Auto oder kein Auto?: Zwei junge Frauen berichten über ihre alltägliche Mobilität

Auto oder kein Auto? : Zwei junge Frauen berichten über ihre alltägliche Mobilität

Das Thema Mobilität ist aktuell in aller Munde, sei es im Bezug auf den Klimawandel, drohende Dieselfahrverbote oder die Zulassung von E-Rollern. Zwei junge Frauen berichten, wie sie im Alltag mobil sind — eine ohne Auto und eine mit, eine aus der Stadt und eine vom Land.

Immer weniger junge Menschen in Deutschland machen den Führerschein, das zeigen Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Absolvierten 2010 noch knapp fünf Millionen Fahrer zwischen 17 und 24 Jahren erfolgreich ihre Prüfung, waren es Anfang 2019 nur noch rund 4,4 Millionen. Jungen Städtern ist außerdem laut einer Studie des Center of Automotive Management das eigene Auto nicht mehr besonders wichtig. Studenten fahren besonders wenig, zeigt das Centrums für Hochschulentwicklung (CHE): Nur noch jeder fünfte nimmt den Pkw zur Uni. Auch die Aachener legen laut einer aktuellen Erhebung im Vergleich zu 2011 zwar mehr Wege am Tag zurück, nutzen dafür aber immer weniger das Auto.

Zu diesen jungen Städtern gehört auch Lisa Sturm. Sie wohnt im Aachener Stadtzentrum und studiert im letzten Mastersemester Chemie an der RWTH. Ihr erstes Auto hatte sie schon mit 18. Damals, berichtet die heute 23-Jährige, sei das auch zwingend notwendig gewesen, denn sie wohnte in ihrem schlecht angebundenen Elternhaus in Merzenich-Golzheim. Als Lisa schließlich eine Wohnung in Aachen fand, ließ sie ihr Auto immer öfter stehen. Als dann eine teure Reparatur fällig wurde, verkaufte sie es kurzer Hand. Ihren nun autofreien Alltag sieht Lisa in erster Linie positiv: „Das Hauptproblem, warum ich das Auto, seit ich in Aachen wohne, kaum genutzt habe, ist die katastrophale Parkplatzsituation in der Innenstadt“, sagt die 23-Jährige. „Das war sehr lästig, und da sich die Fahrt mit dem Auto so auch zeitlich nicht gelohnt hat, stand es die meiste Zeit nur rum und hat Geld gekostet.“

Ihren Weg zur Uni bestreitet Lisa nun entweder mit dem Rad oder dem Bus, der viertelstündlich nahe ihrer Wohnung abfährt. Auch zu Fuß ist die Strecke in rund einer halben Stunde zu bewältigen. In der Stadt ist sie nun schneller und kostengünstiger unterwegs. Mit ihrem Umzug und damit dem Verzicht auf das Auto hat sich ihre alltägliche Mobilität im Allgemeinen verbessert.

Ausnahmen gibt es aber trotzdem: „Ich vermisse das Auto vor allem, wenn es um Ausflüge oder Transport geht, also zum Beispiel für eine Fahrt zu Ikea oder zum Blausteinsee“, erzählt die Studentin. „Ein Auto vereinfacht auch den Einkauf von Lebensmitteln, es ist aber für mich auch kein Problem, öfter zu Fuß frisch einzukaufen.“

Während also nach Lisas Erfahrungen zumindest in der Stadt gar kein Auto nötig ist, sieht es abseits der Metropolen schon anders aus. Lydia Kopplin ist 30 Jahre alt und wohnt in Hürtgenwald-Vossenack. Seit zweieinhalb Jahren ist sie Doktorandin an der RWTH Aachen im Bereich Biologie und fährt deshalb jeden Tag zum Uniklinikum. Das Leben in der „wunderschönen Eifel“ möchte sie aber nicht aufgeben.

Dafür muss ihr morgendlicher Weg gut geplant sein: „Zur täglichen Routine vor der Abfahrt gehört immer ein kurzer Blick in die Karten-App“, erklärt die 30-Jährige. „Welcher Weg ist der schnellste? Lieber durch die Stadt? Sobald ich mich entschieden habe, fahre ich dann je nach Verkehrslage zwischen 45 Minuten und einer Stunde.“ Auch sie hat mit der Parksituation besonders am Uniklinikum zu kämpfen. Da sie das Auto meist einige Straßen entfernt von ihrer Arbeitsstelle abstellen muss, kommt auf ihrem Weg noch ein rund zehnminütiger Fußmarsch hinzu. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln aber würde sich ihre Fahrt auf über zwei Stunden ausdehnen und wäre mit einigen Umwegen verbunden.

Für ihre Freizeitgestaltung ist die Doktorandin tatsächlich noch mehr auf das Auto angewiesen, denn der Bus, der unter der Woche wenigstens stündlich fährt, kommt sonntags nur zwei Mal täglich. „Ich brauche für fast alle Fahrten das Auto: Einkaufen, zum Fitnessstudio, um Freunde zu besuchen und so weiter“, sagt Lydia. „Gerade in meiner Freizeit würde ich das Auto aber sehr gerne stehen lassen.“ Auch in ihrem Bekanntenkreis hat fast jeder ein Auto. In Vossenack ist nicht viel zu spüren von dem Rückgang der Autofahrer, den die statistischen Erhebungen feststellen. Von einer Mobilitätswende ist man hier offenbar noch weit entfernt. Damit die öffentlichen Verkehrsmittel tatsächlich eine Alternative für Lydia wären, müssten deutlich mehr Busse zuverlässiger und preiswerter auf direkteren Wegen fahren:

„Ich denke, wir hängen in Deutschland in Sachen Mobilität noch weit hinterher“, sagt die 30-Jährige und erinnert sich an einen Urlaub in Schweden. Dort, so fand sie, verlief das Verkehrsnetz viel reibungsloser, angefangen beim Ticketkauf bis hin zu der guten Vernetzung der Verkehrsverbünde. Das würde Lydia sich auch für Deutschland wünschen. Eine Veränderung auf dem Land sieht sie aber noch in weiter Ferne. „In meinem Heimatort muss viel mehr passieren, bis die Menschen von ihren zuverlässigen, bequemen Pkw auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen“, sagt sie.

Lisa ist da in Sachen Mobilität der Zukunft schon optimistischer: „Meiner Meinung nach ist es nicht mehr zeitgemäß, dass jeder Mensch ein eigenes Auto hat, mit dem er dann jeden Tag allein zur Arbeit fährt“, sagt sie. „Gerade in Innenstädten, wo es ja bereits ein gutes öffentliches Verkehrsnetz gibt, ist jedes Auto nur eine unnötige Belastung.“ Zu viele Autos würden, so Lisa, nicht nur die Luft verpesten und damit die Lebensqualität in der Stadt mindern, sie bremsten auch öffentliche Verkehrsmittel wie Busse aus und sorgten für Stau. „Autos sind bei einem entsprechenden ÖPNV-Netz nicht für die alltäglichen Wege notwendig“, sagt sie. „Wenn man dann doch mal ein Auto braucht, kann man auf Carsharing-Angebote zurückgreifen.“

Lisa und Lydia beschäftigen auch die Umweltkosten ihrer Mobilität: „Ich mache mir durchaus Gedanken darüber, wie mein Lebensstil Einfluss auf das zukünftige Leben auf der Erde hat“, sagt Lisa. „Ich finde, dass pure Bequemlichkeit keine Begründung für Autofahrten ist, für die es auch eine angemessene ÖPNV-Alternative gäbe.“ Lydia kann darauf zwar nicht zurückgreifen, macht sich im Alltag aber trotzdem Gedanken über Klimaerwärmung und Schadstoffbelastung: „Ich achte darauf, Produkte aus regionalem Anbau zu kaufen, so wenig Müll wie möglich zu erzeugen und Strom zu sparen, wo ich nur kann“, sagt sie. „Die Anschaffung eines sparsamen Autos war mir sehr wichtig.“

Der Trend geht zum grünen Lebensstil, vor allem bei jungen Menschen. Nicht zuletzt die Europawahlen haben das gezeigt. Aber nciht nur Umweltbewusstsein, auch praktische Gründe können in der Stadt gegen das Auto sprechen. Wenn der öffentliche Nahverkehr an seine Grenzen kommt, ist der Pkw vielerorts aber noch ein zwingend notwendiges Forstbewegungsmittel. Begonnen hat die Mobilitätswende also bereits, nur eben nicht überall. Und zwischen Stadt und Land herrscht in der Praxis ein großer Unterschied.

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