun vorläufig eingestellt. Die WestLB hatte in den Jahren 2002 und 2003 insgesamt rund 3,6 Milliarden Euro Verlust verbuchen müssen und war in bedrohliche Schieflage geraten.

Sengeras Verteidiger Christian Richter warf den Anklägern vor, aus einem wirtschaftlichen Misserfolg „einen strafrechtlichen Vorgang zu konstruieren”. Der Tatbestand der Untreue setze den Vorsatz voraus, doch daran fehle es. Der Vorstand habe dem Kredit einstimmig zugestimmt.

Die Kriminalisierung dieser Entscheidung sei zum Scheitern verurteilt. „Ich sehe dem Verfahren gelassen entgegen”, erklärte der Kölner Anwalt. Sollte Sengera tatsächlich vor Gericht müssen, kann er sich bei Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann über dessen Erfahrungen austauschen. Die Richterin heißt wie beim ersten Mannesmann-Prozess Brigitte Koppenhöfer.