Aachen: Dieselskandal verzögert Start des e.GO

Produktionsstart e.GO verzögert sich : Wie der Dieselskandal Aachens Elektroflitzer bremst

Weil Autozulieferer im Zuge des Dieselskandals die Freigaberegeln für ihre Bauteile verschärft haben, bleibt ausgerechnet der e.GO erst einmal in den Startlöchern stecken. 3200 Kunden, die das Elektroauto vorbestellt haben, müssen sich gedulden: Der Wagen kommt erst im April 2019 auf den Markt.

Dass ausgerechnet der Dieselskandal seinen kleinen Elektroflitzer vorübergehend ausbremst, hätte sich Günther Schuh wohl nicht träumen lassen. „Das ist wirklich ein bisschen abstrus“, sagt der Aachener Hochschulprofessor, der zugleich Gründer und Vorstandschef der e.GO Mobile AG ist. „Aber es ist tatsächlich so.“

Und das führt dazu, dass der e.GO „Life“, den das Aachener Unternehmen eigentlich ab Ende dieses Jahres in drei Leistungsklassen im neuen Werk auf dem ehemaligen Philips-Gelände an der Lilienthalstraße in Serie produzieren wollte, erst einmal in der Warteschleife geparkt werden muss. Vorübergehend jedenfalls. Denn der Start in die Serienproduktion und damit auch die Auslieferung der ersten, schon seit geraumer Zeit vorbestellten Elektroautos verzögert sich um rund drei Monate.

Schuld daran ist laut Schuh, dass viele Automobilzulieferer die Freigaberegeln für ihre Fahrzeugkomponenten erheblich verschärft haben. Und das wiederum sei eine direkte Reaktion auf den Dieselskandal, in dessen Verlauf Zulieferfirmen plötzlich vor Gericht hätten beweisen müssen, dass sie am Einbau von Schummelsoftware nicht beteiligt waren. Die Folge: Das Vertrauen der Teilelieferanten in die Hersteller ist geschwunden, die Zulieferer gehen nun lieber auf Nummer sicher. Und das bedeutet für die Aachener e.GO-Produzenten, dass sie nun Hürden nehmen müssen, mit denen vorher nicht zu rechnen war - obwohl das Unternehmen völlig neu und damit unbelastet am Markt ist und auch in Sachen Antriebsart vom Dieselskandal recht weit entfernt ist.

Insgesamt vier Zulieferer fordern laut Schuh nun unter anderem, dass sie ihre Komponenten im komplett fertiggestellten e.GO noch einmal ausgiebig testen und überprüfen können – und das ohne Beteiligung des Herstellers. Für den e.GO-Vorstandschef bewegt sich dieses Ansinnen zwar am Rande zur „Unverschämtheit“, denn „wir testen das Fahrzeug vorher schon bis ins Detail gemeinsam mit den Zulieferern“. Doch sind den Aachener Autobauern da die Hände gebunden: Ein Rechtsstreit würde nichts bringen, da so kurz vor dem Start in die Serienproduktion ein Wechsel zu neuen Lieferanten nicht mehr möglich sei.

Und deshalb steht man in Aachen nun mit einer im vergangenen Sommer feierlich eröffneten Fabrik da, liegt laut Schuh auch im behördlichen Zulassungsprozess im Plan – und muss trotzdem warten. Im November werde man die ersten 26 Autos fertig haben und diese dann zwecks Überprüfung an die Zulieferer schicken, sagt der Firmengründer. Diese Tests können dann bis zu drei Monate dauern. Die Straßenfreigabe für ihre Komponenten hätten die Zulieferer jedenfalls erst für April 2019 erteilt, worüber Schuh sogar noch froh sein muss. Denn ursprünglich hätte sogar eine Verzögerung bis zum Sommer gedroht, ehe es dann doch noch ein Entgegenkommen seitens der Vertragspartner gegeben habe. Deshalb stehen die Produktionsstraßen in der nagelneuen Aachener Autofabrik vermutlich bis März still. „Wir können nicht ab Dezember 2000 Autos auf Halde produzieren“, erklärt Schuh die Verschiebung. „Dafür ist das Risiko zu hoch, falls doch noch Änderungen nötig sind.“

Für die e.GO Mobile AG ist die Verzögerung ein neuerlicher Rückschlag. „Es wird uns wirklich nicht leicht gemacht“, sagt der Unternehmenschef. Denn ursprünglich hatte man die Serienproduktion bereits im zweiten Quartal dieses Jahres aufnehmen wollen, doch wurde dieser Plan unter anderem dadurch zunichte gemacht, dass ein großer Zulieferer übernommen wurde und damit ausfiel. Die aktuelle Verzögerung zwang das Unternehmen laut Schuh nun auch dazu, eine Überbrückungsfinanzierung zu stemmen und dabei einige Millionen aufzutreiben – was sehr gut gelungen sei, wie Schuh betont.

Ein Lichtblick ist für die Aachener Autobauer im Übrigen auch, dass die wartenden Kunden noch vergleichsweise duldsam sind. Rund 3200 Vorbestellungen kann die e.GO Mobile AG für den „Life“ verzeichnen, lediglich 43 Stornierungen habe es nach der neuerlichen Verzögerung gegeben, sagt Schuh: „Ich bin total begeistert, mit was für einer Loyalität unsere Kunden auf unser Auto warten.“

Um sicherzustellen, dass die Kundenwünsche ab April auch wirklich bedient werden können, plant das Unternehmen außerdem, im neuen Werk bereits ab Mitte des nächsten Jahres auf den Zwei-Schicht-Betrieb umzustellen, um schneller auf hohe Stückzahlen zu kommen. Dieser Schritt war eigentlich erst für Anfang 2020 vorgesehen. Zwar rechnet Schuh damit, dass man im kommenden Jahr trotzdem mit rund 7000 Fahrzeugen das Produktionsziel von 10.000 verfehlt, doch gehe man davon aus, dass alle bisherigen Vorbesteller ihren Wagen zwischen April und September 2019 erhalten werden, heißt es.

Um das zu erreichen, wird e.GO früher als geplant massiv Personal anwerben. Im vorigen Monat habe man bereits 43 neue Mitarbeiter eingestellt, sagt Schuh. Für die vorgezogene Umstellung auf den Zwei-Schicht-Betrieb benötigt man dann Mitte nächsten Jahres rund 250 statt vorher 140 Beschäftigte. Zumindest der Jobmotor wird bei e.GO durch den Dieselskandal offenbar nicht ausgebremst.

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