1. Wirtschaft

Aachen: „Betriebliche Familienpolitik ist keine reine Menschenliebe“

Aachen : „Betriebliche Familienpolitik ist keine reine Menschenliebe“

Die Balance zwischen Beruf und Familie zu halten, gerät in Deutschland oft zum Drahtseilakt. Die Folge: Vor allem Frauen müssen beruflich wesentlich kürzer treten. Was lange Zeit als persönliches Problem der betroffenen Familien galt, rückt in Zeiten von Fachkräftemangel und Geburtenrückgang stärker in den gesellschaftlichen Fokus. Die Soziologin Irene Gerlach erklärt im Interview, welche Vorteile die Vereinbarkeit von Beruf und Familie allen Beteiligten bringt.

„Es gibt noch ein paar Bereiche oder Branchen, die meinen, sie seien personell so gut aufgestellt, dass sie sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Aber das ist eine extreme Minderheit“, sagt Irene Gerlach vom Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik in Münster. Christina Merkelbach hat mit der Soziologin gesprochen.

Familienbewusste Personalpolitik — das klingt gut. Was verstehen Sie darunter?

Gerlach: Ich denke, der wichtigste Aspekt ist, dass diese Personalpolitik die Mitarbeitenden ganzheitlich betrachtet. Also sowohl als Frauen und Männer mit Aufgaben in der Familie als auch als Mitarbeitende des Unternehmens. Man nimmt Rücksicht auf die zentralen Fragen der Vereinbarkeit beider Aufgabenbereiche.

In Deutschland hapert es nach wie vor oft an Möglichkeiten zur Vereinbarkeit. Sehen Sie einen direkten Zusammenhang mit dem Geburtenrückgang?

Gerlach: So einfach ist das nicht. Denn Fertilitätsentscheidungen sind sehr differenziert zu betrachten. Viele Dinge spielen dabei eine Rolle. Aber man weiß aus dem internationalen Vergleich, dass da, wo für Frauen Beruf und Familie vereinbar sind, die Geburtenrate deutlich höher ist als bei uns. Ein wichtiger Schritt waren sicherlich die Elternzeit und auch das Familienpflegegesetz. Was allerdings noch weiter entwickelt werden müsste. Man muss aber auch sagen: Die Elternzeit gibt es seit 2007. Dieser winzige Zeitausschnitt bis heute ist keiner, den man wirklich zur Analyse hernehmen kann. Außerdem schrumpfen schon seit einigen Jahren die Jahrgänge der potenziellen Mütter von Jahr zu Jahr.

Welche europäischen Länder haben gute Ansätze zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Gerlach: Die Skandinavier beispielsweise haben im Unterschied zu uns schon sehr früh angefangen, Familienaufgaben zu sozialisieren. Das heißt, sie haben diese Aufgaben in den öffentlichen Bereich übernommen und eine zuverlässige Infrastruktur zur Kinderbetreuung aufgebaut. Das gilt auch für die Nachmittage, an denen es zahlreiche Angebote auf kommunaler Ebene gibt. Beim europä-ischen Vergleich muss man aber natürlich immer im Blick behalten, von welchen Arbeitszeiten man spricht. In Frankreich etwa gibt es derzeit noch eine wesentlich geringere Wochenarbeitszeit. Ich will nicht sagen, dass das vorbildlich ist, sondern darauf hinweisen, dass Vergleiche nur bedingt aussagekräftig sind. Denn gerade die Franzosen haben ja auch massive Probleme. Ihr Staat hat ein Ausgangsniveau geschaffen, das voraussetzt, dass der Markt richtig brummt.

Wie kommt das Thema bei den Arbeitgebern an?

Gerlach: Es hat einen erheblichen Wandel gegeben. Man kann sagen, dass es inzwischen fast überall angekommen ist. Es gibt noch ein paar Bereiche oder Branchen, die meinen, sie seien personell so gut aufgestellt, dass sie sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Aber das ist eine extreme Minderheit. Ich würde sagen, dass sich in den vergangenen fünf bis acht Jahren enorm viel im Bewusstsein der Arbeitgeber getan hat. Vor allem vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Folgen.

Das Stichwort ist also der viel zitierte Fachkräftemangel?

Gerlach: Momentan sicherlich. Aber schon in einigen Jahren wird es auch darum gehen, Arbeitsplätze allgemein zu besetzen und nicht nur solche für Spezialisten.

Welche Befürchtungen und Vorurteile haben Arbeitgeber gegenüber familienfreundlicher Personalpolitik?

Gerlach: Eine Zeit lang sorgte die Aussicht für Unruhe, dass Väter Elternzeit nehmen können. Aber ich denke, das ist inzwischen überwunden. Als mit der Elternzeit die Partnermonate eingeführt wurden, haben mir einige Unternehmer gesagt: „Es soll sich mal ein Vater wagen, damit zu mir zu kommen.“ Das habe ich aber länger nicht mehr gehört. Die Väter gehen ja inzwischen mit einem anderen Selbstbewusstsein an die Sache heran. Man gewöhnt sich daran. Immer mehr junge Väter nehmen mindestens die zwei Monate.

Gibt es noch andere Befürchtungen, die immer wieder geäußert werden?

Gerlach: Viele fürchten hohe Kosten. Das ist aber eine Fehleinschätzung. Mit einem Betriebskindergarten beispielsweise kann man sowohl Steuern als auch Sozialversicherung sparen.

Hat die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zwangsläufig etwas mit Teilzeitarbeit zu tun?

Gerlach: Das kann ich ganz konsequent verneinen. Es ist nämlich genau das, was nicht für Vereinbarkeit spricht. Vereinbarkeit heißt, dass sich konkurrierende Zeitbedürfnisse aus dem Beruf und aus dem Familienleben miteinander vereinbaren lassen. Also muss man beides gleichermaßen realisieren können. Wenn ich den Zeitbedarf für die Arbeit extrem kürze, also Teilzeit oder gar geringfügig beschäftigt arbeite, dann vereinbare ich eben nicht. Leider ist Teilzeitarbeit bisher die Lösung der meisten Menschen gewesen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Insbesondere Frauen setzen darauf.

Also geht es eher darum, aus einem starren Arbeitszeitmodell wie dem klassischen Bürojob von 9 bis 17 Uhr auszubrechen?

Gerlach: Das ist eine Möglichkeit. Dabei geht es darum, durch Home Office oder flexible Zeitregelungen Spielräume zu schaffen. Und wenn man den Weg über Zeitreduzierung doch geht, bieten sich vollzeitnahe Arbeitsverhältnisse an. Und zwar für Väter und Mütter. Ich glaube allerdings, dass darüber noch ein Teil der Väter nachdenken muss.

Wie soll ich mich als Mitarbeiter verhalten, um bei meinem Arbeitgeber für mehr Vereinbarkeit zu werben?

Gerlach: Nach unseren Erfahrungen ist es jedenfalls nicht nötig, dass man brachial vorgeht. In der Geschichte der betrieblichen Familienpolitik war es oft die Unternehmensleitung selbst, von der Impulse ausgegangen sind. In großen Unternehmen spielen auch Gleichstellungsbeauftragte eine wesentliche Rolle. Betriebliche Familienpolitik ist keine reine Menschenliebe. Die Unternehmen haben ja auch einiges davon. Die Leute bleiben, sie sind motivierter und dem Unternehmen stärker verbunden, wenn sie als Person in ihrer ganzen Breite der Aufgaben wahrgenommen werden. Das Miteinander und der Dialog sind das Wichtigste. Wir können nur davon abraten, eine maßgeschneiderte Lösung für alle Fälle zu finden.

Warum?

Gerlach: Dann passiert es zum Beispiel, dass man Geld in Maßnahmen investiert, die gar nicht nachgefragt werden. Es muss individuell geschaut werden, wie die Problemlage ist und gemeinsam nach Lösungen gesucht werden. Vereinbarkeit ist das Schlüsselwort. Und an einer zufriedenstellenden Vereinbarkeitsstruktur müssen mehrere Partner arbeiten. Das können nicht nur die Unternehmen alleine.