„Eine Luxussituation für Bewerber“: 1,12 Ausbildungsplätze gibt es pro Suchender in der Region

„Eine Luxussituation für Bewerber“ : 1,12 Ausbildungsplätze gibt es pro Suchender in der Region

Angesichts der aktuellen Zahlen auf dem Ausbildungsmarkt der Region spricht Astrid Brokmann von einer „Luxussituation für Bewerber“ und „einer prekäre Situation für Arbeitgeber“. Die Bereichsleiterin der Agentur für Arbeit Aachen-Düren stellt Angebot und Nachfrage wie folgt dar: „Wir verzeichnen einen stetigen Anstieg an Ausbildungsstellen, der in diesem Jahr darin gipfelt, dass wir mehr unbesetzte Stellen haben als junge Menschen, die noch einen Ausbildungsplatz suchen.“

Mit derzeit 3539 unbesetzten Ausbildungsstellen und 3166 unversorgten Bewerbern gibt es in der Region rein rechnerisch pro Ausbildungsplatzsuchenden 1,12 Ausbildungsplätze.

Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Auf 232 Bewerber mit dem Berufswunsch „Kaufmann/-frau im Einzelhandel“ kommen 244 unbesetzte Stellen.

Dass diese Rechnung im echten Leben trotzdem nicht aufgeht, habe verschiedene Gründe, erklärt Brokmann: „Wenn ich etwa einen Handwerksbetrieb mit drei Angestellten führe und alle zwei Jahre eine Nachwuchskraft ausbilde, dann ist es wichtig zu schauen: Passt der Bewerber zum Team? Passt er zu mir und passt die Chemie?“

Aber auch die Einstellung der Arbeitgeber spielt eine Rolle, damit Mensch und Ausbildung zusammenfinden. „Es geht nicht immer darum, die Besten der Besten zu bekommen“, mahnt Brokmann. Was wirklich zähle, sei die Motivation und die Bereitschaft der jungen Menschen, einen guten Job zu machen. „Vielleicht kommen sie dann nur mit Ach und Krach durch die theoretische Prüfung, vollbringen in der Praxis aber eine Glanzleistung.“

Gejammert habe man schließlich schon vor 20 Jahren, dass die Jugendlichen „nicht mehr so sind wie früher“, so Brokmann weiter, die bei der Arbeitsagentur das Themengebiet Ausbildung im Arbeitgeberkontext verantwortet sowie einen Teil der Berufsberatung. Ihr Appell an die Betriebe: jungen Menschen auch auf den zweiten Blick eine Chance zu geben.

„Wir haben diese Jugendlichen, wir haben keine anderen“, bekräftigt auch Agentursprecher Klaus Jeske. Die Sorge, die die Arbeitsagentur umtreibt: dass den Betrieben am Ende die dringend benötigten Fachkräfte fehlen. „So viele unbesetzte Ausbildungsstellen hatten wir Ende Mai noch nie.“ Zum Vergleich: 2018 waren es zum selben Zeitpunkt 3229, 2017 waren es 2907.

Das Problem: Während das Angebot an Ausbildungsstellen immer weiter steigt, geht die Zahl der gemeldeten Bewerber weiter zurück. Im Berichtsjahr 2018/2019 waren insgesamt 6642 Bewerber gemeldet, das sind 238 weniger als im Vorjahreszeitraum (-3,5 Prozent). „Dadurch verschärft sich die Situation maßgeblich. Wir haben es mittlerweile tatsächlich mit einem Bewerbermarkt zu tun.“

Brokmann spricht von einer „Riesenchance“ für die jungen Menschen, die jetzt noch auf der Suche nach ihrem Wunsch-Ausbildungsplatz sind. „Die Jugendlichen können sich die Ausbildungsstelle mehr oder weniger aussuchen, da der Bedarf der Betriebe extrem hoch ist.“ Querbeet durch alle Branchen seien noch Stellen im Angebot – vom medizinischen Fachangestellten bis hin zum Kfz-Mechatroniker. Trotzdem rät Brokmann den Bewerbern, einen Plan B in der Tasche zu haben: „Wenn man 50 Bewerbungen geschrieben hat und bisher keinen Erfolg hatte, sollte man sich mit Alternativen auseinanderzusetzen, die dem Traumberuf vielleicht nahe kommen, aber bei denen die Konkurrenz nicht so groß ist.“

Eine kurzfristige Berufsorientierung bietet die Arbeitsagentur in allen Geschäftsstellen der Region an, ebenso einen Bewerbungsmappen-Check im Rahmen einer Beratung. Der Vorteil einer Ausbildung liege schließlich auf der Hand: „Wer ohne Ausbildung arbeitet, hat ein viermal höheres Risiko im Laufe des Erwerbslebens arbeitslos zu werden“, warnt Brokmann.

In manchen Branchen sei das Risiko sogar wesentlich höher. „Wir empfehlen eindringlich, diesen ersten Weg zu gehen und auch durchzuhalten. Danach stehen viele Türen und Aufstiegsmöglichkeiten offen.“ Und das gelte nicht nur für die klassischen Schulabgänger. „Wir denken auch an diejenigen, die heute arbeitslos sind und keine Ausbildung absolviert haben sowie an bereits beschäftigte Menschen ohne Berufsabschluss.“

Insbesondere auch die „Zukunftsstarter“ nimmt die Arbeitsagentur in den Blick: junge Erwachsene ab 25 Jahren, die in der Vergangenheit mit einer Ausbildung gescheitert sind oder keine Möglichkeit dazu hatten. „Ausbildung ist nach wie vor der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit“, resümiert Jeske.

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