Aachen: Berthold Leibinger: „Ja, der Maschinenbau ist eine Kunst“

Aachen: Berthold Leibinger: „Ja, der Maschinenbau ist eine Kunst“

Sein Name hat unter Maschinenbauern seit Jahrzehnten einen exzellenten Klang. Nicht, weil Professor Berthold Leibinger sich der Internationalen Bachakademie und anderen schönen Künsten verschrieben hat.

Nein, der Schwabe hat den Maschinen- und Anlagenbauer Trumpf an die Weltspitze geführt. 2014 zählt die Trumpf-Gruppe aus Ditzingen 9900 Mitarbeiter weltweit, die Lasertechnik des Hauses setzt weltweit Maßstäbe. Es gibt Produktionsstandorte in Deutschland, China, Frankreich, Großbritannien, Japan, Mexiko, Österreich, Polen, Singapur, Tschechien, in der Schweiz und den USA. Im Geschäftsjahr 2012/2013 lag der Umsatz bei 2,35 Milliarden Euro. Das sind Fakten, die beeindrucken und durchaus auf das Wirken von Leibinger zurückzuführen sind. Gestern Abend wurde er für dieses Lebenswerk ausgezeichnet — mit dem Aachener Ingenieurpreis, der das erste Mal überhaupt verliehen wurde.

Was bedeutet es Ihnen, Herr Professor Leibinger, mit dem ersten Aachener Ingenieurpreis ausgezeichnet zu werden — und das für Ihr Lebenswerk?

Leibinger: Das ist eine große Anerkennung. Die RWTH ist wohl die angesehenste Technische Hochschule in Deutschland. Und dass angesichts der großen Zahl ehemaliger Aachener Absolventen, die es als Ingenieure zu etwas gebracht haben, ausgerechnet ein Schwabe, der in Stuttgart studiert hat, ausgezeichnet wird, empfinde ich als besondere Ehre.

Ihr Vater war Kunsthändler, Sie selbst sind früh einen anderen Weg gegangen. Was hat Sie bewegt, eine Mechanikerlehre zu beginnen und sich dem Maschinenbau zu verschreiben?

Leibinger: Ich war 14 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Der Kunsthandel mit Ostasiatika war ohne Aussicht, und er hatte schon im Dritten Reich kein hohes Ansehen gehabt. Ich wollte etwas machen, dass Zukunft hat und in diesem Land gebraucht wird. Und die zweite Neigung in meiner Familie war da die Technik. Mein Großvater hatte eine Fabrikation für chirurgische Instrumente aufgebaut, mein Vater hat nach dem Krieg einen Vertrieb dafür aufgezogen. Dass ich also diesen Weg eingeschlagen habe, ist keine so große Überraschung. Und da zunächst nicht klar war, ob Deutschland so schnell Universitätsabsolventen brauchen würde, bin ich erst einmal in die Lehre gegangen — und dann an die Universität gewechselt.

Sie lieben Bach und Schiller, so ist es zu lesen. Ist Maschinenbau auch eine Kunst?

Leibinger: Ja, der Maschinenbau ist eine Kunst. Ich bin davon überzeugt, dass der Ingenieurberuf ein kreativer Beruf ist. Ingenieure sind besonders erfolgreich, wenn sie schöpferisches Tun realisieren. Dafür brauchen sie Innovationskraft und Kreativität. Und es gehört Neugier dazu — und die nicht nur für das eigene Fachgebiet. Deswegen habe ich mich immer schon für Musik und insbesondere Literatur interessiert und mich für sie engagiert. Ich empfinde das als Stimulation, von der ich immer profitiert habe.

Wie haben sich die Anforderungen an den Maschinenbau entwickelt?

Leibinger: Das kann ich an einem einfachen Beispiel aufzeigen: Nachdem ich aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt bin, das war in den 1960ern, hatten wir im Maschinenbau bis zu zwei Jahren Lieferzeit für eine normale Standardmaschine. Heute können wir nur erfolgreich sein, wenn die Lieferzeit nicht länger als zwei, drei Monate beträgt. Der Weltmarkt ist für den Kunden ganz transparent geworden. Jeder Kunde kennt das Angebot in der Welt, in den USA wie auch in Japan, und irgendein Maschinenbauer kann immer rasch liefern. Auch die technischen Standards haben sich angeglichen, die Leistungsfähigkeit des japanischen Maschinenbaus ist längst auf unserem Niveau angekommen, der chinesische Maschinenbau ist auf dem Weg dahin.

Was sind die zentralen Herausforderungen, vor denen Unternehmen wie Trumpf stehen?

Leibinger: Für uns ist unverändert der technische Vorsprung entscheidend. Deutschland ist ein teurer Produktionsstandort. Wir müssen also alle Möglichkeiten nutzen, um unseren technischen Vorsprung zu halten. Unsere Entwicklungen müssen dafür wissenschaftsgetrieben sein. Trumpf ist das größte deutsche Werkzeugmaschinenbauunternehmen und liegt weltweit mit einem japanischen Konkurrenten an der Spitze. Dafür haben wir immer eng mit der Wissenschaft zusammengewirkt. Seit 1979 stellen wir Lasermaschinen her, dafür müssen wir einen wissenschaftlichen Hintergrund haben.

Stimmen in Deutschland die Voraussetzungen, um auch im internationalen Wettbewerb zu bestehen?

Leibinger: Viele Voraussetzungen stimmen. Wir haben in Deutschland unsere weltweit einzigartige duale Ausbildungsstruktur. Wir haben eine sehr gute wissenschaftliche Ausbildung an den Technischen Universitäten. Und wir haben eine herausragende industrielle Infrastruktur. Wir brauchen als Maschinenbauer hochwertige Zulieferer — etwa für Quarzrohre, Optik und Ventile. Wir können jedes technische Produkt, das wir brauchen, in kurzer Zeit von unseren vor allem mittelständischen Partnern beschaffen. Wichtig ist auch, dass in Deutschland die Sozialpartnerschaft funktioniert. Das Verhältnis zu den Gewerkschaften mag naturgemäß von unterschiedlichen Meinungen geprägt sein, aber mit der sozialen Marktwirtschaft haben wir ein gutes Gefüge, mit dem wir Vorteile gegenüber anderen haben — auch Europäern und den USA.

Es ist also alles gut?

Leibinger: Sorgen macht mir allein die politische Richtung in Berlin, die wir gerade mit einigen Wahlgeschenken wie der Rente mit 63, der Mütterrente und dem Mindestlohn erleben. Nachdem uns die Agenda 2010 nach vorne gebracht hat, mache ich mir nun Sorgen und hoffe, dass man sich in Berlin wieder besinnt.

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