Rebell-Comedian Khalid Bounouar: Ohne Lampenfieber, aber mit Fliege

Rebell-Comedian Khalid Bounouar : Ohne Lampenfieber, aber mit Fliege

Heute Aachen, morgen München – Khalid Bounouar kommt gut rum. Eigentlich wollte er Lehrer werden, nun ist er Comedian. Das Studium liegt auf Eis, der 28-Jährige tourt derweil durchs Land. Seit sechs Jahren gehört er zur RebellComedy-Gruppe aus Aachen, seine erste Solotour hat er gerade abgeschlossen. Der Comedian, der algerisch-marokkanische Wurzeln hat und in Eschweiler geboren wurde, hängt an Aachen: „Hier will ich nicht weg.“ Im Interview erzählt er, warum Klischees helfen können und warum Comedy für ihn auch Therapie ist.

Khalid, heute schon gelacht?

Khalid Bounouar: Ja, schon ein paar Mal. Allein wegen Sachen, die hier auf der Tafel stehen. Irgendwelche witzigen Sachen, die sich Leute im Büro ausgedacht und aufgeschrieben haben. Während des Meetings gerade hab ich darauf gelesen und musste lachen, obwohl das ein ernstes Meeting war. Über sowas lache ich – über Wortspiele und Insider.

Worüber noch?

Bounouar: Eigentlich bringt mich ziemlich viel zum Lachen, und man kann mich einfach zum Lachen bringen. Ich hab auch einen sehr pubertären Humor. Aber wenn jemand versucht, zu zwanghaft lustig zu sein, dann analysiere ich eher.

Warum derjenige das jetzt braucht?

Bounouar: Genau. Sowas erlebt man oft, wenn man mit vielen Comedians unterwegs ist. Da merkt man dann: Außerhalb der Bühne versucht sich jeder zu battlen. Wer ist lustiger? Man merkt, wer im echten Leben auch lustig ist und das einfach nicht abstellen kann, und wer das macht, um sich zu profilieren.

Und wozu gehörst du?

Bounouar: Ich bin generell ruhiger, als man erwarten würde. Aber ich mache auch viel Blödsinn. Das ist dann manchmal alberner Humor, wo andere sagen „Krass, und du verdienst mit Comedy dein Geld?“.

Kannst du auf Knopfdruck lustig sein?

Bounouar: Ich glaube, ja. Das ist ja mein Job! Also wenn ich eine Themenvorgabe habe. Aber wenn auf der Straße einer kommt und will ein Foto machen und dann soll ich einen Witz erzählen – nee. Ich kann mir Witze eh nur ganz schlecht merken, weil ich ja auf der Bühne auch keine erzähle.

Also, wenn ich mir jetzt ein lustiges Thema überlege, kannst du mich zum Lachen bringen?

Bounouar: Es muss nicht lustig sein. Wenn wir darüber reden, wird mir bestimmt was Lustiges einfallen. Es ist schließlich mein Beruf. Lustig zu sein ist mein Beruf. (kurze Pause) Du überlegst ja immer noch.

Ja, aber mir fällt spontan nichts ein. . .

Bounouar: Lass es sein, das klappt jetzt nicht. (lacht) Guck, ein anderes Beispiel: Ein Zahnarzt. Wenn ich den auf der Straße treffe, gehe ich auch nicht hin und sag: „Guck mal, meine Zähne“. Aber wenn ich mit einem Zahnarzt zusammensitze, er ein Freund von mir ist und ich ihm sage: „Da hinten hab’ ich irgendwie komisch draufgebissen“, dann sagt er: „Ach, zeig mal“. Dann muss ich gar nicht fragen. Und bei mir ist das genau das Gleiche.

Was findest du denn gar nicht witzig, außer Witze auf Kommando zu erzählen?

Bounouar: Wenn auf einer Sache total rumgeritten wird. Ich nehme manchmal auch Leute in meinen Shows auf den Arm, aber das sind dann Situationen, die auf Sympathie aufbauen. Also wenn du jetzt zum Beispiel bei mir im Publikum sitzt und ich einen Gag über dich mache, dann hab ich vorher über mich selbst schon zehn Gags gemacht. Dann funktioniert das. Komplett unlustig finde ich auch diese Videos, wo Leute hinfallen oder Menschen mit geistiger Behinderung gefilmt werden. Ich frage mich dann eher: Wie kann das einer filmen?

Warst du denn schon immer der Witzbold?

Bounouar: In der Schule, ja. Aber es war nie mein Ziel, Comedian zu werden. Ich hab vorher Musik gemacht, Theater gespielt und getanzt und bei Poetry Slams mitgemacht. Comedy war das Letzte, das ich gemacht habe.

Und warum ist das besser als der Rest?

Bounouar: Weil du als Comedian das alles und mehr machen kannst. Wenn du einen Fernsehschauspieler nimmst, der auf einmal ein Lied rausbringt. Dann ist er für dich immer noch der Schauspieler, der jetzt Musik macht. Der Comedian kann in einem Film mitspielen, der kann ein Lied rausbringen. Dann ist er vielleicht auch der Comedian, der versucht, Musik zu machen, aber in der Regel weniger als das bei einem Schauspieler der Fall wäre. Der Comedian hat einfach eine größere Bandbreite.

Was zeichnet RebellComedy aus?

Bounouar: Es ist ein Humor, der eher auf unsere Generation zugeschnitten ist. Vor ein paar Jahren war der Durchschnitts-Comedian Minimum 35, 40 Jahre alt. Genauso der Zuschauer. Mittlerweile hast du Comedians, die Anfang 20 sind. Und auf einmal ist Comedy cool, und auch ein 16-Jähriger will das gucken. Und das unterscheidet Rebell von vielen anderen Formaten – wir sind jung und junggeblieben.

Kulturen und Nationalitäten sind oft ein Thema in eurem Programm. Läuft man da nicht Gefahr, in Klischees zu verfallen?

Bounouar: Klar sind das Klischees.

Ist das nicht abgegriffen?

Bounouar: Doch, klar. Das ist meine Tür, damit komme ich rein. Kulturen und Nationalitäten sind das erste, woran du denkst, wenn du mich siehst.

Ist das so?

Bounouar: In der Regel. Wenn auf der Bühne ein Kaya Yanar steht, willst du erst mal wissen: „Aus welchem Land kommst du überhaupt?“. Dann fängt er darüber an zu reden, und wenn das dann abgeschlossen ist, redet er über andere Sachen. Und so fängt das bei mir auch an. Ich eröffne mit einem Klischee, um es dann zu zerstören. So, dass der Zuschauer denkt: „Irgendwas stimmt hier doch nicht“.

Was zerstörst du denn so?

Bounouar: Wenn man sich mal uns bei RebellComedy zum Beispiel anguckt, dann siehst du: Wir sind ein Haufen Leute mit Migrationshintergrund, die anscheinend lustig sind oder zumindest meinen, sie wären lustig. Aber: So gut wie jeder von uns ist Akademiker. Das zerstört das Klischee, das viele vom Menschen mit Migrationshintergrund haben.

Das heißt aber ja auch, dass ihr mit Vorurteilen zu tun habt.

Bounouar: Klar. Aber wenn du diese Vorurteile hast und siehst uns . . . Einer der Gründer von RebellComedy hat Literatur studiert. Wir jonglieren mit Klischees und Vorurteilen. Das baut Sympathie auf. Einer der wichtigsten Faktoren im Stand-Up-Comedy-Bereich übrigens.

Gibt es Klischees, die dich selbst so sehr nerven, dass du sie auch als Türöffner nicht mehr benutzt?

Bounouar: Ja, diese typischen Sachen wie dem Staat auf der Tasche liegen, kein Deutsch sprechen zu können, Gemüsehändler zu sein. Am Anfang macht man die ganze Zeit über solche Sachen Witze, und das ist auch wie eine Therapie, aber irgendwann nicht mehr.

Eine Selbsttherapie?

Bounouar: Ja, ich therapiere mich selbst. Dann ist das Thema abgeschlossen, und ich bin darüber weg, dass ich Gemüsehändler genannt wurde. Und jetzt machen wir weiter. Was bin ich jetzt? Autohändler.

Und was kommt danach?

Bounouar: Wahrscheinlich Teppichladenbesitzer oder so. (lacht)

Wo ist bei deinen Witzen deine Grenze?

Bounouar: Meine Grenze ist: Meine Mutter guckt das. Was ich vor meiner Mutter nicht sagen würde, das sage ich auch nicht auf der Bühne.

Bist du eigentlich nur witzig oder willst du auch was rüberbringen?

Bounouar: Ich muss zugeben, bis vergangenes Jahr war ich noch in dem Stadium, in dem ich keinen belehren wollte und überwiegend Klamauk machen wollte. Alles andere kam mir so aufgesetzt vor. Mittlerweile versuche ich, immer mehr Botschaften einzubauen. Der Comedian ist auch eigentlich einer der wenigen, der sagen kann, was er will, ohne dafür belangt zu werden. Das ist eine ziemlich gute Möglichkeit, die wir auch nutzen sollten.

Wenn du nicht oberlehrerhaft sein willst, wie wär’s dann mit einem Tipp? Zum Beispiel ganz klassisch gegen Lampenfieber?

Bounouar: Die Sache ist: Ich kenne das gar nicht richtig. Weil ich seit meiner Kindheit auf der Bühne stehe. Bei mir kommt vorher eher ein Herzrasen, aber es ist eine positive Aufregung. Im Sinne von „Gleich geht’s endlich los“. Die Bühne macht mir keine Angst. Ob da zehn Leute sitzen oder 10.000 – das ist mir dann egal. Deshalb kann ich dir eigentlich gar keinen Tipp geben . . .

Und was machst du, wenn 300 Leute vor dir sitzen und dich nicht lustig finden?

Bounouar: Das war gespielt. War meine Absicht, natürlich. (lacht)

Im Ernst: Das kratzt doch am Ego, oder?

Bounouar: Ja, aber dann musst du halt besser werden und noch mehr an dir arbeiten.

Warum trägst du eigentlich eine Fliege auf der Bühne?

Bounouar: Das hat sich so ergeben. Die Leute, die zur Show kommen, die machen sich schick. Die kommen da mit Frau, Freundin, Mutter, Vater, Kindern, und alle sind schick.

Und da willst du auch schick sein?

Bounouar: Genau. Die Fliege war dann so prägnant, dass ich eben von da an der Typ mit der Fliege war. „Khalid“ war schwierig auszusprechen, „Typ mit der Fliege“ war da leichter.

Was ist, wenn du einen schlechten Tag hattest und trotzdem auf die Bühne musst?

Bounouar: Wir sagen immer: Es gibt Auftritte, die sind Spaß, und es gibt Auftritte, da musst du arbeiten. Das kann an dir liegen oder an den Umständen. Aber es ist eben immer noch ein Job.

Also ist es manchmal anstrengend, immer lustig zu sein?

Bounouar: Nein, ich habe noch nicht diesen Punkt erreicht, an dem ich sage, das ist jetzt nur ein Job. Und den Punkt werde ich auch hoffentlich nie erreichen. Dafür macht es einfach zu viel Spaß und erfüllt mich zu sehr. Wie ein Arzt, der seine Patienten heilt. Ich habe Comedy gemacht, als ich noch kein Geld damit verdient habe. Und ich würde das vermutlich auch jetzt noch machen, selbst wenn ich nichts damit verdienen würde.