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AM-Chef Kalka: Lebensversicherung bleibt der Klassiker

AM-Chef Kalka: Lebensversicherung bleibt der Klassiker

Schwache Kapitalmärkte, unsichere Versicherer. Nachdem bereits im vergangenen Jahr die Überschussbeteiligung der 123 deutschen Lebensversicherer im Durchschnitt um rund einen Prozentpunkt gekürzt worden war, hat der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft für 2003 eine Senkung um einen weiteren Punkt angedeutet.

Laut Verbandspräsident Bernd Michaels haben die meisten Versicherer damit bei der Rendite „immer noch eine Fünf vor dem Komma”. Allerdings rechnen Experten damit, dass einige kleinere Versicherungen nur den Garantiezins zahlen. AZ-Redakteur Josef Schaffrath sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden der Aachener und Münchener Versicherungen, Dr. Michael Kalka.

Die Lebensversicherung ist ins Gerede gekommen: Nach der Angst um den Arbeitsplatz nun auch große Sorge um die Absicherung des Lebensabends. Inwieweit sind die Befürchtungen gerechtfertigt?

Kalka: Die Sorgen der Menschen werden ausgelöst durch Rekordpleiten, Bilanzfälschungen großen Stils in den USA und die Talfahrt an den Börsen. Da ist manches aus den Fugen geraten und der erhoffte Wirtschaftsaufschwung ist leider nicht in Sicht. Die Befürchtungen um die finanzielle Absicherung des Alters sind dann gerechtfertigt, wenn diese private Vorsorge auf Aktiengeschäften oder andere anfällige Geldanlage-Modelle aufgebaut sein sollten.

Die Lebensversicherungen sind zwar auch und von Gesellschaft zu Gesellschaft sehr unterschiedlich von den Turbulenzen an den Aktienmärkten berührt, aber sie sind in einer ganz anderen und für die Kunden günstigeren Position. Sie werden ihre Verpflichtungen aus den Verträgen erfüllen.

Das heißt, die vertraglich vereinbarte Versicherungsleistung und der Garantiezins werden auch in wirtschaftlich angespannten Zeiten gezahlt. Dies leistet kein anderes Vorsorgeprodukt außer der Lebensversicherung und zwar in der Regel über eine lange Laufzeit hinweg. Und die Höhe der Überschussbeteiligung, die darüber hinaus geleistet wird, richtet sich nach der Leistungsstärke des jeweiligen Unternehmens.

Und da kann ich nur sagen, der Großteil der Branche und insbesondere die AM-Versicherungen waren die ganzen Jahre über deutlich besser als das jeweils aktuelle Zinsniveau. Dies wird auch so bleiben. Und ein weiterer entscheidender Vorzug kommt hinzu: Die Erträge aus der Lebensversicherung sind steuerfrei, wenn Mindestanforderungen erfüllt werden.

Verpflichtung aus den Verträgen heißt: Garantiezins von 3,25 Prozent. Gelockt wurde aber vor allem mit hohen Überschussbeteiligungen und Verzinsungen um sieben Prozent. Was ist konkret in diesem Jahr zu erwarten -Êund was macht die AM?

Kalka: Man muss damit rechnen, dass Unternehmen die Überschussbeteiligung weiter reduzieren müssen, wenn die Einkünfte aus Kapitalanlagen weiter zurückgehen sollten und ihre Reserven ausgeschöpft sind. Die Aachener und Münchener wollen ihren hohen Standard - derzeit 6,3 Prozent - halten, werden aber endgültig erst zum Jahresende darüber entscheiden.

...und was geschieht, wenn die Börsentalfahrt weiter anhält?

Kalka: Jeder in der Politik und der Wirtschaft fordert Flexibilität, also die Fähigkeit, sich veränderten Situationen anzupassen. Dies gilt natürlich auch für Unternehmen. Sie müssen zuerst einmal ihre Strukturen und Kosten überprüfen. Und trotz aller Skepsis sollte man auch die Erwartung nach einem baldigen wirtschaftlichen Erholungsprozeß nicht ganz verdrängen.

Schon im vergangenen Jahr waren die Überschussbeteiligungen bei vielen Versicherern geringer? Hat man nicht zu lange mit falschen Zahlen und zu hohen Erwartungen bei der Überschussbeteiligung operiert?

Kalka: Nein, dieser Vorwurf ist zumindest im Hinblick auf unsere Gesellschaft unberechtigt. Wir waren sehr vorsichtig im Bereich der Kapitalanlagen und haben den Anteil der Aktien am Gesamtbestand zum richtigen Zeitpunkt angemessen hochgefahren und dann wieder stark reduziert.

Wo hoch ist denn der Anteil der Aktien an den Kapitalanlagen?

Kalka: Der Anteil der Aktien am Gesamtbestand beträgt Mitte dieses Jahres nur sieben Prozent.

Mit der gesetzlichen Rente allein kommt man in Zukunft nicht mehr über die Runden. Welche realistische Position nimmt in Zukunft die Kapitallebensversicherung bei den Vorsorgemodellen ein? Wie attraktiv bleibt die Kombination aus Geldanlage und Versicherung?


Kalka: Die Kapitallebensversicherung wird im gesamten Vorsorgetableau an Bedeutung gewinnen. Kein anderes Produkt verbindet Geldanlage und verlässliche private Altersvorsorge in dieser Form. Die Kapitallebensversicherung ist mit einer garantierten Verzinsung und der Steuerfreiheit konkurrenzlos.

Wir sehen ja, wohin es führt, wenn man ausschließlich von der Entwicklung der Aktienmärkte abhängig ist, wo momentan Milliardenwerte vernichtet werden. Der Klassiker Lebensversicherung hat eine große Zukunft vor sich.

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Aber einer Umfrage zufolge glauben nur noch 50 Prozent aller Policen-Inhaber, dass ihre Lebensversicherung sicher ist. Welchen Rat geben Sie Kunden, die trotz der Beruhigungspillen aussteigen wollen? Oder wie teuer wird der Ausstieg?

Kalka: Sie haben Recht, Angst existiert und es ist unsere Aufgabe, mit der uns zur Verfügung stehenden Beratungskompetenz die Kunden aufzuklären, sachlich zu informieren und ihre Besorgnisse damit zu beseitigen oder zumindest zu relativieren. Aus ganz anderen Gründen und lange vor diesen aktuellen Diskussionen haben wir unseren Kundenservice entscheidend ausgebaut.

Wir sagen den Millionen Kunden, die uns ihr Vertrauen schenken: Es gibt keinen Grund, an der Attraktivität und der Verlässlichkeit der Lebensversicherung zu zweifeln, auch wenn man die Überschussbeteiligung jetzt an das Niveau des Marktes anpassen musste. Die Vorteile überwiegen eindeutig und ein Ausstieg wäre im Sinne einer guten Altersvorsorge falsch und außerdem in der Regel mit gravierenden Nachteilen verbunden.

Der am Donnerstag diskutierte Notfallfonds soll in Not geratene kleine Gesellschaften -Êdie ja besonders großzügig in ihren Versprechungen waren - stützen und die Auszahlung der Garantiesummen sicher stellen. Führt die vorgesehene Auffanglösung am Ende auch zu einer stärkeren Konzentration in der Branche?

Kalka: Die Konzentration in der Versicherungsbranche ist seit geraumer Zeit im Gange und dieser Prozess wird sich in verschärfter Form fortsetzen.

Auf Dauer werden nur große, leistungsstarke Versicherungsunternehmen am Markt erfolgreich sein und bleiben, die außerdem noch in einem sehr potenten Konzern verankert sind. Die Marketingexperten sprechen in diesem Zusammenhang von den „Premiummarken”. Im Umkehrschluss bedeutet dies wohl, dass so manche kleinere Gesellschaft in eine Fusion gehen könnte.

Warum wird der vorgesehene Notfallfonds nicht zu einem Konkurssicherungsfonds erweitert?

Kalka: Es ist zunächst die Aufgabe der staatlichen Finanzaufsicht, sicherzustellen, dass jedes Lebensversicherungsunternehmen seinen Verpflichtungen nachkommen kann. Sollte dennoch ein Unternehmen in eine Schieflage geraten, wird die Branche dafür sorgen, dass kein laufender Vertrag Schaden nimmt. Das ist eine gute Nachricht für die Kunden.