Aachen: Jung trifft alt: Eine ungewöhnliche Freundschaft

Aachen: Jung trifft alt: Eine ungewöhnliche Freundschaft

Sie kann kaum noch sprechen, jede Bewegung fällt ihr schwer und ihre Beine tragen sie schon lange nicht mehr. Umso mehr freut sich die alte Frau, wenn Felicitas Frick zu Besuch ins St. Elisabeth Altenheim kommt und sie mit ihrem Rollstuhl ins Grüne fährt. Dort kann sie die Blumen bewundern, die ihr früher das tägliche Wandern versüßt haben.

Seit Felicitas Frick ihr Freiwilliges Soziales Jahr in einer Wohngemeinschaft für Demenzpatienten in Freiburg absolviert hat, will die 23-Jährige auch ihre Kommilitonen dazu bewegen, Kontakt zur älteren Generation zu suchen. Deshalb hat die Masterstudentin der Umweltingenieurwissenschaften an der RWTH Aachen vor drei Jahren den Studentischen Besuchsdienst (Stubdi) als Hochschulgruppe gegründet.

Haben viel Spaß beim Sportkurs: Felicitas Frick (2.v.r) und ihr Tanzpartner Foto: Peter Winandy

Der Besuch von älteren Verwandten ist für junge Menschen meist eher Pflichtveranstaltung als Spaß. Die Zeit im Altenheim wird gerne auf wenige Stunden an wichtigen Feiertage reduziert. Die Idee, kostbare Freizeit mit fremden Senioren zu verbringen, klingt daher für viele Studenten erst einmal befremdlich. Doch die Initiative von Felicitas hat Erfolg: Etwa 15 Studenten verschiedener Fachrichtungen besuchen regelmäßig ihre sogenannten Patengroßeltern in Aachens Altenheimen. Sie backen mit den Bewohnern und helfen bei Sport- und Spielegruppen. Mehr als 40 Studenten helfen in unregelmäßigen Abständen bei verschiedenen Aktionen des Besuchsdienstes mit.

Wichtiger Austausch

Besonders die Einzelbesuche sind bei den Senioren beliebt. Zwar gibt es in den Altenheimen viele Gruppenangebote, doch die gefallen nicht allen Bewohnern. „Die Senioren haben bei der Einzelbetreuung das Gefühl, dass sich jemand nur für sie interessiert“, erklärt Felicitas. Zwischen Paten-Opa oder Paten-Oma und Student entsteht mit der Zeit eine besondere Freundschaft. Ohne Kinder und Enkelkinder, die zu Besuch kommen, hätten viele Senioren sonst den Kontakt zur jüngeren Generation verloren.

Der Austausch lohnt sich für beide Seiten, davon ist Felicitas fest überzeugt. „Für junge Menschen ist es wichtig, zu sehen, dass jeder eine eigene Persönlichkeit hat. Es ist nicht einfach eine graue Masse von Menschen, die irgendwo im Altenheim ihr Leben fristet. Jeder von ihnen hat erlebt, was wir noch vor uns haben“, sagt Felicitas. „Sie mussten schwere Entscheidungen treffen, hatten Berufe und haben Kinder großgezogen. Sie erzählen uns, was sie anders gemacht hätten, wenn sie könnten.“

Unterstützung erhält der Stubdi von der Evangelischen Studierendengemeinschaft (ESG). In Seminaren und Einzelgesprächen lernen die Studenten, wie sie sich in schwierigen Gesprächssituationen verhalten können. Denn die Besuche sind manchmal belastend. Statt über das Wetter möchten einige Senioren über verstorbene Partner oder die Beerdigung ihrer Kinder sprechen. Sie reden mit ihren Paten auch über den Tod, den Wunsch zu Sterben oder darüber, wie schlimm es ist, alt zu sein. „Ältere Menschen haben selten die gleichen Gesprächsthemen wie junge Leute“, sagt Felicitas. „Da werden zuerst die Ereignisse erzählt, die das Leben am meisten beeinflusst haben“.

Trotz dieser Herausforderung verbringen die Mitglieder des Stubdi gerne Zeit im Altenheim. „Das Positive überwiegt einfach, auch wenn manche Gespräche bedrückend sind“, sagt Felicitas entschlossen. „Man kann kreativ sein und sich neue Beschäftigungen einfallen lassen", fügt sie hinzu. Sie ist fasziniert von den Geschichten, die erzählt werden. „Ich frage mich immer: Was erzähle ich, wenn ich später alt bin? Was bleibt bei mir mal hängen?“

Die Mitglieder der Hochschulgruppe sind inzwischen Freunde geworden. Sie motivieren sich gegenseitig, tauschen sich über Probleme aus und planen gemeinsam die nächsten Aktionen, Vorträge und Filmabende. Trotz Vollzeitstudium und Nebenjob investiert Felicitas viel Zeit in die organisatorische Arbeit für den Studentischen Besuchsdienst. „Für mich ist das ganz normal“, sagt die angehende Umweltingenieurin.

Sie hofft, dass sich das Bewusstsein in der Gesellschaft gewandelt hat, bis sie selbst alt ist. „Es sollte zur Normalität werden, dass sich jeder um den anderen kümmert und es sollte nicht als krasses Engagement gelten, wenn man für seine Nachbarin einkaufen geht. Jeder soll etwas zum Gemeinwohl beitragen“, sagt die Studentin entschlossen.

Felicitas Idee kommt in den Altenheimen gut an. Schon jetzt ist die Nachfrage so groß, dass die Studenten nicht jedem gerecht werden können. Deshalb ist der Studentische Besuchsdienst auf der Suche nach neuen Mitgliedern.

Annika Thee

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